LUKAS NIEDERBERGER

Biografie

Am 20. Juni 1964 bin ich in St. Gallen geboren und in Wil SG aufgewachsen. 1985 bin ich in den Jesuitenorden eingetreten, studierte Philosophie in München und Theologie in Paris. Von 1995-2008 wirkte ich in der Leitung des Bildungszentrums Lassalle-Haus Bad Schönbrunn oberhalb Zug. Im Jahr 2007 verliess ich den Jesuitenorden und war mehrere Jahre publizistisch tätig. Von 2013 bis 2022 leitete ich die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) in Zürich.

Ich bin am Samstagmorgen, 20. Juni, um 1.20 Uhr, in St. Gallen geboren.

Die Geburt dauerte keine Viertelstunde, da ich das Licht der Welt beinahe auf dem Weg von Wil nach St. Gallen im Auto erblickte.
Ich bin nicht nur horoskopmässig ein Zwilling, sondern auch von meiner Veranlagung her:
Ich besitze zwei Milzorgane und am rechten Fuss sechs Zehen. 
Der Zwilling in mir erklärt wohl, warum ich Vielfalt und sehr unterschiedliche Menschen und Positionen gut verbinden kann
und warum ich gerne Menschen und Gruppen zusammenbringe, die scheinbar nicht zusammenpassen.

Nach mir wurden dann definiv zwei Zwillingsschwetern geboren.
Meine Sandwich-Position als drittes von fünf Kindern erklärt wohl auch, warum ich bis ins Erwachsenenalter gerne den Pausenclown spielte.

Meine Eltern: Josef (1928-2004) und Annelis geb. Luternauer (Geburtsjahr geheim)

Mein Vater wurde in Luzern geboren. Sein Vater war Schweinehändler. Während viele seiner Kollegen in die USA emigrierten, fand er 1930 Arbeit in der Ostschweiz. Mein Vater war als Haus- und Amtsarzt Tag und Nacht im Einsatz - eine aussterbende Spezies... Als Armee-Oberst führte er die jährlichen Lager ein für 600 Menschen mit Behinderungen in Melchthal. Und irgendwann schrieb er in nächtlichen Stunden historische Bücher, von Familiengeschchte bis zur Sozialgeschichte der Medizin während der Helvetik im Kanton St. Gallen. Meine Mutter wuchs als Wirtshaus- und Metzgertochter in der Republik Schmidgasse in Stans auf. Die Maxime des dortigen Lebens lautet: Was denken und sagen die anderen Leute über mich oder was könnten sie vielleicht sagen und denken? Mein Mutter war in den 70er Jahren ein der Tennis-Queens von Wil. Zur Erziehung gehörte auch, dass wir Kinder das Skifahren mit spätestens 2 Jahren erlernten. Und auch wenn alle behaupten, ihre Mutter sei die beste Köchin der Welt: Bei mir ist es definitiv so - absolut objektiv.

Von 1971 bis 1977 besuchte ich die Primarschule in Wil SG.

In dieser Zeit gehörte ich noch zu den Klassenbesten und konnte meine Hausaufgaben meistens schon während der Schulstunden erledigen. So merkte es meine Mutter nicht, dass ich daheim eigentlich immer nur die Strafaufgaben fürs Schwatzen erledigte.

Neben der Schule sah man mich nie auf einem Fussballfeld, obwohl ich aus Gruppendruck ein Shirt vom FC Basel und Turschuhe der Marke Adidas Rom besass. Im Sommer verbrachte ich die Freizeit lieber in der Badi, wo wir fürs Auflesen von Abfall jeweils ein Glacé oder eine Cola erhielten.

Die Samstagnachmittage verbrachte ich bei den Pfadfindern. Mein Vulgo lautete Gispel, heute würde man mich wohl ADHS taufen.

An den winterlichen Sonntagen trainierte ich jeweils im Rietbad in der Jugend-Ski-Renngruppe.
Aber bei Rennen startete ich gefühlt jeweils als 350. Athlet und hatte auf der augefahreren Piste das Gefühl, auf einer Bobbahn unterwegs zu sein.

