LUKAS NIEDERBERGER

Artikel  und  Kolumnen  2015

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 1. November 2015

 

Die eilige Allianz rollt heran

An Bahnhöfen und auf Trottoirs sausen immer mehr FäG’s (Fahrzeug-ähnliche Geräte) herum. Die Entwicklung von Gesetzen und Kontrollen hinkt jener von futuristischen E-Rollern stets hinterher.

Smart Wheels z3 

Fast täglich erschreckt mich ein von hinten heran säuselndes Elektro-Vehikel, obwohl ich keine Stöpsel in den Ohren trage und einwandfrei höre. Auf Strassen und Plätzen, wo Autos, Motorräder und Mofas nicht zulässig sind, werden Fussgänger regelmässig durch leise vorbeiflitzende E-Bikes und Flyers aufgescheucht. Viele E-Bikes preschen wie frisierte Töffli mit 50 Sachen durch Fussgängerzonen. Wenn man Polizeibeamte frägt, wie eigentlich der rechtliche Status der E-Bikes in Mofa-freien Zonen sei, zucken sie die Schultern. Gesetzlich und darum rein theoretisch müssen E-Biker in Mofa-freien Zonen mit abgeschaltetem Motor treten oder dürfen mit Motor und Tretunterstützung höchstens mit 25km/h fahren. Kontrolliert wird das aber nicht. Immerhin ist den meisten Velofahrern bewusst, dass sie zumindest an Bahnhöfen ihren Drahtesel schieben müssen.

       Nicht klar ist dies hingegen den Piloten der chinesischen ein- und zweirädrigen Stehroller, die hierzulande wie Pilze aus dem Boden schiessen. Im Juni 2015 beschloss der Bundesrat Erleichterungen für gewisse elektrisch betriebene Fahrzeug-ähnliche Geräte (FäG’s). Touristen, die steif und behelmt wie Zinnsoldaten in Zehnergruppen auf Einrad-Elektrorollern auf Velowegen und über Plätze düsen, gehören längst zum helvetischen Stadtbild. Die Segways sind rechtlich den Velos und den langsamen E-Bikes (bis 25 km/h) gleichgestellt. Das Fahren mit den Mars-mässigen Rollern wird nicht für sehr gefährlich eingeschätzt. Darum gilt für sie auch keine Helmpflicht. Dummerweise ist ausgerechnet der Segway-Erfinder James Heselden mit seinem Hightech-Scooter von einer Klippe in einen Fluss gestürzt und starb dabei.

        Von der Fahrzeugart her sind die ein- und zweirädrigen FäG’s den Mofas (Art. 18 VTS) unterstellt, bezüglich Verkehrsregeln hingegen den Fahrrädern (Art. 42 Abs. 4 VRV). Ein Widerspruch, der offenbar weder die Gesetzgeber noch die Polizei stört. Die FäG’s oder PowerWheels sind aber nicht nur ein rechtliches Zwitterwesen. Auch von der Funktion her sind sie ein Unding zwischen Verkehrsmittel und Spielzeug. Bis jetzt sausen an Bahnhöfen zum Glück erst wenige einrädrige Ninebot One sowie zweirädrige Ninebot E+ und Smart Wheels Z3 mit bis zu 20km/h durch die Hallen und über die Perrons und betrachten die Fussgänger als eine Art Slalomstangen. An sich dürfen nur Personen mit einer Behinderung Elektro-Roller auf Fussgängerflächen benutzen. Aber vielleicht leiden ja all diese Elektro-Roll-Piloten an einer nicht so leicht erkennbaren Behinderung.

        Die Rechtsprechung und die polizeilichen Kontrollen hinken der Realität urbaner Mobilität stets hinterher. Warum sollte dies auch anders sein als bei der Cyber-Kriminalität oder im Bereich der Steuerhinterziehung. Um den sozialdarwinistischen Kampf der mobilen Gesellschaft auf Plätzen, Trottoirs und in öffentlichen Gebäuden einigermassen in Schach zu halten, sehe ich folgende Lösungsansätze:

1. an verärgert die Verkehrs-Liberalen und führt auf Trottoirs und öffentlichen Plätzen eine Höchstgeschwindigkeit

    von 10 km/h ein;

2. FäG-Piloten und Boarder gründen gemeinsam die neue Partei „eilige Allianz“ und fordern einen eigenen Streifen

    auf Trottoirs;

3. die Menschen entdecken nach Slow-Food, Slow-Cooking und Slow-Love auch die Vorteile vom Slow-Walken;

4. die zunehmende Mobilität und der wachsende Dichtestress machen alle Tempodebatten überflüssig, weil man eh

    bald nur noch im Schritttempo vorwärts kommt.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 4. Oktober 2015

 

Ich wähle Kreisel-Verschönerer

 

Die Parlamentswahlen nahen. Eine gute Wahl misst sich an der Qualität ihrer Ziele, Optionen und Kriterien. Die Wahl der Wahlkriterien für die Damen und Herren, die mich in Bern vertreten wollen, ist schwer.

 

Als ich vor den Parlamentswahlen 1987 in München lebte und im Extra-Bus mit rund 50 AuslandschweizerInnen nach St. Gallen fuhr, wo wir die Wahl-Couverts persönlich abholten und ausgefüllt abgaben, wurden unterwegs Wahlunterlagen der verschiedenen Kantone durch die Sitzreihen gereicht und offen gerätselt, wer von den Politikern (Frauen gab es nur wenige) der schönste im ganzen Land sei. Dass das Schweizer Parlament nicht aus lauter Melanie Winigers und Renzo Blumenthals besteht, macht das Politisieren sicher leichter. Die erotisierende Kraft politischer Macht ist hinlänglich bekannt – auch ohne Selfie-Bilder in Baden und K.o.-Tropfen in Zug.

     Ich wähle darum ein anderes Wahl-Kriterium: die Interessenbindungen der bisherigen Parlamentarier. Schnell wird mir klar, warum kaum Manager und Unternehmer im Parlament sitzen. Das sogenannte Milizparlament bildet auch ohne sie den verlängerten Arm der Banken, Pharmakonzerne, Krankenkassen, Berufs- und Wirtschaftsverbände. Die 200 VolksvertreterInnen vertreten das Volk nur zum Teil. Die 1,8 Millionen Pensionierten, die 1,8 Millionen Kinder und Jugendlichen, die 2 Millionen AusländerInnen, die 200‘000 Sozialhilfeempfänger und auch Berufsgruppen wie Künstler und Wissenschaftlerinnen sind im Parlament nicht vertreten.

     Also greife ich zu einem anderen Wahlkriterium: der  politischen Erfahrung. Auch hier stosse ich an Grenzen. Inflationär sind jene, die ohne traditionelle Ochsentour in lokalen Schulkommissionen und Kantonsräten direkt in Bern politisieren wollen, weil sie dort lukrative VR-Mandate oder hohe Medienpräsenz wittern. Vielleicht sind es auch die 12 Wochen Distanz von Haus und Herd, die sie anziehen – so wie früher die "Ferien im Tenü grün" bei zahllosen Pantoffelhelden hoch im Kurs waren.

      Also nehme ich mir als Wahlkriterium die Werte vor, welche die Kandidaten und Parteien auf ihre Plakate und Flyer schreiben. Auf ihren aufwändigen Hochglanzbroschüren, Web- und Facebook-Seiten stehen viele hehre Begriffe, aber nirgends konkrete Ziele, an denen man sie nach einem oder nach vier Jahren messen und zur Verantwortung ziehen könnte. Politiker sind die letzte Spezies, die es wagt, ohne Schamröte für sich masslose bzw. nicht-messbare Werte in Anspruch zu nehmen wie Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt oder Weltoffenheit, Arbeitsplatzbewahrung, Umweltschutz und Nachhaltigkeit. Soll ich jene KandidatInnen wählen, die in den letzten Jahren am wenigsten geschwänzt haben oder die am meisten Motionen und Interpellationen einbrachten? Nein, das kann’s nicht sein.

      Am Ende meines Wahl-Lateins mache ich einen Selbst-Test auf www.parteienkompass.ch und beantworte rund 50 Fragen zur Sicherheits- und Sozial-, Bildungs- und Umwelt-, Aussen- und Sozialpolitik. Zu meinem hellen Entsetzen habe ich 90 Prozent Übereinstimmung mit einer Partei, die ich nie wähle.

       Der Verzweiflung nahe, wähle ich das trivialste Wahlkriterium schlechthin und schaue mir im Internet die Werbegeschenke der Parteien und Kandidaten an. Schreck lass nach. Wer hat ganz ehrlich je von Kugelschreibern und Jasskarten mit einem Parteilogo geträumt? Und der Schaumkuss der FDP, die Gummimännli der SP und das Sünneli-Motiv auf Kochschürzen erzeugen ein fast metaphysisches Gruseln.

       Leicht resigniert setze ich alles auf meine apolitisch-ästhetische Karte, schreibe allen Kandidaten meines Kantons persönlich und wähle dann jene, die sich landesweit beim Bau von Verkehrskreiseln für überregionale Künstlerwettbewerbe einsetzen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 6. September 2015

 

Freiheit statt Morgenrot

Am 12. September wird der beste von 208 Beiträgen für eine neue Nationalhymne gekürt. Statt Morgengrauen, Nebelflor und Nationalgott sollen künftig Freiheit, Unabhängigkeit und Frieden besungen werden.

Werner Widmer hat den neuen Hymne-Text verfasst, der den "Schweizerpsalm" von Leonhard Widmer aus dem Jahr 1841 ersetzen soll.

Viele Schweizerinnen und Schweizer wollen den sogenannten „Schweizerpsalm“ als Hymnetext beibehalten, obwohl nur 10% den Text der ersten von vier Strophen kennen. Und kaum jemand kann sich unter dem allmächtig Waltenden im Nebelflor des hehren Vaterlands etwas Konkretes vorstellen. Darum hängen manche mehr an kantonalen Hymnen als an der nationalen: die Zürcher am Sechseläutenmarsch und die Appenzeller am Landsgemeindelied. Nach der Gründung des modernen Bundestaats suchte der Bundesrat hundert Jahre lang vergeblich nach einer Nationalhymne. An offiziellen Anlässen wurde jeweils „Rufst du, mein Vaterland“ gesungen.

