Artikel  und  Kolumnen  2018

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 7. Oktober 2018

 

Regierungsansprüche hinterfragen

Die Grenzen und Klüfte in der Gesellschaft verlaufen längst nicht mehr entlang der Parteilinien.

 
 
 

 
 

Am 5. Dezember wird das Parlament zwei neue Bundesratsmitglieder wählen. Einmal mehr wird über das Geschlecht und die Kantonszugehörigkeit debattiert, als ob dies Qualitätskriterien wären für das Führen von Departementen, die von der Personalgrösse und vom Budget her mit Unternehmen wie Schindler oder Swatch vergleichbar sind. Die Mitglieder des Bundesrats sollten durch professionelle Assessments statt durch Pseudo-Hearings in den Parteifraktionen gekürt werden. Politische Personalentscheidungen in Hinterzimmern verspotten die heutigen Kriterien von Professionalität und Transparenz.

     Besitzen die vier Regierungsparteien überhaupt noch die Legitimationsmacht, um die gesamte Regierung zu stellen? Die FDP zählt 120'000 Mitglieder, die CVP 100'000, die SVP 90'000 und die SP 30'000. Die Paraplegiker-Stiftung mit 1,8 Millionen Mitgliedern könnte analog 120 Bundesratssitze beanspruchen. Der Schweizerische Turnverband zählt 370'000 Mitglieder, der Hauseigentümer-Verband 330'000 und der WWF 270'000. Diese Körperschaften vertreten wie die Parteien politische und gesellschaftliche Anliegen und verfügen zudem (im Unterschied zu den Parteien) über Kompetenzzentren in zentralen Gesellschaftsfragen.

     Die Parteien erheben ihre Ansprüche auf Volksvertretung und Regierung einzig aus der Vergangenheit und verdrängen, dass es längst nicht mehr sie sind, die dem Land die wichtigen politischen Impulse geben. Bewegungen wie «Operation Libero» oder «foraus» sowie Berufsverbände haben längst bewiesen, dass es beim Setzen und Durchsetzen von innen- und aussenpolitischen Anliegen auch ohne die traditionellen Parteien geht.

     Nicht nur die Mitgliederzahlen der Parteien sind tief. Auch die Bereitschaft zum freiwilligen Engagement in den Parteien ging in den letzten 20 Jahren um 45% zurück. Im Vergleich dazu nahm das ehrenamtliche Engagement in Sportvereinen und Kirchen nur um 13% ab und bei sozial-karitativen Organisationen sowie Kulturvereinen um 24%. Auf Bundesebene ist das Machtmonopol der Parteien in Parlament und Regierung unhinterfragt. In Kantonen, Städten und Gemeinden politisieren seit Jahren auch Parteilose.

     Die Regierungsparteien respektive ihre Vorgängerinnen entstanden im 19. Jahrhundert aus festen Wählerbindungen zu klar definierten und abgeschotteten Milieus. Die Grenzlinien der modernen Gesellschaft verlaufen jedoch längst nicht mehr diesen weltanschaulich geprägten Parteilinien entlang, sondern zwischen den Gewinnern und Verlierern der Globalisierung, Inländern und Migranten, digitaler und analoger Welt, Stadt und Land, Frau und Mann sowie zwischen Jung und Alt. Darum ist die Identifikation mit einer bestimmten Partei heute praktisch unmöglich. Wen vertreten sie wirklich? Und in wessen Namen sprechen die Parteien tatsächlich?

     Das kommende Wahljahr eignet sich bestens, um über Kriterien legitimer Volksvertretung in den drei Staatsgewalten auf allen Ebenen nachzudenken, ehe sich wie in den Nachbarländern Mobs rechter Wutbürger bilden, welche die Legitimationskrise der Parteien noch offensichtlicher machen.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 9. September 2018

 

Branchen-Agentur, Bundeshaus, 3003 Bern

Parlamentarier werden von Volk und Kantonen gewählt und vertreten primär Verbände und Branchen.

 
 
 

 
 

Ab morgen debattiert der Nationalrat in Bern drei Wochen lang über Ergänzungsleistungen, Bahninfrastruktur, Milchmengen, Gleichstellung, Daten-, Opfer- und Mieterschutz, Nachrichtendienst, Flüchtlingspolitik, Hanf, Gemeindereferendum, WEF, Völkerrecht und Lohntransparenz. Der Ständerat thematisiert Staatsverträge, Finanzausgleich, Kinderbetreuung und einen Personalstopp beim Bund.

     Das Parlament schafft und ändert Gesetze nicht zur Legitimation der eigenen Existenz, sondern weil Interessengruppen immer mehr Regulierungen fordern. Dass Gurken und Rüebli für den Verkauf bestimmte Grössen und Formen haben müssen und dadurch Lebensmittel sinnlos vernichtet werden, ist keine Idee von Vater Staat, sondern ein Wunsch der Bauern.