 

Nach der Sekundarschule verbrachte ich drei Jahre an der Kantonsschule St. Gallen. Mit 15-18 Jahren galt mein primäres Interesse nicht wirklich dem vermittelten Lehrstoff. Ich fokussierte mich auf das Schreiben von Drehbüchern und Abfilmen von Filmszenen. Das war noch die Zeit von Super-8. 5 Minuten Film kosteten ein halbes Vermögen und Szenen konnten nicht x-fach gefilmt werden. Einen Oscar habe ich zwar nie gewonnen, aber es hat unglaublich Spass gemacht.

 

Die Arbeit als Redaktor bei der Schülerzeitung der Kantonsschule St. Gallen zeigte mir leider schon früh die Mühsal journalistischen Wirkens auf. Mehrere Lehrpersonen intervenierten gegen meine Veröffentlichung ihrer sexistischen Sprüche gegenüber Schülerinnen. Im Sommer 1982 zog ich es darum vor, die Schule zu wechseln und nach Engelberg zu ziehen, wo auch die Skipisten etwas näher gelegen waren als in St. Gallen.

Von 1982-1984 weilte ich im Klosterdorf. Das Regime im Internat war nicht ganz auf dem Stand der Dinge. An Wochentagen mussten wir um 20 Uhr im Haus sein. In der Folge mussten wir an den Samstagen bis Mitternacht ziemlich kompensieren. Dass wir nur in den Ferien nach Hause gehen konnten, habe ich damals zwar oft bedauert, aber es ermöglichte bespielsweise, dass wir zwischen Dezember und März jeweils ein Theaterstück probten und rund 20 Mal aufführten. Mit meinem Banknachbar Matthieu Camenzind spiete ich während des Unterrichts in den zwei Jahren gefühlte 500 Mal Schffli-versenken. Im März 1984 verbrachte ich mit meiner Klasse Besinnungstage im Lassalle-Haus bei Zug unter der Leitung des Jesuitenpaters Alois Baiker. In diesen Tagen entstand mein Wunsch, in den Jesuitenorden einzutreten. Zwei Tage nach meinem 20. Geburtstag hielt ich das Maturazeugnis in der Hand und zog wieder in die Ostschweiz. 

Den Rest des Jahres 1984 verbrachte ich mit einer 3-monatigen USA-Reise mit zwei Freundinnen. Dort ass ich vermutlich meinen letzten Hamburger. In New York hörte ich auf meinem Stehplatz an der Met Domingo "Lohengrin" singen. Als ich 15 Jahre später mal in New York war und in der Loge des Operndirektors sitzen durfte, sass Domingo hinter mir, was mir etwas seltsam vorkam und  ihn bat, mit mir den Platz zu tauschen.

 

Im Frühjahr 1985 besuchte ich 17 Wochen lang de militärische Rekrutenschule als Telefonist in Fribourg. Die meiste Zeit verbrachte man mit Warten. Einmal wurde meine 4er-Gruppe  eine Woche lang in einer Garage vergessen. Zum Glück lag gegenüber ein feines Restaurant. Wöchentlich berichtete ich im "St. Galler Tagblatt" über den Alltag in der Rekrutenschule. Dabei erfuhr ich erneut die Mühsal des journalistischen Daseins. Die Ostschweizer Offiziersgesellschaft intervenierte bei der Armeeführung und verlangte ein Schreibverbot. Bei empathischen Leserinnen lösten meine Berichte eher Mitleid aus. Und so kam es, dass ich in rund 100 Diensttagen ebensoviele Fresspäckli erhielt und in den Ruhepausen Briefe und Pakete verdankte. Als künftiger Ordensmann hätte ich mich leicht von der RS dispensieren lassen können. Aber damals galt noch das Narrativ: "Wer nicht in der Armee war, ist nicht legitimiert, bei Friedensfragen mitzureden."