             1894 regte ein Genfer Gesangslehrer an, den „Schweizerpsalm“ mit der Melodie von Alberich Zwyssig zur Nationalhymne zu erklären. Der Bundesrat lehnte dies jedoch ab mit der Begründung, dass „die Einführung eines derartigen Gesanges nicht durch Beschluss irgend einer Staatsbehörde angeordnet werden könne, sondern dem Geschmack des singenden Volkes anheimgestellt bleiben müsse“. 1933 richteten über 250 Delegierte des Eidgenössischen Sängervereins dieselbe Bitte erneut an den Bundesrat. Doch dieser lehnte wiederum mit denselben Argumenten ab. 1954 wurde schliesslich in einem parlamentarischen Vorstoss von 30 Ständeräten der Bundesrat aufgefordert, einen Wettbewerb zur Gewinnung einer neuen Nationalhymne zu veranstalten. 1961 ernannte der Bundesrat in Ermangelung eines befriedigenden Beitrags den «Schweizerpsalm» zur provisorischen und am 1. April 1981 zur definitiven Nationalhymne.

             Der schwülstige Gebetstext von Leonhard Widmer erlebte jedoch seit 1961 permanente Konkurrenz. Auf der politischen Ebene gab es mehrere Vernehmlassungen, Befragungen und Wettbewerbe für eine bessere Hymne. In einer kleinen Anfrage schrieb SVP-Nationalrat Rudolf Etter 1972: „Nach dem letzten 1. August sind weit im Lande herum Klagen erhoben worden, wonach das Absingen der neuen Landeshymne direkt peinlich und zur eigentlichen Qual werde. So kann es sicher nicht weitergehen.“ Der Komponist Paul Burkhard («O mein Papa») schuf 1973 zusammen mit Herbert Meier eine neue Hymne. 1983 kreierten der Flawiler Autor René Lechot und der St. Galler Komponist Paul Huber das sogenannte CH-Lied. Der Wiler Ernst Wild dichtete 1989 einen Text zur „Vaterlandshymne“ von J.B. Hilber und reichte das Lied als Petition für eine neue Nationalhymne ein. Der Wiler Stadtrat und die St. Galler Kantonsregierung unterstützten die Petition und reichten sie bei Bundesrat Flavio Cotti ein.

             Der jetzige Versuch, den Text der Nationalhymne aus dem Jahr 1840 zu ändern, ist breiter abgestützt als alle bisherigen Anläufe. Anstelle des „Trittst im Morgenrot daher“ sollen künftig die Werte besungen werden, die in der Einleitung der Bundesverfassung von 1999 stehen: Demokratie, Vielfalt, Freiheit, Frieden, Solidarität, Sorge für de Umwelt, für die sozial Schwachen und für die künftigen Generationen. Der Künstlerwettbewerb ergab im Juni 2014 mehr als 200 Vorschläge für eine neue Hymne. Den Siegerbeitrag von Werner Widmer kann man sehen und hören auf  www.nationalhymne.ch 

              Sobald der Siegerbeitrag in der Bevölkerung genügend bekannt und beliebt sein wird, wird er den zuständigen Bundesbehörden mit der Bitte übergeben, den Hymnetext offiziell zu ändern.


 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 16. August 2015

 

Wenn Männlein mit Männlein…

Religiöse tun sich schwer mit Themen rund um Körperlichkeit und Geschlechterfragen. Das wird sich nicht rasch ändern. Denn sie huldigen antiken Vorstellungen von Liebe, Sexualität und Ehe.

Der Churer Bischof Vitus Huonder, der seit Jahren als Sex-and-Gender-Spezialist auftritt, toppte bei einem Vortrag Ende Juli in Fulda sich selbst, indem er unbedarft eine Stelle aus dem biblischen Buch Levitikus zitierte, wonach Homosexualität mit dem Tod bestraft werden soll. Abgesehen davon, dass das kontextfreie Herumwerfen mit 2500 Jahre alten Bibelzitaten von bescheidener theologischer Kompetenz zeugt und dass die Negativ-Fixierung auf das Thema Homosexualität psychologisch relativ leicht demaskiert werden kann, treibt der 73-jährige Kirchenmann eigentlich nur auf die Spitze, was die Katholische Kirche wie die meisten Religionen seit Jahrtausenden lehrt und was eine hohe Dunkelziffer von Rechtskatholiken denkt. Sobald nämlich die Diskussion über Kinderadoption von homosexuellen Paaren wieder Thema wird, steht die bürgerliche Mehrheit im Land klar auf Huonders Seite. Insofern ist die Empörung über seine Homophobie von vielen gespielt. Huonder hält sich, wie er selber oft betont, lediglich an den katholischen Katechismus:

 

„Auf wahrhaft menschliche Weise wird Sexualität nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten. Jeder eheliche Akt muss von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens ausgerichtet bleiben. Jede Handlung ist verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzuges des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern.“

 

Huonder und andere, die an einer Überdosis Naturrecht und Dogma leiden, halten diese antiken Vorstellungen von Ehe und Sexualität tatsächlich für das pure Wort Gottes. Kein Wunder also, dass die katholische Kirche von Homosexualität über Onanie bis zur Empfängnisverhütung fast alles für widernatürlich und darum sündhaft hält. Die katholische Kirche darf selbstverständlich diese Positionen noch lange predigen, aber sich nicht gleichzeitig wundern, wenn ihre Lehre in breiten Kreisen nicht mal mehr ein müdes Gähnen erzeugt. Will die Kirche eine gesellschaftliche Relevanz behalten, sollte sie ein paar wissenschaftliche Erkenntnisse der letzten Jahrhunderte akzeptieren:

 

Erstens kommt Homosexualität bei Mensch und Tier vor. Sie ist weder eine Wahl noch eine Krankheit.

 

Zweitens liegt der Sinn der Sexualität nicht allein in der Reproduktion, sondern auch und vor allem im Ausdruck einer ganzheitlichen Liebe und Nähe.

 

Drittens ist nicht alles, was in der Natur vorkommt und darum sogenannt natürlich ist, auch schon automatisch ethisch und moralisch höher stehend als sogenannt Unnatürliches. Ansonsten wären das Rasieren von Bärten und Beinen, das Entfernen von Gallensteinen sowie Blinddarmoperationen a priori unmoralisch.

 

Schliesslich sollten die katholischen Moralapostel schleunigst ihr Dilemma lösen, wenn sie die homosexuelle Orientierung eines Mannes oder einer Frau zwar akzeptieren, aber homosexuelle Handlungen verurteilen. Diese Unterscheidung zwischen Veranlagung und Handlung ist abstrakt, lebensfremd und menschenverachtend. Löst die Kirche dieses Dilemma nicht auf, verliert sie nach den Arbeitern, Intellektuellen und Frauen auch die Homosexuellen (inkl. jeden fünften Priester) aus ihren Reihen. Die Kirche (nicht Papst und Bischöfe, sondern alle Getauften) muss aus ihrer neurotisierenden Drohbotschaft eine befreiende Frohbotschaft machen. Sonst verkommt sie zu einer reaktionären Sekte.


 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 26. Juli 2015

 

Trittst am 1. August daher...

So wie Weihnachten für Christen zur familiären Geschenkveranstaltung geworden ist, verbinden viele Bürger den 1. August vor allem mit Bratwurst und Bier, Feuerwerk, Höhenfeuer und Lampions.

Vor zwölf Jahren haben fast 90 Prozent des Schweizer Stimmvolks für einen arbeitsfreien 1. August gestimmt. Dennoch spüren jeweils viele Bürgerinnen und Bürger eine Portion Skepsis, wenn der 1. August naht.

Was wird eigentlich gefeiert an diesem Tag, der seit 1891 landesweit ein gesetzlicher Feiertag ist? Sicher ist, dass es sich nicht um den Geburtstag der Schweiz handelt. Am 1. August wird an den Bund von 1291 erinnert. Darum heisst der Tag offiziell nicht Nationalfeiertag, sondern Bundesfeiertag. Würde die Schweiz einen Nationalfeiertag begehen, so müsste er am 12. September stattfinden und an die erste

Bundesverfassung von 1848 erinnern, mit welcher das Land vom Staatenbund zum Bundesstaat mutierte.

            Die Erinnerung an den Bund von 1291 ist allerdings auch nicht evident. Der 1. August ist als Datum des Rütlischwurs historisch nicht belegt. Im Bundesbrief heisst es «im Jahre des Herrn 1291 zu Anfang des Monats August». Wer also am 1. August in den Ferien weilt, kann die Raketen getrost bis Mitte August zünden. Oder sogar im November. Gemäss einer dominierenden Geschichtsquelle galt bis ins 20. Jahrhundert der 8. November 1307 als Datum des Rütlischwurs. Hätten die Schwörenden damals gewusst, dass man 600 Jahre später Sommerferien einführen und 700 Jahre später den Schwurtag zum arbeitsfreien Tag erheben würde, wären sie wohl am Mittwoch vor Auffahrt zum Rütli gepilgert, um die Brücke für die Zürcher Rustico-Besitzer zu verlängern.

Leider ist auch der Bundesbrief umstritten. Vielen Historikern gilt der Bund zu Brunnen von 1315 als Gründungsakt der Eidgenossenschaft, sofern man überhaupt von einem einmaligen Akt ausgehen will. Denn die Eidgenossenschaft ist in jahrhundertelangen Prozessen zwischen Herrschafts- und Untertanengebieten Schritt für Schritt entstanden.

Viele Zeitgenossen haben generell Mühe mit Nationalfeiern, weil sie entweder einen stärkeren Bezug zu lokalen Solidargemeinschaften haben wie Vereinen und Gemeinden. Oder sie fühlen sich Europa und der globalen Markt- und Internetgemeinde näher als der nationalen Loyalitätsmonogamie. Für den nationalen Zusammenhalt genügen eine gemeinsame Währung und Fussballmannschaft nicht. Die Schweiz braucht verbindende Rituale wie sinnvoll gestaltete Bundesfeiern und eine Hymne, die man etwas lustvoller singt. Darum ist ein neuer, stimmiger Hymnetext wichtiger als eine zweite Gotthard-Röhre.

Manche Bürgerinnen und Bürger haben auch Mühe, ein Ereignis abzufeiern, das 700 Jahre zurückliegt. Es ist nicht evident, warum wir anno 2015 mit Feuerwerken alle Haustiere traumatisieren sollen, bloss weil sich vor Urzeiten vielleicht ein paar Bauern in der „suisse primitive“ ihre gegenseitige Hilfe gegen einen gemeinsamen Feind versprachen. Es wäre durchaus sinnvoll, stattdessen die Einführung des Frauenstimmrechts oder die IKRK-Gründung alljährlich feierlich zu begehen.