     Als Vreni Spoerry noch im Parlament sass, war jeweils klar, auf welchen Knopf die Verwaltungsrätin von CS, Nestlé, Swissair und SV Group beim Abstimmen drücken würde. Auch heute entstehen unsere Gesetze in einem Chor von Lobbyisten. Beat Walti hat 47 Mandate inne, Thomas Hefti 23, Roland Eberle 22. Eberle sitzt im VR von Axpo und von Groupe Mutuel, Jacques Bourgeois ist Geschäftsleiter des Schweizer Bauernverbandes und Sebastian Frehner ist VR der Coop Bank und Bankrat der Basler Kantonalbank.

     Problematisch bei der Schaffung neuer Gesetze ist nicht, dass praktisch niemand im Parlament aus einer unabhängigen Position heraus politisiert, sondern dass ihre 1600 Mandate den Markt und die Gesellschaft verzerrt abbilden. Das Machtverhältnis von Staat, Markt und Zivilgesellschaft wäre im Parlament transparenter und fairer, wenn ein Drittel des 246-köpfigen Parlaments offiziell die Unternehmen und Berufsverbände vertreten würde, ein zweites Drittel die staatlichen und öffentlichen Organisationen, und das dritte Drittel die Akteure der Zivilgesellschaft. Auf diese Weise müsste man künftig nicht mehr über eine zu starke Pharmalobby im Parlament schimpfen oder darüber, dass man das Prinzip der Planwirtschaft nirgends so anschaulich studieren kann wie in der Schweizer Landwirtschafts- und Sicherheitspolitik.

     Eine Alternative wäre, dass Mitglieder des Parlaments in keinerlei Verwaltungsräten, Stiftungsräten oder Vereinsvorständen sitzen dürfen. Manche Organisation, die sich für Menschenrechte, Umwelt oder im Sozialwesen einsetzt, würde aufatmen. Denn gewisse Politiker und Politikerinnen schaffen es nicht, ihren Polit-Hut abzulegen, wenn sie in Gremien von NGOs und NPOs sitzen. Im Parlament plädieren sie etwa dafür, dass der Staat papierlose Flüchtlinge nicht unterstützen soll, das sei Aufgabe der Zivilgesellschaft. Und sitzen die gleichen Personen im Vorstand von Hilfswerken, finden sie paradoxerweise auch dort, dass man Hilfe verweigern soll. Auch Mandate in Unternehmen und Berufsverbänden führen Politikerinnen und Politiker in paradoxe Situationen. Einige Bauernvertreter konnten in diesem Sommer die Trockenheit nicht glaubwürdig beklagen, weil ihre Partei weiteren Klimaschutz vehement bekämpft.

      In einem Jahr wird das Parlament neu gewählt. Die makellosen CVs der Kandidierenden sind Makulatur, nicht aber die Liste der Interessenbindungen.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 12. August 2018

 

Zeig mir deinen Abfall. Ich sag dir, wer du bist.

Wie auch immer man kulturelles Niveau misst, das Ergebnis ist ernüchternd.

 
 
 

WhatsApp sind halt schneller gelesen als ein Buch...

 
 

Wie kann und soll man das kulturelle Niveau einzelner Menschen oder ganzer Gesellschaften messen?

     Die Archäologie und die Ethnologie beurteilen es nach der Art und Weise, wie Verstorbene begraben und erinnert werden. Darum gilt das antike Ägypten bis heute als Hochkultur. Die heutige Schweiz kommt denkbar schlecht weg mit ihren auf Effizienz getrimmten Gemeinschafts-Aschengräbern.

     Das zivilisatorische Niveau von Gesellschaften wird auch am Stil der Behausung gemessen. Leider glänzt die Schweiz auch hier nicht. Zwar sind die Bauten stabil und gut isoliert. Die föderalistische Raumplanung in den Gemeinden führte aber dazu, dass in den letzten 50 Jahren fast alle besonnten Hügel und Seeufer mit Terrassenhäusern verschandelt wurden.

     Die Kultur einer Gesellschaft kann man auch an der Zahl aussergewöhnlicher Kunstschaffender messen, die eine Gesellschaft hervorbringt. Hand aufs Herz: Kennen Sie mehr als drei Schweizer Komponistinnen oder Pianisten, Bildhauerinnen oder Filmemacher?

     Sprachwissenschaftler beurteilen das kulturelle Niveau von Mensch und Gesellschaft an der Anzahl Bücher, die verfasst, gekauft und gelesen werden. Mit 2,8 Büchern, die Frau und Herr Schweizer jährlich kaufen, brillieren wir auch in dieser Kategorie nicht. Wir sind vielmehr Meister im Kreieren von WhatsApp-Nachrichten mit durchschnittlich 4 Wörtern und 3 Emoticons, wobei die Vokabeln «voll cool», «so geil», «total hammer» und «mega krass» am häufigsten vorkommen dürften.