Noch vor dem Eintritt ins Noviziat der Jesuiten in Innsbruck verbrachte ich den Sommer 1985 im Silveira House bei Harare in Zimbabwe. Im Bildungszentrum der Jesuiten wirkten auch zwei Schwestern von Präsident Mugabe, die aber wie die Schwetsern von C. Blocher ausser den gemeinsamen Eltern wenig gemeinsam hatten mit ihrem Bruder. Im Noviziat der Jesuiten begegnete ich der Spiritualtät des Gründers Ignatius von Loyola und studierte interessiert die Auseinandersetzungen der 60er und 70er Jahre des 20. Jehrhunderts, wo die Jesuiten sich kalr dazu bekannten, dass die Verbreitung des Glauben und der Einsatz für Gerechtigkeit nicht voneinander zu trennen sind. 

 

Von 1987 bis 1989 durfte ich in München Philosophie studieren. Das saubere Begünden und Hinterfragen von Argumenten hilft mir bis heute sehr. Dass die Hochschule direkt beim Englischen Garten lag und man als Student für 5 D-Mark in die Oper gehen konnte, hat mich zwar nicht zum Starphilosophen gemacht, aber ich könnte heute noch interessante Stadtführungen leiten. Die Semesterferien nutzte ich jeweils für diverse Praktika. Einmal vertrat ich 3 Monate lang den Leiter der Deutschen Abteilung von Radio Vatikan. Schon am ersten Abend musste ich gleich ans Mikrofon. Einmal verbeitete ich eine wohlwollende Filmkritik zu martin Scorseses "Last temptations of Jesus Christ". Digitale Shitstorms gab es anno 1988 noch keine, aber eine Flut von Post. Mehrere Frauenklöster beten seither für die Rettung meiner Seele. Und offenbar war auch Ratzinger, der damals noch Glaubenshüter war, nicht "amused" von meiner Filmkritik. Und so blieb mir denn eine steile Karriere im Vatikan verwehrt...

 

Dem Philosophie folgte ein 2-jähriges Praktikum im Katholischen Akademikerhaus AKI am Central in Zürich. Einerseits versuchte ich zusammen mit den anderen Jesuiten Niklaus Brantschen, Gianni Molinari und Hans Schaller, den Studierenden einen sinnvollen Ausgleich zu den Vorlesungen zu bieten. Und andererseits leitete ich für die Schweiz die beiden Jubilän der Jesuiten (500 Jahre Ignatius und 450 Jahre Jesuitenorden) mit einer Wanderausstellung. 

 

Von 1991 bis 1994 studierte ich Theologie am Centre Sèvres in Paris. Da mein Französisch seit der Matura ziemlich stagnierte ich eher sieben Sätze mit Subjonctif und Conditionnel hätte formulieren können als im Restaurant ein Bier bestellen, ging ich zuächst einen Monat nach Genf, um an der Uni mein Französisch aufzupolieren. Leider lernte ich auch dort wieder Subjonctif und Conditionnel bis zum Abwinken. Da ich keinen Schweizer Hartkäse mag, ging ich mit einer gewissen Zurückhaltung nach Paris, weil man mir sagte, dass es dort zwischen Hauptgang und Dessert stets Käse zu essen gebe. Aber schon ersten Tag entdeckte ich meine grosse Liebe zu französoschen Weichkäsen und liess oft die Gänge davor aus, um beim Brie und beim Bresse bleu so richtig zuzuschlagen. Die Hauptvorlesungen fanden jewels von 17-19 Uhr statt, weil auch viele Berufstätige nach Feierabend Theologie studierten. Der belgische Konsul war jeweils der fleissigste Student, während ich immer genau um 17 Uhr meine Krise hatte und in der ersten Stunde nicht sehr viel mitbekam. Dafür war ich bei uns im Haus einer der besten Tischtennisspieler. Zwischen Mitternacht und drei Uhr früh fanden dort die besten Gespräche mit meinen Mitbrüdern aus Ägypten, Libanon, Korea, Haiti, Madagascar, USA, Polen und Ialien statt. Interessanterweise haben sich mit Franzosen kaum Freundschaften ergeben, ausser durch einen Zufall mit einer Familie von berühmten Schauspielern.