            Dass sich schliesslich die meisten Schweizerinnen und Schweizer am 1. August mehr Gedanken über den Einkauf von Bratwürsten, Bier, Vulkanen und Raketen machen als über die hehren Werte der Schweiz, darf Politiker nicht einmal in einem Wahljahr zur Schwermut treiben. Es soll ihnen nicht besser ergehen als den Pfarrern, die sich längst damit abgefunden haben, dass ihre Schäfchen an Weihnachten mehr mit dem optimalen Garen des Rindsfilets im häuslichen Ofen als mit der Fleischwerdung Gottes in Nazareth beschäftigt sind.


 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 28. Juni 2015

 

Warum uns Ferien ängstigen

Vor drei Jahren entschied sich das Stimmvolk mit 67 Prozent Mehrheit gegen eine sechste Ferienwoche.

Das Ausland reagierte verblüfft. Die helvetische Angst vor der arbeitsfreien Zeit hat mehrere Gründe.

Ferien stehen vor der Tür. Freude herrscht. Frau und Herr Schweizer haben jedoch ein ambivalentes Verhältnis zur arbeitsfreien Zeit. Vor drei Jahren hat die ganze Welt den Kopf geschüttelt, als wir an der Urne gegen eine sechste Ferienwoche stimmten. Die Gründe dafür sind multipel und liegen tief.

Erstens befürchten Schweizerinnen und Schweizer nichts so sehr wie Wettbewerbsnachteile für ihr Mekka der hohen Löhne und Preise. Die Arbeitgeber drohten damals: "Wenn ihr mehr Freizeit wollt, werden wir Stellen abbauen und ins Ausland verlagern." Aus dem gleichen Grund wird im Land der vielen kleinen Arbeitgeber auch oft versucht, arbeitsfreie religiöse Feiertage abzuschaffen. Mit den Killerargumenten Standortnachteil und Stellenabbau kann in der Schweiz jede Initiative gewonnen werden.

Zweitens sind Arbeitsmoral und Leistungsdenken in der Schweiz höher als anderswo. Das Motto „ohne Fleiss kein Preis“ geht auf Zwingli und Calvin zurück, die unser Land zweifellos stärker prägen als Dunant und Pestalozzi.

Drittens verfügen Schweizerinnen und Schweizer über eine überdimensionierte Impulskontrolle. Die Fähigkeit, kurzfristige Bedürfnisse zu Gunsten langfristiger Gewinne zurück zu stecken, wird in der Schweiz bereits in Kinderkrippen systematisch eingeübt. Darum überzeugt hierzulande das Argument „weniger Ferien heute, dafür mehr Geld im Alter“ stärker als anderswo.

Viertens haben Schweizerinnen und Schweizer eine ausgeprägte Sensibilität fürs Gemeinwohl. Bei der Ferieninitiative trafen die individuellen Bürgerinnen und Bürger eine Entscheidung zum Vorteil der gesamten Gesellschaft. Kein Staat der Welt ist so sehr beeinflusst vom Denken von Jean-Jacques Rousseau wie sein Heimatland Schweiz. Der „contrat social“ aus dem Jahr 1762 basiert auf der Prämisse, dass Menschen freiwillig und aus Vernunftgründen den gemeinsamen Willen über die eigenen Bedürfnisse stellen.

Fünftens lieben Schweizerinnen und Schweizer Ordnung und Struktur in ihrem Leben, was durch einen geregelten Arbeitsalltag mehr garantiert wird als durch Ferien, wo vieles unvorhersehbar und unplanbar ist: Stau auf dem Hinweg, Baustelle neben dem Hotel, kleines und hellhöriges Zimmer, durchhängende Matratze, schlechtes Essen, schmutziger oder überfüllter Strand, mieses Wetter, aggressive Moskitos am Tag und grölende Touristen in der Nacht. Kein Wunder, dass viele Schweizerinnen und Schweizer ihre Ferien jeweils am gleichen Ort und in derselben Weise mit einer geordneten Tagesstruktur hinter sich bringen.

Und sechstens wirken Ferien bedrohlich auf Beziehung und Partnerschaft. Zwar vermeiden immer mehr Paare dank iPhone vertraute Zweiergespräche beim Kerzenlicht-Dinner irgendwo zwischen Algarve und Mykonos. Aber zwischendurch müssen sie ihre Geräte ja mal aufladen und stellen dann fest, dass ihnen schon nach kurzer Zeit der Gesprächsstoff ausgeht oder sie sich auf unterschiedliche Planeten hin entwickelt haben. Laut Statistik geraten mehr als zwei Drittel aller Paare in den Sommerferien in heftigen Streit. Jede dritte Scheidung wird nach den Sommerferien eingereicht, in Italien jede zweite. Klar, sie haben ja auch länger Ferien.

            Man kann den helvetischen Sonderfall aber auch positiv sehen: Je seltener etwas vorkommt, umso wertvoller ist es. Darum sind und bleiben Ferien im Leben von Frau und Herr Schweizer etwas ganz Besonderes. Dies schreibe ich am Strand auf Elba...


 

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 31. Mai 2015

 

Bürger oder Kunde ?

Das Milizsystem ist Teil des Erfolgsmodells Schweiz. Bürger verstehen sich aber immer öfter als Kunden des Staates. Anreizsysteme zu sozialen Diensten sowie ein obligatorischer Bürgerdienst sind ernsthaft zu prüfen.

Der "Contrat Social" von Rousseau, der die Frage nach den Aufgaben und Verantwortlichkeiten im Staat stellte

Im Herbst 2013 stimmte die Mehrheit der Schweizer Stimmbevölkerung weitgehend darum für die Beibehaltung der Wehrpflicht, weil sie die helvetische Milizmentalität bewahren wollte. Das militärische und zivile Milizsystem bilden ein Kernelement des Erfolgsmodells Schweiz. Der Gedanke der militärischen Miliz basiert seit der Antike auf einer Einheit von Bürger und Soldat. Und die zivile Miliz ist im Sonderfall Schweiz seit über 200 Jahren Ausdruck der Einheit von Bürger und Staat. Zwischen Boden- und Genfersee lebt jedefrau und jedermann mit dem Selbstbewusstsein von Louis XIV: „L’État, c’est moi.“ Im Milizsystem bilden Bürgerinnen und Bürger den Souverän und übernehmen darin und darum entsprechende Aufgaben und Pflichten.

 

Das Bezahlen von Steuern erscheint zumindest den meisten als selbstverständlicher Beitrag zum Gemeinwohl. Nicht mehr selbstverständlich ist hingegen, dem Staat auch Zeit und Know-how zur Verfügung zu stellen, etwa im Gemeinderat, in der Schul- oder Kirchenpflege. Die helvetische Milizmentalität befindet sich im Sinkflug. In einem von Markt und Geld geprägten Staat versteht sich der Bürger immer weniger als tragender Pfeiler einer Laienrepublik, sondern zunehmend als Kunde und Konsument, welcher dem Vater Staat Steuern abliefert und dafür selbstverständlich eine Reihe von Dienstleistungen bezieht.

 

Der Milizgedanke verliert auch darum an Attraktivität, weil „nebenberuflich“ und „ehrenamtlich“ oft als halb- oder unprofessionell gilt (und es nicht selten auch ist). Kommt hinzu, dass sich Ehrenamtliche heute hemmungsloser Kritik von Medien und Wutbürgern aussetzen. In manchen Stadtregierungen sind darum Politiker zu Marktkonditionen angestellt. Und viele Bundesparlamentarier haben den Milizgedanken durch ihre lukrativen Verwaltungsratsmandate faktisch abgeschafft. Das schwindende Bewusstsein von Bürgerinnen und Bürgern, Teil und Souverän des Staates zu sein, mindert die Bereitschaft, dem Staat ehrenamtlich zu dienen. Dies spüren viele Gemeinden, die ihre Ämter nicht mehr durch Kampfwahlen, sondern nur noch per Inserat besetzen können.

 

Die Kundenmentalität wächst nicht nur bei Bürgern gegenüber dem Staat, sondern auch bei Gläubigen gegenüber den Kirchen. Sie bezahlen Kirchensteuern und konsumieren dafür die Rituale Taufe, Hochzeit und Beerdigung als selbstverständliche Dienstleistungen.

 

Um das Schweizer Milizsystem langfristig garantieren zu können, wirbt „avenir suisse“ für die Einführung eines obligatorischen Bürgerdienstes für alle Männer und Frauen, inklusive der niedergelassenen Ausländer. Die 200 Bürgertage könnten von den 20- bis 70-Jährigen in militärischen oder zivilen Diensten absolviert werden. Für einen solchen Dienst spricht, dass die Betreuung von Kindern, Fragilen und Betagten sowie ökologische, soziale und kulturelle Dienste in der Schweiz immer weniger durch Freiwillige geleistet werden können. Ein Bürgerdienst würde zudem Gemeinschaft stiften und könnte das Interesse an freiwilligen Engagements wecken. Gegen einen Bürgerdienst spricht, dass gesellschaftliche Dienste aus innerer Motivation und Freiheit sowie aus Identifizierung und Solidarität mit dem Staat erfolgen sollten.

 

Entweder gelingt es dem Staat mit Hilfe der Wirtschaft den Gemeinsinn und folglich das freiwillige Engagement der Bürger zu fördern. Oder wir müssen einen Bürgerdienst oder zumindest Anreize wie AHV-Gutschriften, Zeit-Gutscheine oder Steuerrabatte erwägen, um die gesellschaftlich notwendigen Dienste langfristig garantieren und finanzieren zu können.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 3. Mai 2015

 

Weltmeister im Glücklichsein

Gemäss „Global Happiness Report 2015“ der Uno stehen Frau und Herr Schweizer zuoberst auf dem Podest in der Disziplin Glück. Ist das wirklich so oder stimmt an dieser Liste etwas nicht?

Dass Schweizerinnen und Schweizer Weltmeister im Jammern auf hohem Niveau sind, ist bekannt. Dass wir aber die glücklichsten Menschen auf dem Planeten sind, wurde erst letzte Woche von höchster Instanz bestätigt: vom „World Happiness Report“, den die Uno zum dritten Mal publizierte. Zuvor standen die Dänen zweimal auf dem Siegerpodest. Assen wir in den letzten Jahren mehr Schokolade oder joggten wir länger? Beides soll bekanntlich die Produktion von Glückshormonen anregen.

 

Als ich die Nachricht vom glücklichsten Land der Erde vor zwei Wochen in der Zeitung las, befiel mich leise Skepsis. Klar, wir haben ein gutes Bildungs- und Sozialwesen, hohe Löhne, wenig Arbeitslose sowie tadellose Schienen und Strassen. Und manchmal sogar schönes Wetter. Gleichzeitig belegt die Schweiz Rang 18 auf der globalen Suizidskala, während es im Armenhaus Haiti praktisch keine Selbsttötung gibt. Und 3,7% schlucken hierzulande täglich Antidepressiva, bei den Frauen im Alter von 55 bis 64 Jahren sind es sogar 7,5%.