     Das kulturelle Niveau von Mensch und Gesellschaft zeigt sich auch und vor allem am Konsum, insbesondere am Nicht-Konsum des Konsums – sprich Abfall. Pro Tag und Person sind es in der Schweiz rund 2 Kilogramm. 15% davon sind einwandfreie Lebensmittel. In der Schweiz werden jährlich 2 Millionen Tonnen Tiptop-Nahrung weggeworfen, 45% davon in Privathaushalten. Mit einer bewussten Einkaufsplanung und minimaler Kenntnis im Verwerten von Speiseresten liesse sich diese Perversion verringern. Doch Früh-Englisch und Programmieren sind offenbar wichtiger als Kochunterricht und Ernährungslehre. Frau und Herr Schweizer entsorgen jährlich auch 40 Kilo Kleider. 6 Kilo werden recycliert, der Rest landet im Müll. «Fast-fashion» wird diese Dekadenz schönfärberisch genannt.

     Das kulturelle Niveau von Menschen und Gesellschaften zeigt sich generell im Umgang mit der Natur. Der ökologische Fussabdruck von Herr und Frau Schweizer ist alarmierend. Miss Schweiz liess letzthin aus ihren Ferien auf den Malediven verlauten, dass sie sich grosse Sorgen um die Umwelt mache und darum ihr Gipfeli jeden Morgen zu Fuss kaufen gehe. Das klingt süss, nur: Bezüglich CO2-Ausstoss könnte Miss Schweiz für ihren Ferienflug ein Jahr lang täglich ihr Gipfeli per Auto in einer 30 Kilometer entfernten Bäckerei einkaufen. Wer noch immer behauptet, das Flugzeug würde auch ohne sie fliegen, belügt sich selbst. Und Automobilisten, die bei den hohen Temperaturen immer noch oder erst recht mit ihren vollklimatisierten Öfen herumkurven, zelebrieren lediglich ihre Kunst der Verdrängung.

     Für Tipps, meinen Anfall von Kulturpessimismus zu heilen, danke ich herzlich.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 15. Juli 2018

 

Wie sieht gesunder Patriotismus aus?

Der Unterschied zwischen Patriotismus und Nationalismus ist an sich glasklar.

 
 
 

 
 

Am 1. August feiert die Eidgenossenschaft ihren 727. Geburtstag. Würde der Bundesstaat Schweiz einen Nationalfeiertag besitzen, müsste dieser in Verbindung mit 1848 stehen. Den Bundesfeiertag, der an 1291 erinnert, begehen paradoxerweise auch die Neuenburger, die bis 1857 ein preussisches Fürstentum waren. Jedenfalls ist der 1. August eine willkommene Gelegenheit, um in Zeitungskolumnen, auf Kanzeln und an Rednerpulten sowohl das Narrativ vom Volk der Bergler als auch jenes vom globalen, digitalen, mobilen und multikulturellen Kleinstaat zu beschwören.

     Am 1. August öffnet auf dem Rütli das neue «Musée Grütli» seine Tore. Darin werden dieses und nächstes Jahr Video-Interviews der Ausstellung «Heimat» vom Stapferhaus Lenzburg gezeigt. Manche der Interviewten verbinden «Heimat» mit Familie und Freunden, andere mit Sprache, Literatur und Liedern oder mit Bergen, Seen und Landschaften. Einige sprechen auch von ihrer Ambivalenz gegenüber Begriffen wie «Heimat», «Heimatliebe», «Vaterland» und «Patriotismus».

     Patriotismus und Heimatliebe werden leicht als Nationalismus empfunden, bezeichnet und kritisiert, obwohl der Unterschied glasklar ist. Patriotismus ist die Liebe zum eigenen Land, Volk und zur eigenen Kultur. Nationalismus hingegen ist Hass, Überlegenheitsgefühl oder Gleichgültigkeit gegenüber anderen Ländern, Völkern und Kulturen. Es ist nicht anrüchig, im Schweizer-Leibchen herumzulaufen, Fahnen aufzuhängen und Heimatlieder zu singen, solange man sich dadurch nicht über andere Länder und Kulturen zu stellen versucht.

     Am wohlsten ist es mir, wenn sich Patriotismus und Heimatliebe auf Werte beziehen. Nicht zufällig waren es deutsche Denker, die in den 70er Jahren den Begriff «Verfassungspatriotismus» schufen, der auf Werten statt auf Blut und Boden basiert. Auch die Schweizerische Bundesverfassung gründet auf Werten. Gleich zu Beginn werden in der Präambel die zentralen Werte aufgeführt, mit denen sich alle identifizieren können. Darum wurde vor drei Jahren auf der Textbasis der Präambel eine neue Strophe zur heutigen Nationalhymne-Melodie kreiert.

     Die 2222 Gemeinden der Schweiz können ihren gesunden Verfassungspatriotismus fördern, indem sie am 1. August auch die neue Hymnen-Strophe anstimmen. Auf dem Rütli wird der neue Text im Beisein von Bundespräsident Alain Berset in Worten und in Gebärdensprache gesungen. Zugegeben: Morgenrot, Alpenfirn und Abendglühn lösen mehr Gefühle aus als abstrakte Begriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit. Dennoch oder gerade deshalb können wir die neue Hymnen-Strophe als Visitenkarte unserer Werte mit gesunder Heimatliebe singen:

Weisses Kreuz auf rotem Grund,

unser Zeichen für den Bund:

Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.

Offen für die Welt, in der wir leben,

lasst uns nach Gerechtigkeit streben!

