LUKAS NIEDERBERGER

Biografie

Lukas Niederberger ist am 20. Juni 1964 geboren, in Wil SG aufgewachsen und hat in Engelberg 1984 die Matura absolviert. 1985 ist er in den Jesuitenorden eingetreten, studierte Philosophie in München und Theologie in Paris. Von 1995-2008 wirkte er in der Leitung des Bildungszentrums Lassalle-Haus Bad Schönbrunn oberhalb Zug. Im Jahr 2007 verliess er den Jesuitenorden und war mehrere Jahre publizistisch tätig. Seit Juni 2013 leitet er die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) mit Sitz in Zürich.

1964 Geboren am 20. Juni in St. Gallen, aufgewachsen in Wil SG

Meine Eltern: Josef (1928-2004) und Annelis geb. Luternauer (1934)

Mein Vater war als Haus- und Amtsarzt Tag und Nacht im Einsatz - eine aussterbende Spezies... Als Armee-Oberst führte er die jährlichen Lager ein für 600 Menschen mit Behinderungen in Melchthal. Und irgendwann schrieb er in nächtlichen Stunden historische Bücher, von Familiengeschchte bis zur Sozialgeschichte der Medizin während der Helvetik im Kanton St. Gallen. Meine Mutter erzog uns fünf Kinder und später auch zu einem grossen Teil die Enkelinnen und Enkel. Zur Erziehung gehörte u.a. das Skifahren mit spätestens 2 Jahren. Und auch wenn alle behaupten, dass ihre eigene Mutter die beste Köchin der Welt sei, bei mir ist es absolut so!

Meine Geschwister: Christoph (links), Angelika (rechts) sowie die jüngeren Zwillinge Katharina (links) und Franziska (rechts).

1971-1977 Primarschule in Wil / SG

In dieser Zeit gehörte ich noch zu den Klassenbesten und konnte meine Hausaufgaben meistens schon während der Schulstunden erledigen. So merkte es meine Mutter nicht, dass ich daheim eigentlich immer nur die Strafaufgaben fürs Schwatzen absolvierte.

1971-1977 Mitglied bei den Pfadfindern (vulgo Gispel)
1977-1979 Sekundarschule in Wil / SG 
1979-1982 Kantonsschule St. Gallen

Die Arbeit als Redaktor bei der Schülerzeitung zeigte mir bereits früh die Mühsal journalistischen Wirkens auf. Mehrere Lehrpersonen intervenierten gegen meine Veröffentlichung ihrer sexistischen Sprüche gegen Schülerinnen. Im Sommer 1982 verlasse ich die Schule.

1982-1984 Stiftsschule Engelberg (Matura Typ B mit Latein)

Im März 1994 verbringe ich mit meiner Maturaklasse Besinnungstage im Lassalle-Haus unter der Leitung von P. Alois Baiker SJ. In diesen Tagen entsteht mein Wunsch, in den Jesuitenorden einzutreten.

1985 Rekrutenschule Infanterie Übermittlung, Fribourg

Der wöchentliche kritische Bericht im "St. Galler Tagblatt" führt zu einer Intervention der Ostschweizer Offiziersgesellschaft bei der Armeeführung.

1985 Praktikum bei den Jesuiten im Silveira House bei Harare, Zimbabwe 
1985-1987 Noviziat der Jesuiten, Innsbruck, mit mehrmonatigen Praktika (u.a. Clara-Spital in Basel und am Fliessband der Vetropack in Bülach)
1987-1989 B.A. in Philosophie (Hochschule für Philosophie, München)
1988 Praktikum beim Radio Vatikan, Rom
1988-1989 Studentenvertreter an der Hochschule für Philosophie, München
1989-1991 Praktikum im Kath. Akademikerhaus AKI, Zürich mit Niklaus Brantschen, Gianni Molinari und Hans Schaller

und Schweizer Leitung der Jesuitenjubiläen (500 Jahre Ignatius und 450 Jahre Jesuitenorden)

1991-1994

M.A. in Theologie (Centre Sèvres, Paris)

Ein Mitbruder meiner Pariser Jesuiten-Wohngemeinschaft leitete den Asylbereich der Caritas in Paris. Im Dezember 1993 berichtete er, dass ein muslimisches Ehepaar mit einem 3-monatigen Baby mit einer UNO-Maschine via Italien nach Paris fliehen konnte und dass man sie unmöglich in eine Massununterkunft stecken könne. So machten wir für sie einen Teil des Hauses frei und ich war die Bezugsperson für sie.