 

Wie kommen die Forscher der Uno also dazu, die Bewohner zwischen Boden-, Genfer- und Langensee zu den glücklichsten Menschen auf Erden zu küren? Nach welchen Kriterien haben sie unser Glück gemessen? Im „Global Happiness Report“ besteht Glück aus einem Mix von sechs Variablen: Pro-Kopf-Einkommen, Lebenserwartung, sozialem Netz, Entscheidungsfreiheit, Korruptionsfreiheit sowie Grosszügigkeit bei Geldspenden. Mit diesen Variablen überrascht die helvetische Glücksposition wenig. Beim Well-Being Index der OECD, der die positiven und negativen Gefühle der Menschen befragt, bewegt sich das Jammertal Schweiz hingegen im Mittelfeld.

 

Aus philosophischer Perspektive ist das Messen des Glücks ganzer Bevölkerungen grundsätzlich ein Ding der Unmöglichkeit. Erstens empfinden wir Glück als ein subjektives, spontanes Gefühl: etwa beim Verspeisen einer Olma-Bratwurst auf dem Säntis oder beim Entdecken eines Schnäppchens im Schuhladen. Und zweitens erleben wir Glück relativ zu unseren Bedürfnissen. Ein Mädchen im Flüchtlingslager und ein Knabe im Montessori-Kindergarten, ein Student, eine Konzernchefin, ein Querschnittgelähmter oder eine rüstige Rentnerin haben nicht dieselbe Vorstellung von Glück. Gerade weil unsere Bedürfnise individuell sehr verschieden sind, kann es beispielsweise arme Glückliche und reiche Unglückliche geben.

 

Was Glück ist, erfährt man oftmals über den Umweg des Unglücks. Paul Watzlawick nannte diese Umwege in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“: das Idealisieren der Vergangenheit, das Vermeiden-wollen von Problemen, den Vergleich mit anderen Menschen sowie das Ändern-wollen vom Gegenüber. Positiv formuliert heisst das: Wege zum Glück sind das Leben im Hier und Jetzt, die Erlaubnis mich irren zu dürfen, die Nachsicht von Unzulänglichkeiten und das Vermeiden des Vergleichs mit Anderen.

 

Im Westen ist es gerade die Jagd nach Glück, die unser Glück oft verhindert. Die USA garantieren diese Jagd sogar in der Verfassung. Da halte ich mich lieber an Hermann Hesses Worte:

 

„Solang du nach dem Glücke jagst,

und weiter um Verlornes klagst,

bist du nicht reif zum Glücklichsein

und wäre alles Liebste dein.

 

Dieses Glücksverständnis passt so wenig zu uns wie der Glücks-Weltmeistertitel der Uno. Am wohlsten ist es uns letztlich doch in der Rolle als Edel-Jammerer.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 5. April 2015

 

Die totale Sicherheit austräumen

Der Flugzeugabsturz brachte die kollektive Sehnsucht nach totaler Sicherheit einmal mehr zum Ausdruck. Eine sichere Welt ist aber illusionär. Und dieser Traum wird gefährlich, wenn er Recht und Freiheit opfert.

 

Der Flugzeugabsturz durch einen erweiterten Suizid stürzt zahllose Angehörige in unendliches Leid und schockiert die ganze mobile Gesellschaft. Manche Medienberichte und Stammtischgespräche erzeugen allerdings Skepsis und Widerspruch.

 

Erstens fiel das aussergewöhnliche Mitgefühl mit den Opfern auf. An sich sind 150 Tote gerade nichts Aussergewöhnliches. Alle 10 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger. In Analogie bedeutet das: Alle 25 Minuten stürzt ein Flugzeug mit 150 Kindern vom Himmel. Dass Betroffenheit, Empathie und Solidarität proportional zur geografischen Distanz abnehmen, ist leider ein Hauptgrund dafür, dass humanitäre Katastrophen weltweit so lange andauern.

 

Zweitens vermuteten Aviatik-Spezialisten nach Bekanntwerden des Flugzeugabsturzes primär technische Absturz-Gründe: gefrorene Sensoren, Druckabfall, Drohnen in den Triebwerken, Kurzschluss in Kabeln usw. Terrorakte oder Streit unter Piloten wurden nur am Rande erwähnt, auf Piloten-Suizid tippte niemand. Zur Beruhigung der mobilen Gesellschaft wurde der Unsicherheitsfaktor Mensch bewusst ausgeklammert.

 

Drittens rechnen Fluggesellschaften in ihren Risikoanalysen offenbar – selbst mit Wissen um Depressionen – nicht mit dem Fall des Piloten-Suizids und machten es darum bis heute technisch möglich ist, dass sich Piloten im Cockpit einschliessen und die Maschine willentlich zum Absturz bringen. Die meisten anderen Berufsbranchen betrachten menschliches Versagen als den höchsten Risikofaktor. Wieso sollten ausgerechnet Piloten, die unter enormem Druck arbeiten, permanent mit Zeitverschiebungen leben, ihre Partner, Familien und Freunde unregelmässig sehen und kein Vereinsleben pflegen können, seltener an Schwermut und Burnout leiden als Lehrpersonen, Sozialarbeiter oder Pflegepersonal?

 

Viertens wurde nach dem Absturz über Nacht die Zwei-Personen-Regel im Cockpit eingeführt. Mit einer seriösen Risikoanalyse wäre man bereits nach 9/11 vor 14 Jahren auf diese Lösung gekommen. Die Unfähigkeit zu präventivem Handeln wurzelt letztlich auch in mangelnder Empathie.

 

Fünftens hat der Co-Pilot seine Krankheit(en) verschwiegen. Airlines haben immer Piloten auf Pikett, die selbst kurz vor dem Briefing einspringen können, wenn sich ein Pilot unpässlich fühlt. Warum nehmen Piloten diesen Dienst nicht in Anspruch? Offenbar stehen sie unter dem Druck, jederzeit fit zu sein und wie Triebwerke stets vollen Schub zu liefern. Entsprechend hoch ist deren Angst vor Stellenverlust. Fluggesellschaften sollten für Piloten attraktive Alternativ-Einsätze schaffen und aktiv anbieten.

 

Sechstens fordern bereits gewisse Politiker, dass Ärzte künftig kranke Piloten dem Arbeitgeber melden müssen. Diese Massnahme führt aber gerade dazu, dass Piloten selbst dem Vertrauensarzt ihre Leiden verheimlichen. Und die Politiker, die mit dem Argument der Sicherheit das Berufsgeheimnis von Ärzten, Anwälten, Journalisten und Seelsorgern aushöhlen und opfern wollen, sind die besten Wegbereiter für einen totalitären Staat.

 

Und siebtens wurde zwar viel über die Schreie der verzweifelten Passagiere berichtet, aber nie die Frage gestellt: Was würden Sie tun, wenn Sie merken, dass Sie nur noch 1-2 Minuten zu leben haben? Gerade an Ostern wäre das ein sinnbringendes Gesprächsthema am Esstisch.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod" in:

"Ostschweiz am Sonntag" vom 15. März 2015

 

Wenn Heimatgefühle schwinden

Was ist „Heimat“? Wo lässt sie sich finden? Und was braucht es, damit unsere Heimatgefühle schwinden? Bei manchen genügt es, wenn bei Abstimmungen die Mehrheit konstant anders denkt als sie.

 

Ob Konsum oder Energie besteuert werden und ob Kinderzulagen besteuert werden sollen oder nicht, lockt weniger Bürgerinnen und Bürger an die Urnen als wenn es bei einer Abstimmung um Ausländerkontingente oder um das Zubetonieren der Alpen geht. Bei Abstimmungen mit Heimatgefühlpotenzial ist das Verlieren hart. Nicht wenige Abstimmungsverlierer denken nach Bekanntwerden der Resultate ernsthaft darüber nach, ihren roten Pass mit dem weissen Kreuz abzugeben, weil sie sich mit dem Land und der Mehrheit seiner Bürger nicht mehr identifizieren können und wollen.

 

Das Wort Heimat existiert interessanterweise nur in der deutschen Sprache. Entsprechend gibt es auch nur bei uns einen amtlichen Heimatschutz. Wenn man in einer Altstadt oder an einem historischen Ort baulich etwas verändern will, tritt augenblicklich der Heimatschutz in Aktion und verhindert den Abbruch alter Bausubstanz. Das Schützen und Bewahren von Bauwerken und Landschaften hängt offenbar eng mit Heimat und Heimatgefühlen zusammen. Gleichzeitig liegt im Konservieren von Orten die Gefahr, Heimat als etwas Statisches zu verstehen, sie wie ein Museumstück zu behandeln und Entwicklung zu verhindern.

 

Heimat ist aber gerade nicht museal. Heimat ist die sich laufend wandelnde Summe von Gemeinschaft und Raum, Sprache und Tradition, Geschichte und Geschichten.

Interessant ist auch, dass die Heimat noch nie so stark betont und geschützt wurde wie heute, wo die Nationalstaaten kaum mehr eine Rolle spielen und wir immer globalisierter leben und konsumieren.

Wo finden wir Heimat? Manche suchen Heimat eher räumlich in der Region oder Nation, andere eher ideell in der Religion, in der Sprache, in der Kultur oder im persönlichen Freundeskreis. Hermann Hesse schrieb einmal: "Heim kommt man nie. Aber wo befreundete Wege zusammenlaufen, da sieht die ganze Welt für eine Stunde wie Heimat aus." Und Max Frisch ergänzt: "Heimat sind die Menschen, die wir verstehen und die uns verstehen."