Frei, wer seine Freiheit nützt,

stark ein Volk, das Schwache stützt.

Weisses Kreuz auf rotem Grund,

unser Zeichen für den Schweizer Bund.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 17. Juni 2018

 

Un grand merci de l’Üsserschwyz !

Das Olympia-Nein ist ein Sieg über Obrigkeitsglauben und pseudoreligiöse Ersatzrituale.

 
 
 

Super Werbeträger für Sion 2026: Christian Constantin

 
 

Das Nein der Walliser zu Olympia Sion 2026 erstaunt in mehrfacher Hinsicht.

     Erstens erlaubten sich viele Walliser (vor allem Walliserinnen), mit ihrem Stimmzettel dem Druck zu widerstehen, den die berüchtigte Walliser Bau- und Tourismus-Branche seit Jahrzehnten ausübt. Öffentlich reden Walliser so wenig über ihren Stimmentscheid wie Türken über ihre Nicht-Wahl Erdogans. Die geheime Wahl machte es aber im Unterschied zur öffentlichen Abstimmung in Kandersteg möglich, dass viele Nein stimmten, die ihre Meinung selbst in Familie und Freundeskreis nicht zu äussern wagen.

     Zweitens ist in der Üsserschwyz (Schweiz minus Wallis) wenig bekannt, dass das Wallis ein 55-jähriges Trauma mit Olympia verbindet. Anno 1963 verwarfen die Oberwalliser die erste Olympia-Abstimmung, worauf sie während des touristischen Bau-Booms von der Mehrheit im Unterwallis jahrelang abgestraft wurden. Im Jahr 1969 sagte das Wallis Ja zur Olympiakandidatur 1976, aber das IOC entschied sich für Denver. Anno 1994 sagten die Walliser Ja zur Olympiakandidatur 2002, doch das IOC stimmte für Salt Lake City. Und 1997 stimmte das Wallis Ja zur Olympia-Kandidatur 2006, aber das IOC zog Turin vor. Daraufhin wurde das IOC von den Wallisern an Demos und auf Hauswänden als korrupte Mafia verschrien. Bei der jetzigen Abstimmung haben viele Walliser nein gestimmt, um eine erneute Schmach durch das IOC von Vornherein zu vermeiden.

     Drittens ist das Nein zu Olympia 2026 ein Indiz dafür, dass das Wallis dieses Spektakel heute als gesellschaftsverbindendes Ritual nicht mehr nötig hat. Die katholische Kirche, die Jahrhunderte lang als verbindlicher und verbindender Wert der Walliser wirkte, konnte seit den 60er Jahren diese Klammerfunktion nicht mehr wahrnehmen. Die Olympia-Idee erfüllte in der Folge 40 Jahre lang ein pseudoreligiöses Ersatzangebot für kollektive Gefühlserlebnisse. Dieses Bedürfnis besteht heute im modernen, selbstbewussten Wallis nicht mehr.

     Viertens hat das Walliser Stimmvolk mehr auf die Nachhaltigkeits-Argumente von Umweltorganisationen gehört als auf die hehren Versprechungen von Politik und Wirtschaft. Der Walliser Regierungsrat Frédéric Favre versprach ernsthaft, dass Olympia 2026 Milliardengewinne und 6000 neue Arbeitsstellen bringen würde und dass es keinerlei Defizit oder Schulden gäbe. Die mündigen Walliser stimmten indes nach der Devise von Goethes Faust: «Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.»

     Und fünftens funktionierte bei der Abstimmung der religiös verankerte Obrigkeitsglauben nicht mehr. Und bei denen, wo dieser Reflex noch klappt, hätte man Ogi, Couchepin und Zurbriggen statt Constantin, Favre und Stahl zu den Motoren von Sion 2026 machen sollen. Swiss Olympic-Präsident Stahl hat kurz nach Bekanntgabe des Olympia-Nein im Radio SRF bereits den Grund gegen eine weitere Olympia-Zwängerei in der Schweiz geliefert: «Ich frage mich, ob die Schweiz überhaupt noch fähig ist, etwas Grosses und Gemeinsames anzugehen.» Es ist bedauerlich, wenn bei unsportlichen Verlierern der Mangel an Selbstreflexion in Beleidigung Andersdenkender kippt. Auch daran erinnert sich das Stimmvolk noch nach Jahren.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 20. Mai 2018

 

Kei Schtei, kei Arznei !

Streicht der Staat Armutsbetroffenen die medizinische Hilfe, sinkt auch die Solidarität in der Bevölkerung.

 
 
 

Hier erhalten Schuldner nur im Notfall medizinische Hilfe - wenn überhaupt...

 
 

In den letzten Wochen berichteten die Medien wiederholt über Patienten, die Schulden bei der Krankenkasse hatten und darum von ihren Kantonen auf einer Schwarzen Liste von Personen landeten, die nur noch im Notfall medizinisch behandelt werden. Im Kanton Graubünden starb ein HIV-Patient, weil man ihm die notwendigen Medikamente vorenthielt. Und in St. Gallen wurde einer Armutsbetroffenen die Geburt des Kindes nicht bezahlt. Auch Aargau, Luzern, Schaffhausen, Solothurn, Tessin, Thurgau und Zug führen Schwarze Listen.