Ein Mitbruder meiner Pariser Jesuiten-Wohngemeinschaft leitete den Asylbereich der Caritas in Paris. Im Dezember 1993 berichtete er, dass ein muslimisches Ehepaar mit einem 2-monatigen Baby mit der letzten UNO-Maschine von Sarajevo via Italien nach Paris fliehen konnte und dass man sie unmöglich in eine Massununterkunft stecken könne. So machten wir für sie einen Teil des Hauses frei und ich war die Bezugsperson für sie. Am 22. Dezember 1993 kamen sie wie Maria und Josef mit einem Koffer und dem Kind an. 1997 zogen sie wieder zurück nach Sarajevo. Frankreich anerkannte der jungen Mutter die 5 Jahre Medizinstudium in Sarajevo nicht an, obwohl sie im Krieg sogar ohne Narkose Arme und Beine von Bombenopfern amputierte. Sie hätte das Studium von vorn beginnen müssen. Die Ironie der Geschichte war, dass sie nach ihrer Rückkehr nach Bosnien als Ambulanz-Medizinerin im Jahr 2000 in Sarajevo dem französischen Botschafter nach einem Schlaganfall das Leben rettete und seither das gesamte französische Botschaftspersonal medizinisch betreut. In Paris verbrachte ich täglich mehrere Stunden mit der Flüchtlingsfamilie und bekam deren Traumatisierung aus nächster Nähe mit. Diese Erfahrung hat mich für die Migrationsthematik entscheidend geprägt.

 

Auch in der Zeit von 1998-2004 beherbergte ich im Lassalle-Haus bei Zug Flüchtlinge. Ein Flüchtling aus Sri Lanka, dessen Asylgesuch abgelehnt worden war, geriet im Juli 2004 in Luzern in ene Personenkontrolle und wurde sogleich in Ausschaffungshaft gesteckt. Der damalige Kantonsrat, FIFA-Sekretär und heutige Zuger Regierungsrat Heinz Tännler setzte sich dafür ein, dass dem Lassalle-Haus wegen der illegalen Beherbergung des Flüchtlings der jährliche Bildungsbeitrag von CHF 75'000.- des Kantons Zug gestrichen wurde. Dank des medialen Drucks leitete das Bundesamt für Migration jedoch ein Wiedererwägungsverfahren ein, wo die Situation des Flüchtlings erstmals seriös abgeklärt wurde. Sofort erhielt dieser den Flüchtlingsstatus und sogar direkt den Ausweis C.

Von 1995-2008 wirkte ich in der Leitung vom Bildungszentrum Lassalle-Haus bei Zug. Zuerst sechs Jahre lang als Assistent von Niklaus Brantschen, von dem ich enorm viel lernen durfte. Als Direktor konnte ich das spirituelle Angebot und den Dialog zwischen den Religionen weiter ausbauen.

Im Sommer 2007 bin ich aus dem Jesuitenorden ausgetreten. Dafür gab es tiefere Gründe, beeinflussende Faktoren sowie einen Auslöser. Dass dieser Schritt mit vielen Fragen und Unsicherheiten, Zweifeln und Ängsten verbunden war, ist vermutlich nachvollziehbar. Aber die Ängste sollten nicht meine zweite Lebenhälfte prägen.

Das Glück war mir hold.
Auf der beruflichen Ebene fand ich neue spannende Tätigkeiten und konnte die schönsten Teile der bisherigen Tätigkeit weiterpflegen: Bücher schreiben, Kurse leiten und Rituale gestalten. 
Und auf der privaten Ebene hatte ich das Glück, im 2009 meine Partnerin Karin kennenzulernen.

 

Auch wohnmässig habe ich ein riesiges Glück. Ende 2010 bezog ich meine Wohnung in Rigi-Klösterli auf 1300 Metern Höhe.