 

Je mehr wir Heimat mit Menschen und je weniger wir sie mit bestimmten Orten verbinden, umso leichter fällt und gelingt es uns, uns im Verlauf des Lebens an verschiedenen Orten heimisch zu fühlen. Und andere finden nie und nirgends Heimat. Max Frisch lädt in seinem „Tagebuch“ ein, die eigene Heimat und Heimatliebe zu reflektieren:

„Wenn Sie sich in der Fremde aufhalten und Landsleute treffen: Befällt Sie dann Heimweh oder gerade nicht? Hat Heimat für Sie eine Flagge? Worauf könnten Sie eher verzichten: auf Heimat oder Vaterland? Was bezeichnen Sie als Heimat: ein Dorf, eine Stadt, ein Quartier, einen Sprachraum, einen Erdteil oder eine Wohnung? Gesetzt den Fall, Sie wären in der Heimat verhasst: Könnten Sie deswegen bestreiten, dass es Ihre Heimat ist? Was lieben Sie an Ihrer Heimat besonders: die Landschaft, die Gewohnheiten der Leute, das Brauchtum, die gemeinsame Sprache oder die Erinnerungen an die Kindheit? Welche Speisen essen Sie im Ausland aus Heimweh? Wenn Sie von einer Auslandreise zurück kehren: Bestärkt Sie der Anblick von vertrauten Uniformen (Eisenbahner, Polizei, Militär etc.) im Gefühl, eine Heimat zu haben? Wie viel Heimat brauchen Sie? Sind Sie dankbar, eine Heimat zu haben – und wem? Fühlen Sie sich heimatlos, wenn Sie in zunehmendem Grad anders denken als die Menschen, die den gleichen Bezirk als Heimat bezeichnen wie Sie und ihn beherrschen?“

 


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 15. Februar 2015

 

... und es kamen Menschen

 

Kaum sank der Euro, heulte die Tourismus-Branche auf. Der hohe Franken lenkt aber von einer tiefer liegenden Schwäche der Branche ab: Gäste fühlen sich nicht wie Könige behandelt, sondern eher wie Störenfriede.

 

„Wir servieren kein Hahnenwasser, Sie müssen eine Flasche bestellen… Das Tages-Menu gibt es nur mit Kartoffeln, für Reis berechnen wir einen Aufpreis.“ Solche und ähnliche Ausdrücke mangelnder Flexibilität und fehlender Gastfreundlichkeit sind nicht selten im Tourismusland Schweiz. Die Tourismusverbände geben Millionen aus, um möglichst viele Kunden aus aller Welt anzuziehen. Aber in Anlehnung an Max Frisch müssen wir zugeben: Wir wollten Kunden – und es kamen Menschen. Die Schweiz vermittelt den Gästen aus aller Welt oft den Eindruck, dass diese zwar als Kunden teurer Uhren und Zimmer erwünscht sind, aber als Gäste, die sich erholen und eine andere Kultur kennen lernen wollen, eher stören.

 

Ein Wunder, dass Schweiz Tourismus noch nicht auf die Idee kam, in Delhi, New York, Moskau, Shanghai und Berlin Filialen zu schaffen, wo Schweiz-Touristen einfach ihre Kreditkarten und Kameras abgeben und nach 1-2 Wochen wieder abholen können, zusammen mit vielen Bergfotos, einer Rolex und fetten Hotelrechnungen. Die Touristen könnten sich so auch den Jet-lag, unverträgliche Käse-Spezialitäten, lange Busreisen, Atemnot auf dem Jungfraujoch und tagelanges Regenwetter ersparen.

 

Gibt man auf der Webseite von Schweiz Tourismus das Stichwort „Unfreundlichkeit“ ein, erscheinen 70 Einträge von Feriengästen, die über unflexibles Personal und eisige Atmosphäre klagen. Aus diesem Grund – und nicht nur wegen des tiefen Euro – gehen auch viele Ostschweizer in Vorarlberg und im Tirol Skifahren statt auf dem Pizol und in Flims. Das Reiseportal Zoover befragte vor zwei Jahren 17 000 Personen in 23 Ländern zum Thema Gastfreundlichkeit in Europa. Die Schweiz landete auf dem letzten Platz, unser Nachbar Österreich auf Platz 1.

 

Was tun?

 

In den USA wird die überschwängliche und gekünstelte Freundlichkeit mit Geld erreicht. Das Personal wird vor allem über die Trinkgelder honoriert. Diese Option ist bei uns aber aus sozialen Gründen keine Lösung.

 

Eher sollten „best practices“ belohnt und betont werden, etwa mit der Verleihung des «Prix Bienvenu» für das gastfreundlichste Schweizer Hotel. Und auch Internet-Kommentare über ungastliche Bewirtung könnten positive Veränderungen bewirken.

 

Zudem könnten die Tourismusverbände von sich aus einen Freundlichkeits-Code im Service einführen. Dies könnte Hoteliers und Wirte motivieren, mehr in die Ausbildung und in längerfristige Anstellungen ihres Personals zu investieren. Die Tourismusorganisation Engadin bietet jedes Jahr einen Workshop der Herzlichkeit für Hotelangestellte und die lokale Bevölkerung an und vermittelt dort das Zauberwort «Allegra». Dieses steht für: A wie Augenkontakt, L wie Lächeln, L wie Lass mich helfen, E wie Erwartungen übertreffen, G wie Gerne ja!, R wie Rückfragen und A wie Auf ein baldiges Wiedersehen!

 

Letztlich kann Gastfreundlichkeit aber nicht gänzlich den Tourismus-Profis überlassen werden. Mehrmals leitete ich Reisen nach Iran, wo die Einheimischen sehr interessiert und herzlich auf Touristen zugehen und sie spontan fragen, woher sie kommen, wie ihnen das Land gefällt und ob sie Hilfe brauchen. Und ich muss zugeben: Weder in Luzern noch in Zürich oder Interlaken habe ich je einen Touristen gefragt, warum er in die Schweiz kommt, wie es ihm hier gefällt und ob ich ihm etwas zeigen darf. Wollen wir viele und zufriedene Gäste, brauchen wir keinen tiefen Franken, sondern eine nationale Charme-Offensive.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 18. Januar 2015

 

Nicht jeder ist ein Charlie

 

Religiöse Vertreter distanzieren sich derzeit klar vom religiösen Terrorismus. Doch sie überzeugen nicht. Denn die Wurzeln der Intoleranz liegen allzu tief in den religiösen Traditionen.

 

Der Terroranschlag auf die Redaktoren von „Charlie Hebdo“ in Paris hat weltweit politische und religiöse Gruppierungen zu Protesten gegen Gewalt und Terror geführt. Die ganze Welt ist Charlie. Diese symbolischen Gesten schenken vielen Zuversicht. In mir wecken sie eher Skepsis. Denn diese medienwirksamen Statements gegen Gewalt und Terror dauern jeweils nur kurze Zeit, ob in Manhattan, London oder Zug. Erschreckend rasch weicht die Distanzierung von Gewalt jeweils dem Ruf nach strengeren Ausländergesetzen und Strafforderungen sowie nach stärkerer Grenzkontrolle und Personenüberwachung. Symptombekämpfung ist immer einfacher als das Stellen unbequemer Fragen nach den Gründen von Gewalt und Terrorismus. Denn Letzteres verlangt die Fähigkeit zur Kritik an den eigenen politischen und sozialen Strukturen. Diese Reflexion war schon zu RAF-Zeiten schwierig bis unmöglich.

 

Besonders skeptisch bin ich religiösen Vertretern gegenüber, die sich derzeit von jeglichem Terror im Namen Gottes distanzieren. Gerade die christlichen und muslimischen Religionsvertreter sollten endlich mutig bekennen, dass sie mit ihren Absolutheitsansprüchen, patriarchalen Systemen und dogmatischen Lehren seit Jahrhunderten systematisch zur gegenseitigen Intoleranz beitragen. Sie müssen sich die Frage gefallen lassen, warum der Terrorismus seit 15 Jahren weltweit ein religiöses Gesicht gewählt hat. Das ist leider Gottes kein Zufall. Das Krebsgeschwür des religiösen Terrorismus stammt aus dem Leib der Religionen selbst. Allzu lange haben sich die Religionen gegen notwendige Reformen gewehrt, gegen die Moderne und deren Werte gekämpft sowie religiöse Gesetze über das persönliche Gewissen gestellt. Und allzu lange haben sie sich gegen Glaubensfreiheit und religiöse Vielfalt gewehrt, Autoritätsgehorsam gefordert und ihre Frohbotschaften in Drohbotschaften pervertiert. Darum ist ihre heutige Distanzierung gegenüber Gewalt im Namen Gottes etwas zu einfach und überzeugt nicht. Der Protest religiöser Vertreter gegen Gewalt und Terror ist nur dann glaubwürdig, wenn diese gleichzeitig die Freiheit des Gewissens, die Versöhnung mit den anderen Religionen sowie die Gleichstellung der Geschlechter predigen und leben. Einen Versuch in diese Richtung formulierten religiöse Vertreter von zwölf Weltreligionen und 31 christlichen Kirchen im Januar 2002 in Assisi:

 

„Wir proklamieren, dass Gewalt und Terrorismus im Kontrast zu einem echten religiösen Geist stehen. Wir verurteilen jeden Rückgriff auf Gewalt und Krieg im Namen Gottes oder der Religion. Wir wollen alles Mögliche tun, um die Ursachen des Terrorismus zu lösen. Wir wollen die Menschen zu gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Hochachtung erziehen, damit sich ein friedliches Zusammenleben zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Ethnien, Kulturen und Religionen realisieren lässt. Wir fördern die Kultur des Dialogs, damit gegenseitiges Verständnis und Vertrauen zwischen den Einzelnen und den Völkern wachsen kann.  Wir stellen uns auf die Seite der Leidenden und Verlassenen und machen uns zur Stimme derer, die selber keine Stimme haben. Wir wollen der Menschheit eine echte Hoffnung auf Gerechtigkeit und Frieden geben. Und wir fordern die Verantwortlichen der Nationen auf, alle Anstrengungen zu unternehmen, dass eine Welt in Solidarität und Frieden erbaut und gefestigt wird.“

 

Solche Bekenntnisse wecken Hoffnung. Den Worten müssen aber Taten folgen. Ansonsten bewirken die Appelle zum Frieden nämlich genau das Gegenteil: Sie rauben die Hoffnung auf die Kraft des Dialogs und fördern den Glauben an die Gewalt als Heilsweg zur Erlangung ideologischer Ziele.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 21. Dezember 2014

 

Preis für das dümmste Gesetz

Politiker erfinden immer wieder neue Gesetze und Regeln, Verbote und Obligatorien. Gegen die Gesetzesinflation hilft kein Gesetz, vielleicht aber ein Preis für die dümmste Regel des Jahres.

Politiker sind dazu da, neue Gesetze zu schaffen. Deren Sinn ist aber nicht immer so leicht nachvollziehbar. Am ehesten leuchten neue Vorschriften aus ökologischen Gründen ein. Dass ab Neujahr keine Plastiksäcke mehr gratis an Ladenkassen abgegeben werden dürfen, ist zwar für all jene, die saftige Himbeeren einkaufen, etwas mühsam, aber dennoch sinnvoll.

Auf Verständnis stossen auch neue Gesetze aus Spargründen. Ab 2015 gilt beispielsweise Internet-Pflicht für St. Galler Bauern. Die Landwirte dürfen Gesuche für Direktzahlungen nur noch online und nicht mehr auf Papier einreichen.