     Die neun Kantone verstossen gegen die Bundesverfassung. Diese betont das Recht auf medizinische Hilfe gleich drei Mal. Art. 12: «Wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.» Art. 41b: «Bund und Kantone setzen sich dafür ein, dass jede Person die für ihre Gesundheit notwendige Pflege erhält.» Art. 117: «Bund und Kantone sorgen für eine ausreichende, allen zugängliche medizinische Grundversorgung von hoher Qualität.»

     Wer die obligatorische Krankenkasse nicht bezahlen kann, erhält vom Kanton an sich Prämienverbilligung. Bürgerlich regierte Kantone kürzen diese aber massiv. Die Luzerner Regierung senkte 2017 das Recht auf Prämienverbilligung um 30'000 Franken Einkommen pro Jahr und kündigte an, 15 Millionen Franken Prämienverbilligungen in rund 8000 Haushalten zurückzufordern.

     Wie kommt es überhaupt zu Schulden bei der Krankenkasse? Entweder handelt es sich um armutsbetroffene Menschen, die sich bewusst nicht bei der Sozialhilfe anmelden: Personen in ländlichen Gegenden, die den Stempel «Sozialhilfeabhängiger» vermeiden oder die den Ausweis B, C oder die Einbürgerung nicht gefährden wollen. Oder es sind Personen mit tiefem Einkommen, die eine hohe Franchise vereinbart haben, um Kosten zu sparen, dann plötzlich krank werden und innerhalb eines Jahres 2'500 Franken Franchise plus 10% Selbstbehalt auf alle Behandlungen übernehmen müssen. Oder es sind Personen, die Sozialhilfe beziehen und Schulden gegenüber Krankenkassen, Vermietern, Kunden, Geschäftspartnern, Freunden und Staat in diesen Status mitgebracht haben. Die Sozialhilfe übernimmt keine bestehenden Schulden.

     Wenn die Politik Armutsbetroffene diskriminiert, sinken auch Empathie und Solidarität in der Bevölkerung. Ein Gradmesser dafür sind Kommentare im Internet. Hier ein paar Kostproben nach einem Artikel über den verstorbenen Bündner: Rollton: «Sorry, aber in der Schweiz kann sich jeder eine Basis-Krankenkasse-Versicherung leisten. Wer das nicht kann, der ist selber schuld.» Unknown: «Kein Wunder steigen die Prämien immer mehr, wenn man für die Nichtzahlenden auch zahlen muss!» Mathys: «Wer nicht bezahlt, soll auch nicht behandelt werden. Egal woher er stammt. Ich habe überhaupt kein Mitleid.»

     Den Satz «Wir sind gewiss, dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen» findet man in den Online-Kommentaren nicht, wohl aber in der Präambel der Schweizer Bundesverfassung.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 22. April 2018

 

Arbeitsfreie Feiertage auf dem Prüfstand

Schüler können freie Joker-Tage beziehen. Auch Erwerbstätige sollten arbeitsfreie Tage individuell bestimmen dürfen.

 
 
 

An Feiertagen sind Kirchen oft leer...

... und Möbelmärkte voll.

 
 

Als ich am Karfreitag kurz vor 17 Uhr durch die Unterführung eines grösseren Bahnhofs ging, verpasste ich wegen der dichten Menschenmenge beinahe den Zug. Ich hatte nicht erwartet, dass die ganze Schweiz den Tag in der Kirche verbringt, war aber bass erstaunt, dass so viele Menschen den arbeitsfreien Tag mit „Lädele“ totschlugen. Drei Tage später, am arbeitsfreien Ostermontag, öffneten sämtliche Möbelmärkte zwischen Aubonne und Abtwil ihre Tore, um die kollektive Feiertagsverdrossenheit aufzufangen. Dasselbe Ritual wiederholt sich jeweils am Berchtoldstag und an Auffahrt, am Pfingstmontag und am Stefanstag.

     Dass die Kantone im 19. Jahrhundert in der homogen christlichen und religiös praktizierenden Gesellschaft jährlich 10-12 christliche Feiertage als arbeitsfrei gesetzlich festlegten, machte Sinn. Heute aber besuchen in der heterogenen, multireligiösen und säkularen Gesellschaft noch 10% der Bevölkerung an religiösen Feiertagen eine Kirche. 90% kann inhaltlich mit diesen Tagen wenig anfangen. Darum ist die Forderung aus Wirtschaftskreisen, die oben genannten religiösen Feiertage ersatzlos zu streichen, verständlich, wenn auch unsozial. 10-12 arbeitsfreie Tage pro Jahr sollten bestehen bleiben, jedoch neu bestimmt werden.