 

Bosnische Flüchtlinge werden zur zweiten Familie Aldijana und Meryem Bucalo 1993

 

Am 22. Dezember 1993 kamen sie wie Maria und Josef mit einem Koffer und dem Kind an. 1997 zogen sie wieder zurück nach Sarajevo. Frankreich anerkannte Aldijanas 5 Jahre Medizinstudium in Sarajevo nicht an, obwohl sie im Krieg sogar ohne Narkose Arme und Beine amputierte. Sie hätte das Studium von vorn beginnen müssen. Die Ironie der Geschichte war, dass sie als Ambulanz-Medizinerin im Jahr 2000 in Sarajevo dem französischen Botschafter nach einem Schlaganfall das Leben rettete und seither das gesamte französische Botschaftspersonal medizinisch betreut. In Paris verbrachte ich jeden Tag Stunden mit dee Flüchtlingsfamilie und bekam auch die Traumatisierung aus nächster Nähe mit. Diese Erfahrung hat mich für die Migrationsthematik entscheidend geprägt.

Von 1998-2004 beherbergte ich im Lassalle-Haus bei Zug einen Flüchtling aus Sri Lanka, dessen Asylgesuch abgelehnt worden war. Bei einer Personenkontrolle in Luzern wurde er im Juli 2004 entdeckt und in Ausschaffungshaft gesteckt. Der damalige Kantonsrat, FIFA-Sekretär und heutige Zuger Regierungsrat Heinz Tännler setzte sich dafür ein, dass dem Lassalle-Haus der Bildungsbeitrag des Kantons Zug gestrichen wurde. Dank des medialen Drucks leitete das Bundesamt für Migration ein Wiedererwägungsverfahren ein, wo die Situation des Flüchtlings erstmals seriös abgeklärt wurde. Sofort erhielt dieser den Flüchtlingsstatus und sogar den Ausweis C.

Im Sommer 2007 bin ich aus dem Jesuitenorden ausgetreten. Dafür gab es tiefere Gründe, beeinflussende Faktoren sowie einen Auslöser. Dass dieser Schritt mit vielen Fragen und Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten verbunden war, ist nachvollziehbar. Aber die Ängste sollten nicht meine zweite Lebenhälfte prägen.

Das Glück war mir hold. Auf der beruflichen Ebene fand ich stets spannende Tätigkeiten und behielt daneben stets meine Standbeine: Bücher schreiben, Kurse leiten und Rituale gestalten. Und auf der privaten Ebene hatte ich das Glück, im 2009 meine Partnerin Karin kennenzulernen.

                                                              

 

Auch wohnmässig habe ich ein riesiges Glück. Ende 2010 bezog ich meine Wohnung in Rigi-Klösterli auf 1300 Metern Höhe. Nebel kenne ich nur von meiner Pendlerreise ins Büro in Zürich und in den Zeiten, wo ich bei Karin in Luzern weile.

 

                                                     

"Meine" Sitzbank auf dem Rigi-Rotstock mit Sicht auf Pilatus und Nebelmeer

 

Seit Sommer 2013 wirke ich als Geschäftsleiter der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Viele kennen die SGG nicht. Wenn ich erzähle, dass wir in erster Linie die Freiwilligenarbeit in der Schweiz erforschen und fördern, dann finden das zwar alle sinnvoll, bringen das Thema aber nicht mit der SGG in Verbindung. Auch wenn ich die anderen Programme und Projekte der SGG aufzähle, staunt das Gegenüber jeweils, ob beim Programm SeitenWechsel (Weiterbildung für Kaderleute in sozialen Institutionen), bei Job Caddie (Mentoring-Programm zur Berufsintegration von jungen Erwachsenen), Intergeneration (Plattform zur Förderung von generation-verbindenden Projekten) oder Einzelfallhilfe (für Armutsbetroffene, die von der staatlichen Sozialhilfe nicht unterstützt werden). Erst wenn ich sage, dass die SGG anno 1860 das Rütli der Eidgenossenschaft schenkte und seither verwaltet und dort am 1. August die Bundesfeier organisiert, heisst es "ach so, das seid ihr!". Und wenn ich dann noch ergänze, dass ich auch das Projekt für einen neuen Text der Nationalhymne leite, kennen praktisch alle die SGG. Und es ist stets für Gesprächsstoff gesorgt.

 

                                                                

 

Inhaltlich schlägt mein Herz für alle Projekte. Gleichzeitig liegt mir die Förderung der Freiwilligenarbeit besonders nahe. Denn es wird eine immer wichtigere Frage, wie die Schweiz und andere Länder langfristig die gesellschaftlich notwendigen Dienste (vor allem in der care-Arbeit) garantieren und finanzieren können. Persönlich bin ich überzeugt, dass es nicht genügen wird, wenn allein Freiwilligenorganisationen für zivilgesellschaftliches Engagement werben. Auch der Staat und die Wirtschaft sind gefordert. In Deutschland existiert eine klare politische Freiwilligenstrategie und eine entsprechende Förderung der unentgeltlichen Arbeit. Gemeinden hätten sehr viel Potenzial zur Förderung von Freiwilligenarbeit. Und Firmen könnten mit flexibleren Arbeitszeiten und bewusster Vorbereitung der Mitarbeitenden über 55 Jahren das freiwillige Engagement ihrer Mitarbeitenden effektiv fördern. An diesem Thema werde ich in den kommenden Jahren noch verstärkt dran sein.