Fragwürdiger ist hingegen die Gesetzesflut aus einem übersteigerten Sicherheitsbedürfnis heraus. In Zürich müssen Hundehalter neu jedes Mal, wenn sie einen Hund anschaffen, Kurse besuchen. Dieses Gesetz kann man zwar nachvollziehen, wenn man allein auf weiter Flur einem Kampfhund begegnet, aber nicht wenn auf Pudel Daisy Pudel Sugar folgt.

Neu fordern Politiker Strafen für Fussgänger am Handy. Passanten, die mit Kopfhörern oder SMS schreibend über die Strasse gehen, wirken tatsächlich lebensmüde. Aber wenn sich die Regeln für Fussgänger immer mehr jenen der Automobilisten angleichen, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis von Passanten auf Bahnsteigen Rechtsverkehr sowie Handsignale beim Abzweigen verlangt wird.

Die Beratungsstelle für Unfallverhütung (BfU) propagierte vor einem Monat, dass Fussgänger Leuchtwesten oder Sohlenblitze tragen sollen. Ich stelle mir eine elegant gekleidete Dame auf dem Weg in die Oper vor, die über ihrem Kleid eine zitronengelbe Plastikweste trägt. Ein ästhetischer Super-Gau.

Andere Gesetze, die die Sicherheit fördern sollen, konkurrieren mit dem urschweizerischen Freiheitsdrang. Jahrelang wehrten sich die Romands vergebens gegen das Gurten-Obligatorium in Privatwagen. Ich wette, dass der Gurtenzwang auch in Postautos noch vor 2020 eingeführt wird.

Manche Gesetze, die unser Sicherheitsbedürfnis stillen sollen, führen paradoxerweise dazu, dass man das Vertrauen auf die eigenen Sinne an Paragrafen und technische Messgeräte delegiert. Seit einem Monat müssen Neuwagen über ein Reifendruck-Kontrollsystem verfügen. Bisher warf der Automobilist ganz einfach einen Blick auf seine Pneus.

Fragwürdig sind auch Obligatorien, die dem Zwang nach Uniformität dienen. Mehrere Kantone führen in den Primarschulen neu die Basisschrift an Stelle der Schnürlischrift obligatorisch ein. Und das in einer Zeit, wo man die Handschrift nicht mal mehr zum Unterzeichnen braucht.

Bei manchen neuen Gesetzen ist der Zweck schlicht absurd. Neben den Hunden sollen künftig auch Katzen einen Mikro-Chip tragen müssen, damit man sie ihren Herrchen rascher zuordnen kann.

Wie kann man sinnlose neue Gesetze vermeiden? Paradox wäre ein Gesetz gegen unnütze Gesetze. Wir könnten uns aber ein attraktives Abschreckmittel überlegen, beispielsweise die Verleihung eines Preises für den dümmsten Gesetzesvorschlag.

Preisverdächtig wären die vielen Gesetze im Lebensmittelbereich, welche Form und Grösse von Gemüse oder von den Löchern im Käse festlegen.

Die Gewinnerin der letzten Jahre wäre aber mit Sicherheit Bundesrätin Widmer-Schlumpf, als sie 2009 im Ernst forderte, dass alle Tanten, Göttis und Nachbarn eine Bewilligung bräuchten, wenn sie unentgeltlich ein Kind hüten.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 23. November 2014

 

Beruhigungsmittel Doktortitel

Angestellte und Gewerkschaften fordern immer mal wieder mehr Lohn. Dabei gäbe es eine traditionelle und effektive Ersatzwährung. Akademische Grade wirken bis heute reizvoll.

Der scheidende Direktor des Bundesamts für Kultur, Urs Staub, sorgt mit seinem falschen Doktortitel für Aufregung. Eigentlich unverständlich, spielen doch akademische Grade ausser in den wissenschaftlichen Betrieben selbst kaum mehr eine Rolle. Gerade darum könnte man mit der grosszügigen Vergabe von Doktortiteln nicht nur Universitäten und Museen sanieren, sondern auch viele mühselige Lohndebatten elegant lösen.

 

Als Niklaus Meienberg in den 60-er Jahren an der Kantonsschule Chur einen Geschichtslehrer vertrat, sprachen ihn die Schüler stets mit „Herr Professor“ an. Der stv. Prof. schrieb:

„Ich versuche zu erläutern, dass sogar an den Universitäten normale Dozenten sich nicht mehr mit ‚Herr Professor‘ anreden lassen… Später erfahre ich, welche Bewandtnis es mit dem Professorentitel in Chur hat. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verlangten die Lehrer eine kräftige Lohnaufbesserung, welche abschlägig beschieden wurde. Stattdessen gewährte man ihnen den Professorentitel, an dem sie heute noch hängen.“

Als die Schweiz im Zuge des europaweiten Bologna-Systems vor einigen Jahren aus den Lehrerseminaren Pädagogische Hochschulen machte und die Höheren Fachschulen zu Fachhochschulen mutierten, erhielten die Lehrerinnen und Lehrer wie in Chur vor 100 Jahren automatisch den Professorentitel. Akademische Grade als Alternativwährung zu Lohnerhöhungen scheinen selbst bei linken Intellektuellen heute noch einen Reiz auszulösen. Mit einer grosszügigen Vergabe akademischer Titel als kollektive Beruhigungsmittel und Ichprothesen könnten Hochschulen und Museen ihre Finanznöte lösen. Und vielleicht liessen sich derzeit auch die zähen Lohnverhandlungen zwischen der Gewerkschaft UNIA und dem Baumeisterverband relativ einfach lösen, indem man den Vorarbeitern den Professoren- und den Bauerarbeitern den Doktortitel verleiht. Mit einer grosszügigen Titelvergabe würden auch manche Promis ihre abgesprochenen Doktortitel zurück bekommen: die Ex-Minister Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan sowie Bischof Wolfgang Haas und Nationalrätin Yvette Estermann. Doris Fiala könnte ihren Master-Titel der ETH wieder führen und Ex-Miss "Bschiss" Kerstin Cook könnte sich wieder als Biologiestudentin bezeichnen, weil sie an einer Klubschule in England Fernkurse belegt.

In unserem östlichen Nachbarland, der ehemaligen K.u.K.-Monarchie, könnten wir die spendable Vergabe akademischer Grade wunderbar lernen. Bis vor einigen Jahren war von Bregenz bis Wien jeder Jurist und Arzt mit dem Studienabschluss automatisch Doktor. Und ihre Gattinnen erhielten den Doktortitel sowieso in Kombination mit dem Ehering. Der einzige, der im Land der Geheim-, Kommerzial- und Hofräte einen geschenkten akademischen Grad ablehnte, war Thomas Bernhard: „Ich nehme weder Preise noch Titel an und naturgemäss auch nicht Ihren lächerlichen Professorentitel. Das ist mein Beitrag zur Eindämmung der Professoreninflation in Österreich: Es gibt ja schon viel mehr Professoren als Kellner und Kellnerlehrlinge zusammen. Die Quelle dieser Ekel erregenden Professorenseuche ist vor allem das sogenannte Kunst-, Unterrichts- und Sportministerium, das jährlich Abertausende von lächerlichen Professoren- und anderen Titeln ausschüttet und das ganze arme Österreich mit seiner übelstinkenden Titelsauce übergiesst.“ Der Schriftsteller sah das etwas eng. Durch Titelvergaben anstelle von Lohnerhöhungen hat Österreich mehr Geld für Bildung und Kultur.


Kolumne "Der Blick aus der Ferne" im Themenheft über Identität

in: "Stadtmagazin" der Stadt Zug, Dezember 2014

 

Bin ich, wer ich war?

Eine klare Identität erhöht das Selbstwertgefühl. Das gilt für einzelne Menschen und für Gruppen. Wie aber entsteht Identität? Verliert ein Mensch seine Identität, wenn er eine Verbindung eingeht? Menschen sowie Gruppen mit einer klaren Identität haben ein gesundes Selbstwertgefühl. In einer gesunden Liebesbeziehung löst sich die eigene Identität nicht auf, sondern wird geklärt, gestärkt und erhält ein höheres Selbst-Bewusstsein.  Viele Menschen und Gruppen betonen jedoch trotzdem ihre Identität durch bewusste Abgrenzung von Anderen und Fremden oder durch Vereinnahmung. Dies hat quer durch die Menschheitsgeschichte für unsägliches Leid gesorgt.

 

Gefährlich ist auch die zunehmende Reduktion unserer komplexen Identität auf wenige oder gar auf ein einziges Identitätsmerkmal. Der Nobelpreisträger Amartya Sen kritisierte in seinem Buch "Die Identitätsfalle" die einseitige Reduktion der komplexen menschlichen Identität auf seine religiöse und kulturelle Komponenten. Diesem Phänomen begegnen wir tagtäglich. Wenn ein Gewaltverbrechen geschieht, so steht in der Zeitungsmeldung, dass es ein Ausländer oder ein Muslim war. Aber wir erfahren nicht, ob der Verbrecher Vegetarier, Heterosexueller, Mozart-Liebhaber, Schreiner, Einzelkind, Fussballer, Briefmarkensammler, Blutspender oder ÖV-Benutzer ist. Die Reduktion unserer komplexen Identität auf die Zugehörigkeit zu einer Religion und zu einer Nation bewirkt und verstärkt weltweit gewaltsame Spannungen.

 

Ein weiteres Phänomen im Zusammenhang mit Identität fällt mir oft auf. Wenn es um die schweizerische Identität geht, legen wir grossen Wert auf eine differenzierte Sichtweise. Zürcher sind ganz anders als Basler, Genfer  ticken völlig anders als Waadtländer, oder noch feiner: Stadtzuger sind nicht Baarer und erst recht keine Menzinger. Wenn es hingegen um fremde Identitäten geht, behandeln wir Identitäten völlig undifferenziert. Oft reden wir einfach von „Afrikanern“ und ignorieren, dass diese Menschen aus Gebieten mit völlig unterschiedlichen Sprachen und Traditionen, Staatsformen und Kulturen stammen.

 

Schliesslich finde ich im Zusammenhang mit der Identität auch den grundsätzlichen Zweifel an ihrer Existenz spannend. Der griechische Philosoph Heraklit und die ersten buddhistischen Denker zweifelten bereits vor 2500 Jahren an einer unveränderlichen Identität des Menschen. Fast sämtliche Zellen des Körpers werden im Laufe unseres Lebens mehrfach ausgetauscht. Was gibt uns also die Gewissheit, dass wir noch dieselben sind, die wir vor 10 Jahren - oder nur schon vor 10 Minuten waren?