     Schüler können mehrere schulfreie Joker-Tage pro Jahr individuell wählen. Analog sollten Erwerbstätige frei entscheiden können, ob und an welchen religiösen Feiertagen sie arbeiten wollen oder nicht. Als Kompromiss könnten die Kantone 5 individuelle arbeitsfreie Tage gewähren und 5 kollektive Feiertage demokratisch jeweils für 10-20 Jahre wählen lassen. Damit sich alle mit diesen Tagen inhaltlich identifizieren können, wären UNO-Gedenktage ideal, etwa der Tag der Frau (8.3.), der Flüchtlingstag (20.6.), der Armuts-Tag (17.10.), der Menschenrechtstag (10.10.), der Tag der Freiwilligen (5.12.), der Tag der Senioren (1.10.) oder der Tag der Toleranz (16.11.). Man könnte auch die originellen Feiertage von Frankreich importieren: den Tag des Nachbarn (letzter Freitag im Mai), den Tag der Musik (21.6.) oder den Tag der Gastronomie (23.9.). All diese Tage liessen sich leicht mit sinnvollen und Gemeinschaft stiftenden Aktionen verbinden.

     Die kantonalen Regelungen der arbeitsfreien Feiertage erfüllen heute ihren Zweck, die Weltanschauung der Bevölkerung sowie den Gemeinsinn und den sozialen Zusammenhalt zu schützen und zu fördern, nicht mehr. Kommt hinzu, dass die kantonale Regelung der Feiertage speziell an Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen und Mariä Empfängnis zu skurrilen Familiensituationen führt, wenn Pendler in reformierten Städten arbeiten und in katholischen Kantonen wohnen.

     Wenn es neben den 52 Sonntagen, dem Bundesfeiertag und individuellen Joker-Tagen künftig noch kollektive Feiertage geben soll, dann müssen diese den Gemeinsinn und den Kitt der Gesellschaft fördern. Das gilt nicht nur für religiöse, sondern auch für sozialistische Tage wie den bevorstehenden 1. Mai, der mehr polarisiert als verbindet. Am 1. Mai könnten beispielsweise alle für einen Tag an einer ganz anderen Arbeitsstelle wirken. Und Stellenlose würden jeweils mit RAV-Beamten tauschen. Das wäre sinnvoller als Reden schwingen und Pflastersteine werfen.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 25. März 2018

 

City-Knigge bei Dichtestress

Dichtestress an grösseren Bahnhöfen verlangt eine Autobahn-Logik.

 
 
 

Offizielle Marschrichtung im Bahnhof Bern - wirkungslos...

 

 

Aufkleber an Rolltreppen am Bahnhof Bern - ebenfalls wirkungslos...

 

Wirkungsvoll bleibt nur die alte Regel: Gäng hü...

 
 

In der Schweiz gibt es keine Grossstädte. Dennoch entsteht an City-Bahnhöfen regelmässig Dichtestress. Die Reaktion der urbanen Eingeborenen auf die ungeübten Reisenden vom Lande schwankt dabei je nach Zeitnot zwischen Schmunzeln und Augenverdrehen, Achselzucken und Seufzen, Mitleid und Ärger.

     Die SBB hat das Problem erkannt und verschiedene Massnahmen zur Dichtestress-Reduktion ausprobiert. Im Bahnhof Bern liess die SBB in der Unterführung gelbe Pfeile auf den Boden und Einbahn-Schilder an die Decke malen, die den Passanten zeigen, wo sie in welche Richtung zu gehen haben. Da Pendler vom Land aber gerne zu dritt nebeneinander gemächlich spazieren, sprinten die fast verzweifelnden Stadtberner bewusst auf der falschen Seite zum Zug und umschiffen die ländlichen Pendler wie Slalomstangen. Die SBB setzte in Bern phasenweise sogar Studierende ein, die den Passanten humorfrei klarmachten, auf welcher Seite sie zu gehen hatten. Ohne nachhaltige Wirkung. Freiheit liebende Schweizer halten sich nicht an Umerziehungsprogramme der SBB.

     Für Passanten vom Lande wäre es aber wichtig, freiwillig eine Art City-Knigge zu verinnerlichen.

     Regel 1: Wenn Sie unter der Woche zu Rush-hours an City-Bahnhöfen ankommen (am Zürcher HB gibt es grundsätzlich nur Rush-hours), stellen Sie sich am besten vor, ein Auto auf der Autobahn zu sein. Dann handeln Sie intuitiv richtig.

     Regel 2: Das Linksstehen auf urbanen Rolltreppen ist ein No-go. Meditierende, Flirtende und Koffer-Beladene gehören nicht auf die Überholspur.

     Regel 3: Auch wenn Sie unglaublich wichtig sind, gehört Ihr iPhone bei Dichtestress auf dem Perron in die Tasche und nicht vor die Nase. So wie es auf der Autobahn Geisterfahrer gibt, existieren an Bahnhöfen immer mehr Geistergeher, die wie Zombies auf ihr iPhone starren und die Restwelt zu waghalsigen Ausweichmanövern zwingen.

     Regel 4: Sechs Bahnhöfe haben auf Perrons bereits ein Rauchverbot erlassen. Raucher sollen deswegen bitte nicht auf den Privatverkehr umsatteln, aber vielleicht verstehen, dass Passivraucher hinter ihnen ein drittklassiges Vergnügen erleben – vergleichbar mit dem Cabriofahrer hinter dem 40-Tönner.