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 26. Oktober 2014

 

Die Schweizermacher, Teil 2

Der abgelehnte Einbürgerungsantrag eines 75-jährigen ETH-Professors in Einsiedeln wirft Fragen auf. Das Verfahren ist nicht mehr zeitgemäss. Und es fehlt eine eigentliche Einbürgerungsstrategie.

Der Bezirksrat und die Bezirksgemeinde Einsiedeln lehnten das Einbürgerungsgesuch eines 75-jährigen kalifornischen ETH-Professors ab. Aus Sicht der Einigler bzw. Einsiedler war Irving John Dunn auch nach 39 Jahren zu wenig integriert, obwohl er Deutsch spricht und im Tennis- und Segelclub verkehrt. Und ehrlich war er obendrein. Nicht die saftigen Wiesen und die netten Eingeborenen waren sein Einbürgerungsmotiv, sondern bürokratische Hürden der C-Bewilligung. Grund der Verweigerung des Gesuchs waren mangelnde Kenntnisse in Schwyzer und Einsiedler Geografie und Politik. Vermutlich würde auch der heilige Klostergründer Meinrad aus Irland heute in Einsiedeln nicht eingebürgert.

 

Der tragikomische Vorfall erinnert an „Die Schweizermacher“ von Rolf Lissy und gibt Anlass zu grundsätzlichen Fragen bezüglich Einbürgerung.

 

Erstens: Entspricht es der heutigen Situation, dass man nicht nur in ein Land, sondern auch in eine Gemeinde eingebürgert werden muss? Soll oder muss man am Wohnort so integriert sein, dass man die Namen aller Quartiere und Bäche kennt, seine Busenfreunde gleich ums Eck hat, regelmässig an den Stammtischen verkehrt und mit den Gemeinderäten per du ist? Heute lebt fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung in Agglomerationen, wo sich die Menschen kaum kennen. Soziale Kontakte werden vermehrt am Arbeitsort gepflegt. Würde die Einbürgerung in die Schweiz als Land nicht genügen?

 

Zweitens: Welche Einbürgerungs-Kriterien sind heute sinnvoll? Der Kanton Aargau hat einen umfassenden Zufallsgenerator mit je 45 Testfragen entwickelt (www.einbuergerungstest-aargau.ch), der die Namen von Bergen, Flüssen, Schlachten und Politikern wissen will, aber auch, was Gleichberechtigung bedeutet und wie das Vermögen in der Schweiz verteilt ist. Swissness-Eignung kann sicher nicht bedeuten, eine Leitkultur zu verinnerlichen, die sich durch Sekundärtugenden wie Sauberkeit, Sicherheit, Ordnung und Pünktlichkeit definiert. Welche Kriterien sind für die Einbürgerung sinnvoll? Muss man jodeln oder die dritte Strophe der Nationalhymne singen können? Soll man „Zwätschgächuächä im Chuchichäschtli“ akzentfrei aussprechen können oder ein Sackmesser mit mindestens 12 Elementen mitführen? Muss man die Herkunft der Löcher im Emmentaler oder die Apfelsorte auf dem Kopf von Tells Walterli kennen? Muss man ein Halbtax-Abo besitzen und die Zutaten für Älplermagronen wissen? Muss man intervenieren, wenn jemand den Hundekot nicht aufliest oder im Zug die Schuhe aufs Polster legt? Oder muss man wissen, in welches Loch der Sammelstelle die blaue Prosecco-Flasche gehört? Meine Einbürgerungskriterien wären: Wo engagieren Sie sich freiwillig? Wovon handeln „Homo faber“ und „Der grüne Heinrich“? Und erzählen Sie auf Französisch einen Witz über die Schweiz.

 

Drittens: Wir haben keine Einbürgerungsstrategie. Variante A wäre: Wir wittern weiterhin hinter jedem Einbürgerungswilligen einen künftigen Sozialschmarotzer und IV-Betrüger und bleiben beim „numerus clausus“ für den Schweizerpass. Variante B wäre das bürokratische Entrümpeln vom Aufenthaltsstatus C sowie das Erteilen des passiven Wahlrechts, sodass die Attraktivität der Einbürgerung abnähme. Und Variante C wäre eine aktive Einbürgerungsstrategie, weil Eingebürgerte unser Land besonders lieben, aktiv im Milizsystem wirken und in der Nationalmannschaft am besten Fussball spielen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 28. September 2014

 

Wer zahlt, befiehlt

Die Pflege der Angehörigen, die Betreuung der Kinder und weitere unentgeltliche Dienste des Privatbereichs werden zunehmend an den Staat delegiert. In der Folge bestimmt dieser mehr und mehr unser Privatleben.

Freiwilligenarbeit bildet die Basis einer Solidargemeinschaft

 

Laut jüngster Bundesstatistik betreuen und pflegen über 160‘000 Personen ihre Angehörigen. Innerhalb des gleichen Haushalts werden 42,3 Millionen Pflegestunden erbracht, ausserhalb sind es 21,4. Im Vergleich dazu hüten Grosseltern ihre Enkel während 100 Millionen Stunden pro Jahr. Bei der Haus- und Familienarbeit ging man bisher selbstverständlich von der Unentgeltlichkeit aus: Weder beim Kochen noch beim Putzen, Waschen oder Bügeln, Einkaufen oder Ausfüllen von Steuerformularen kam es uns je in den Sinn, diese Tätigkeiten von den Steuern abzuziehen. Wenn aber jemand bewusst auf Erwerbsarbeit verzichtet oder Stellenprozente reduziert, um eigene Kinder oder betagte Eltern zu betreuen, wird die Forderung immer salonfähiger, dass der Staat diese Aufgaben vergüten müsse. In der Folge überrascht es auch wenig, dass Aufgaben aus der Haushaltsproduktion und der Freiwilligenarbeit in Statistiken regelmässig in Franken hochgerechnet werden. Rechnet man die 63,7 Millionen Stunden freiwilliger Betreuung und Pflege Angehöriger hoch, kommt man (beim Bundes-Durchschnittswert von 55,63 Franken pro Stunde) auf die stolze Summe von 3,5 Milliarden Franken, die der Bund jährlich „spart“. Mit den kinderhütenden Grosseltern „spart“ der Staat sogar 5,6 Milliarden Franken pro Jahr. Und die 625 Millionen Freiwilligen-Stunden ergeben jährlich eine Summe von 34,7 Milliarden Franken und übertreffen gar die Ausgaben des Bildungssystems. Nur: Die monetäre Berechnung von Freiwilligenarbeit und Haushaltsproduktion hat Haken und birgt Gefahren:

Wenn wir anfangen, diese traditionell unbezahlten Tätigkeiten zu vergüten, bricht erstens ein unlösbarer Konflikt über deren faire Honorierung aus.

Zweitens ist nachgewiesen, dass die Motivation für unbezahlte Tätigkeiten höher ist als jene bei Dienstleistungen mit einer Vergütung.

Drittens kann die Bereitschaft zur Freiwilligenarbeit nachlassen, wenn immer mehr traditionell ehrenamtliche Tätigkeiten vergütet werden.

Viertens gleicht sich die freiwillige „Laienarbeit“ durch Vergütungen und Sozialzeitausweis, Zeiterfassung und Arbeitszeugnisse zunehmend den Paradigmen der Erwerbsarbeit an und konkurriert diese statt sie sinnvoll zu ergänzen.

Und fünftens wird der Staat mit Gesetzen vermehrt Einfluss auf unseren Privatbereich nehmen, wenn er im Nahbereich immer mehr Tätigkeiten koordiniert und finanziert. Vor wenigen Jahren lancierte der Bund die Schnapsidee, dass Tanten und Omas, Patinnen und Nachbarn ein Zertifikat bräuchten, wenn sie verwandte oder benachbarte Kinder hüten. Es ist darum anzunehmen, dass der Staat das Pflege-Zertifikat vom Schweizerischen Roten Kreuz für alle fordert, die ihre Angehörigen pflegen und betreuen wollen. Und wer das Rasenmähen beim Nachbarn von den Steuern abziehen will, dem wird die Gemeinde befehlen, wie lang oder kurz die Gräser sein müssen. Wer fördert, der fordert. Wer zahlt, befiehlt. Darum müssen wir uns entscheiden, ob der Staat immer mehr Dienste aus dem Privatbereich übernehmen, finanzieren und in der Folge auch reglementieren soll, oder ob die Individuen und Vereine wieder mehr Eigenverantwortung übernehmen und dafür unnötige Gesetzeswerke vermeiden wollen. Wir wollen gerne den Füfer und das Weggli. Das geht aber in diesem Fall nicht. Alles hat seinen Preis.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 31. August 2014

 

Die Empörung der Nicht-Empörung

Gemeinden kürzen die Sozialhilfe und schieben Armutsbetroffene in andere Gemeinden ab. Medien und Öffentlichkeit empören sich aber lieber über moralische Fehltritte als über eine unsoziale Politik.

Wo kein Sommer, da kein Sommerloch – sollte man meinen. Doch die Medien stilisierten die Selfie-Nacktbilder aus dem Badener Stadthaus und aus einem Bundeshaus-Sekretariat zu Staatsaffären. Individuell-moralische Verfehlungen lassen das helvetische Empörungsbarometer höher schnellen als politische und soziale Missstände. Mehrere Themen, die die Ärmsten unseres reichen Landes betrafen, empörten weit weniger als die Selfies.

Die erste Meldung betraf die St. Galler Gemeinden St. Margrethen und  Rorschach, welche Kürzungen der Sozialhilfe beschlossen. Die St. Galler Konferenz der Sozialhilfe empfiehlt ihren Gemeinden einen Ansatz von 2090 Franken für die Lebenshaltungskosten einer vierköpfigen Familie. St. Margrethen bezahlt ab Oktober gerade noch 1940 Franken.

Die zweite Meldung kam von den Aargauer Gemeinden Riniken und Oberwil-Lieli sowie Grellingen im Baselbiet. Die Aargauer Gemeinderäte forderten Liegenschaftsbesitzer auf, Wohnungen nicht an zuziehende Sozialhilfebezüger zu vermieten. Und der Grelliger Gemeinderat drängte Immobilienbesitzer zum Renovieren ihrer Billigwohnungen, um den Zuzug von weiteren Sozialhilfe-Empfängern zu unterbinden.

Die dritte Meldung informierte darüber, dass der Gemeinderat von Emmen bei Luzern die Kosten für zugezogene Randständige den Herkunftsgemeinden zu verrechnen versuchte. Eine private Pension wurde zu einem Heim erklärt, weil Heimplätze nicht als Wohnsitz gelten und in der Regel die Herkunftsgemeinden für die Kosten aufkommen.