     Regel 5: Natürlich ist es praktisch, wenn man mit den Wanderfreunden direkt auf dem Perron bei der Lokomotive den Treffpunkt vereinbart. Es ist auch rührend, wenn die minderjährigen Damen ihre uniformierten, joint-rauchenden Freunde vor der Abfahrt in die RS unter Tränen verabschieden, als würden diese für immer an die Front ziehen. Leider entsteht dabei aber ein Menschenstau oder sogar ein Passantenkollaps, wenn sich dort gleichzeitig eine indische oder chinesische Reisegruppe mit ihrem Kofferpark versammelt. So wie es auf der Autobahn Rastplätze gibt, gibt es an Bahnhöfen Treffpunkte.

     Regel 6: Wenn Sie keine Lust haben auf urbanen Dichtestress an Bahnhöfen, dann bewegen Sie sich dort am besten zwischen 9 und 15 Uhr – ganz einfach: wie auf der Autobahn.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 25. Februar 2018

 

Welche kulturelle Sicherheit brauchen wir?

Fragwürdige Begriffe werden ganz unauffällig salonfähig.

 
 
 

Plünderungen im Museum von Baghdad

 
 

«Sprache schafft Wirklichkeit», schrieb der Philosoph Ludwig Wittgenstein. Darum gilt es kritisch auf sprachliche Veränderungen und speziell auf die Schöpfung neuer Begriffe zu achten. In mehreren Interviews sprach der deutsche CDU-Spitzenpolitiker Jens Spahn in den vergangenen Wochen von der notwendigen «kulturellen Sicherheit».

     Der Begriff klingt sympathisch und einleuchtend. Beim analogen Begriff «Soziale Sicherheit» geht es darum, dass wir im Alter, bei Krankheit, Unfall, Arbeitslosigkeit, Elternschaft oder beim Tod von Angehörigen nicht in eine materielle Not geraten bzw. dass wir in einer solchen unterstützt werden. Folglich sollte man annehmen, dass mit «kultureller Sicherheit» gemeint sei, dass Staat und Gesellschaft dafür sorgen, dass auch unsere Kultur, die Sprache, die Musik, die Kunst, die Traditionen und Bräuche geschützt und gefördert werden, sofern diese in einer Krise stecken. Kulturelle Sicherheit hätten zum Beispiel die Iraker in Bagdad gebraucht, als nach dem amerikanischen Einmarsch das Nationalmuseum geplündert wurde. Und die Syrer hätten in den letzten Jahren kulturelle Sicherheit gebraucht, als IS-Kämpfer unzählige Kulturgüter zerstörten.

     «Kulturelle Sicherheit» bedeutet auch, dass innerhalb von Staaten die Souveränität kultureller Minderheiten geschützt wird, etwa die Kultur der indigenen Bevölkerung Australiens und der USA oder jene der Tibeter in China.

     Kulturelle Sicherheit zu fördern ist nicht nur eine staatliche Pflicht, sondern auch eine persönliche Aufgabe. Wenn ich mich in meiner kulturellen Identität unsicher fühle, dann liegt es auch an mir, diese zu stärken. Um in der deutschsprachigen Schweiz kulturelle Sicherheit zu erlangen, genügt es nicht, ein Hemd mit Alpenrosen-Muster anzuziehen und der AUNS beizutreten, sondern man muss auch mal etwas von Frisch und Dürrrenmatt, Capus und Loetscher lesen. Für die eigene kulturelle Sicherheit sollte man eigentlich auch 10 Volkslieder auswendig singen können. Die Förderung kultureller Sicherheit würde für ein Gymnasium zwischen Chur und Fribourg an sich auch bedeuten, seinen Schülerinnen Bouvier und Chappaz, Dicker und Ramuz, de Staël und Orelli zu vermitteln. Schliesslich könnte die Förderung kultureller Sicherheit auch darin bestehen, statt WhatsApp mit zwei englischen Vokabeln und drei Emoticons mal wieder einen richtigen Brief oder gar ein Gedicht zu formulieren.

     Wenn der Rechtsaussen-Stürmer Jens Spahn von der Notwendigkeit kultureller Sicherheit spricht, so meint er damit leider alles andere als den Schutz von sprachlichen Minderheiten oder von Museen in Kriegsgebieten, auch nicht die Pflege von Sprachen und literarischen Kenntnissen, sondern einzig und allein die Abwehr von Immigranten, speziell von Muslimen. Klar, wenn ich nicht mehr weiss, wer zur Trinität gehört, wer Jean-Jacques Rousseau, Heinrich Pestalozzi und Henri Dunant waren oder dass die Aufklärung mehr ist als «Bravo» lesen, muss ich tatsächlich um meine kulturelle Sicherheit fürchten. Aber nicht wegen der Menschen, die in der Nachbarschaft eine andere Sprache reden, andere Musik hören, anders gekleidet sind oder Gott anders anrufen, sondern weil ich einem uniformen und musealen Kulturbegriff huldige.

 
 
 

 
 
 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" und "Zentralschweiz am Sonntag" am 28. Januar 2018

 

Billag - eine Demokratie-Gebühr

Stimmlokale sind keine Frust-Deponien. Ein NEIN zur No-Billag-Initiative ist ein JA zur Demokratie.

 
 
 

 
 

Dass dann und wann jemand keine Billag-Gebühren zahlen will, leuchtet ein, wenn etwa in Radio-Nachrichten den grotesken Tweets von Trump mehr Raum geschenkt wird als relevanten nationalen Themen. Wenn es aber um die No-Billag-Abstimmung vom 4. März geht, muss man von gelegentlichen persönlichen Frustrationen über einzelne Sendeinhalte abstrahieren. Reklamationen sind bei der Beschwerdestelle und beim Presserat zu deponieren und nicht im Stimmlokal.

Dass die Medien-Killer-Initiative überhaupt zustande kam, ist bedenklich. Der Wert von qualifizierten und unabhängigen Nachrichten wird untergeschätzt. Weil uns permanent Gratis-News auf dem iPhone anstupsen, ist vielen nicht mehr plausibel, warum man für Medienprodukte überhaupt noch etwas bezahlen soll. Als Kind durfte ich im Wohnzimmer nur flüstern, wenn «Rendez-vous am Mittag» und «Echo der Zeit» ausgestrahlt wurden. Nachrichten hatten den Stellenwert von Sonntagspredigten.

     Argument Nummer 1 für ein NEIN zu No-Billag ist die Notwendigkeit von möglichst vielfältigen, objektiven und politisch unabhängigen Informationen. Je öfter Politiker sich mit ihren Tweets zu Laien-Journalisten erheben, desto wichtiger werden kritisch recherchierende Medien als Kontrollinstanzen. Nicht nur in den USA und in Italien besitzen Politiker Fernseh- und Radiostationen. Auch in der Schweiz kaufen politische und wirtschaftliche Potentaten ganze Redaktionen auf. Demokratisch tickende Bürger zahlen lieber Gebühren für öffentliche Sender, die nerven, als private Sender zu konsumieren, die nur eine einzige Meinung zulassen.

     Grund Nummer 2 für ein Nein zur Billag-Initiative ist die darin enthaltene Forderung, dass der Bund in Friedenszeiten keine eigenen Radio- und Fernsehstationen betreibt. Das ist so sinnvoll wie die Forderung, dass der Bund nur im Kriegsfall eine Armee betreiben darf. Wenn ein Krieg, ein Atomunfall oder ein schweres Erdbeben geschehen, dauert der Aufbau einer SRG Jahre.

     Drittens ist die No-Billag-Initiative ein Schlag gegen die Solidarität mit den kulturellen Minderheiten in der Schweiz. Die Redaktionen in der italienischen und in der rätoromanischen Schweiz erhalten pro Bewohner 5 bis 6 Mal so viel Billag-Gebühren wie die Redaktionen der deutschsprachigen Schweiz. Ein NEIN zur No-Billag-Initiative ist darum ein JA zum nationalen Zusammenhalt und zu den kulturellen Minderheiten.

     Viertens würden ohne die SRG viele Werbegelder von Schweizer Unternehmen ins Ausland fliessen. Zahllose Stellen im Medien- und im Werbebereich würden in der Schweiz verschwinden.

     Fünftens ermöglicht die SRG Künstlern und Kulturinstitutionen, dass sie ihre Talente landesweit und über die Grenzen hinaus zum Besten geben. Von der Volksmusik über das Kabarett bis zum Spielfilm hat die SRG zahllosen Talenten zum Erfolg verholfen und so das positive Image der Schweiz im Ausland gestärkt. Ohne SRG wären Emil und DJ Bobo, Hazel Brugger und Mike Müller nicht über Luzern, Zürich und Olten hinaus bekannt geworden. Die Billag-Gebühren geben auch morgen noch Schweizer Künstlern die Chance, unsere Kultur und unser Land zu prägen.

     Und letztlich geht es um die Stärkung der Zivilgesellschaft. Warum? An das Bashing gegen die drei Staatsgewalten, wie sie Charles de Montesquieu postulierte, haben wir uns inzwischen beinahe gewöhnt. Der Frontalangriff gegen die Medien durch die No-Billag-Initiative ist aber ein Schlag gegen die Zivilgesellschaft. Denn die Medien werden vom Stimmvolk nicht wie von Jean-Jacques Rousseau als vierte Staatsgewalt empfunden, sondern im Gegenteil als kritischer Pfeiler der Zivilgesellschaft, die Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung nimmt, nehmen darf und nehmen muss. Alexis de Tocqueville schuf den Begriff „Zivilgesellschaft“ für das selbstorganisierte bürgerschaftliche Engagement. Journalismus wird zwar stark vom Markt organisiert und vom Staat sanktioniert, ist aber letztlich zivilgesellschaftliches Engagement, was durch die Sozialen Medien nochmals deutlicher geworden ist. Zivilgesellschaftliches Engagement sollten sich Bürgerinnen und Bürger nicht so einfach nehmen lassen – von welcher Seite auch immer.
     Darum: NEIN zu NO-BILLAG !