Die vierte Meldung betraf das Recht von Armen auf Erholung. Die Co-Leiterin der Schweizerischen Kommission für Sozialhilfe (SKOS) fand, dass es nicht Aufgabe des Staates sei, Bedürftigen jedes Jahr eine Reise zu bezahlen.

Und die fünfte Meldung war der Bericht der Städteinitiative Sozialpolitik. Die Anzahl Sozialhilfebezüger sei in den letzten Jahren gestiegen, in Biel und Lausanne bezieht jeder zehnte Einwohner Sozialhilfe, in Zug und Uster hingegen nicht einmal zwei von hundert. Und die Bezugsdauer der Sozialhilfe stieg innert 7 Jahren von 32 auf 38 Monate. Nun wächst der Ruf nach einer fairen Verteilung der Sozialhilfeausgaben. Gibt es neben Flüchtlings-Kontingenten in Kantonen und Gemeinden bald auch Sozialhilfebezüger-Kontingente?

Sozialhilfebezüger werden von den gleichen Instanzen abgewimmelt, die seit Jahren mit tiefen Pauschalsteuern Unternehmen und Superreiche anlocken. Firmen und Multimillionäre trieben die Mieten hoch und sorgen nun zunehmend für Defizite in Gemeinden und Kantonen. Als Reaktion darauf  setzen Politiker den Sparhebel dort an, wo es am wenigsten Widerstand gibt: bei den Ärmsten. Die Sozialämter stehen unter Druck und betteln am Laufmeter bei Stiftungen um Geld für ihre Sozialhilfebezüger: für Zahnsanierungen, Autofahrstunden, Mietrückstände, Schuldensanierungen, Kreditrückzahlungen und  ausstehende Krankenkassenprämien. Und immer mehr Gemeinden gewähren Menschen, die nie Sozialhilfe empfangen haben, auch in vorübergehenden Engpässen (bei Krankheit und Unfall, Scheidung oder Stellenverlust) keine Hilfe, nicht mal einen teilweisen Steuererlass. Und nehmen dadurch in Kauf, dass auch diese Menschen in die Sozialhilfe fallen. Diese Ungerechtigkeit und das Nicht-Empören darüber ist ein echter Grund zur Empörung.

 


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 3. August 2014

 

Wenn Täter zu Opfern werden

Die meisten Gewaltdelikte werden von Menschen und Gruppen verübt, die sich selbst als Opfer fühlen. Die Spirale der Gewalt lässt sich darum in privaten wie auch in staatlichen Konflikten nur schwer aufhalten.

Mitte Juli berichtete die Tagesschau über israelische Militärangriffe im Gazastreifen, denen über 800 palästinensische Zivilisten zum Opfer fielen. Im anschliessenden Interview beteuerte der israelische Botschafter in der Schweiz, dass Israel das eigentliche Opfer des Konflikts sei und dass Israel lediglich auf die Ermordung von drei israelischen Jugendlichen reagierte. Worauf ein palästinensischer Politiker konterte, dass Israel die Spirale der Gewalt mit der Besetzung Palästinas vor über 60 Jahren startete. Tatsache ist, dass es in Israel und Palästina, Libanon und Syrien unzählige Opfer gibt. In fast jeder Familie des Nahen Ostens sind in den letzten zwei Generationen Mitglieder gewaltsam zu Tod gekommen. Und diese Erfahrung des Opferseins diente und dient leider immer wieder als Legitimation für neue Gewalt. Israels Militärpolitik kritisieren nicht nur Sympathisanten der Palästinenser, sondern auch viele Juden in den USA und in Europa. Irgendiwe herrscht im kollektiven Unterbewusstsein die Meinung, dass die Juden als Opfer par excellence des 20. Jahrhunderts nicht im Stande sein sollten, einer Fliege etwas zu Leide zu tun. Und darum wird die israelische Politik wohl mit strengeren moralischen Massstäben beurteilt als andere Regierungen.

Dass und wie aus Opfern Täter werden, war in den letzten Jahren hierzulande auch im Zusammenhang mit sexuellen Missbräuchen an Internats-, Heim- und Verdingkindern oft zu lesen. Jeder dritte Sexualtäter wurde als Kind sexuell missbraucht. Die Ursache von Gewalt liegt meist in der Beschädigung des individuellen oder kollektiven Selbstwertgefühls. Menschen und Gruppen, die wiederholt gedemütigt werden, greifen mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann selbst zum Mittel der Gewalt. Wenn Opfer ihr Trauma nicht aufarbeiten, haben sie Mühe mit dem Aufbau empathischer Beziehungen und mit dem Eingehen von Nähe, was Gewalttaten an anderen und somit den Schritt vom Opfer zum Täter stark begünstigt.

Wohl jedem Erwachsenen ist schon einmal die Hand ausgerutscht oder er bzw. sie hat jemanden mit abschätzigen Bemerkungen oder mit passiv-aggressiver Verweigerung und Schweigen verletzt. Und wenn wir nach den Gründen dafür fragen, stellen wir in der Regel fest, dass wir uns in unseren aggressiven Handlungen als reale oder vermeintliche Opfer fühlten, die sich mit gewaltlosen Mitteln nicht wehren und durchsetzen konnten. Dass das Gefühl des Opferseins zu Gewaltakten führen kann, darf man zwar niemals legitimieren, aber wir können es psychologisch verstehen und dadurch Wege und Hilfen gegen diesen Gewaltzirkel suchen.

Die Frage, wer im Nahen Osten jeweils die Gewalt auslöst, ist wenig zielführend. Schon bei Streitereien im Sandkasten um Schaufeln und Rächen ist es immer der Andere, der den Zank begonnen hat. Um den Gewaltzirkel aufzuhalten, ist es notwendig, das Leiden des Gegners nicht zu verharmlosen oder zu negieren. Solange Israeli und Palästinenser nicht gegenseitig anerkennen, dass das Gegenüber ebenfalls Opfer einer langen Gewaltspirale ist, dreht diese Spirale endlos weiter. Es wäre aber falsch, mit dem Finger auf den Nahen Osten zu zeigen. Die jahrzehntelange Eskalation von Gewalt und Gegengewalt in und um Israel ist vielmehr ein Signal an die ganze Welt, sich mit der Frage von Täter und Opfer selbstkritisch auseinander zu setzen, das Erzeugen neuer Opfer zu verhindern und gewaltlose Konfliktlösungen zu erarbeiten, einzuüben und zu fördern.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 7. Juli 2014

 

Ferienreif ist nicht gleich ferienreif

Ferien sind wie Weihnachten. Die  Erwartungen sind hoch und darum kaum zu erreichen. Dem Ferienfrust kann man jedoch vorbeugen, indem man Erwartungen klärt und Kompromisse mit einplant.

Nicht jeder, der sich als «ferienreif» bezeichnet, ist auch wirklich reif für Ferien. Es gibt so etwas wie die «Kunst des Urlaubmachens». Wirklich ferienreif sind nicht die Gestressten und Ausgelaugten, Erschöpften und Ausgebrannten. Diese sind eher reif für eine Therapie. Ferienreif ist, wer sich in der Tiefe regenerieren lässt, loslassen kann und sich öffnet für neue Erfahrungen, kreative Ideen und Veränderungen. Ferienreif ist, wer bereit ist, Gegenakzente zum Gewohnten zu setzen.

Monatelang freut man sich auf Ferien: ausschlafen, sich entspannen und erholen, abseits vom Alltag, in schöner Umgebung, gemeinsam mit der Partnerin oder dem Ehegatten Zeit haben und über sie (die Zeit) bestimmen, Sonne, Wasser, Bücher und Konzerte geniessen, Beziehungen pflegen, Sport treiben, ausgehen, fein kochen und essen, andere Länder und Kulturen kennen lernen, Hobbies pflegen, die Batterien aufladen und die Seele baumeln lassen. Endlich mal Zeit zum Reden, zum Geniessen und Zärtlichsein. Freude herrscht! Denkt man. Doch je näher die Ferien rücken, desto mehr lösen die strukturlosen Zeiten von Ruhe und Wellness, Beziehungsgesprächen und Entschleunigung Angst und Fragen aus.

Einerseits trüben Äusserlichkeiten unsere Ferienstimmung: Stau auf dem Hinweg, Baustelle neben dem Hotel, kleines und hellhöriges Zimmer, durchhängende Matratze, teures Essen, schmutziger Strand, mieses Wetter, aggressive Moskitos am Tag und grölende Touristen in der Nacht. Und andererseits dezimieren enttäuschte Erwartungen auf der Beziehungsebene den Erholungsfaktor. Sommerferien sind wie Weihnachtstage mit übersteigerten Erwartungen an uns selbst und an unsere Liebsten verbunden. In den Ferien wollen wir das Manko an Kommunikation aufholen und entschädigen und erwarten ein komplettes Kontrastprogramm zur Alltagsroutine. Viele Paare beschwören in den Ferien das gemeinsame Glück und wollen wie in den Flitterwochen alles zusammen erleben. Doch entweder geht ihnen schon nach kurzer Zeit der Gesprächsstoff aus oder lange schwelende Konflikte flammen plötzlich beim gemütlichen Kerzenlicht- Dinner am Meer auf. Unsere Marotten und Gewohnheiten, Ecken und Kanten lassen wir in den Ferien nicht daheim zurück.

Wie weit wir auch reisen, wir nehmen uns immer mit. Männer, die im Alltag wenig präsent sind, wollen sich in den Ferien gerne mehr engagieren, aber klar vorgeben, wo es langgeht. Nicht zufällig sind es nach den Ferien meist Frauen, die sich trennen wollen. Über zwei Drittel aller Paare geraten in den Sommerferien in heftigen Streit miteinander. Jede dritte Scheidung wird nach den Sommerferien eingereicht. Normalerweise gehen wir stillschweigend davon aus, dass die Partnerin oder der Partner die gleichen Vorstellungen von der Feriengestaltung hat wie wir. Doch sehnt sich meistens der eine nach mehr gemeinsamer Zeit und Nähe als der andere. Sogar die Grundfrage, ob man Ferien miteinander oder eher Erholung voneinander braucht, sollte darum kein Tabuthema bei der Planung sein. Auch sollten die verschiedenen Bedürfnisse bezüglich Ferienort und Zeitgestaltung vor den Ferien angstfrei geklärt werden. Ziel ist es, dass jeder und jedem ein wichtiger Wunsch erfüllt wird. Nach der Fussball-WM wäre es wohl am besten, wenn die TV-befriedigten Männer den Lead für die Feriengestaltung gänzlich an ihre Liebste abtreten.

So, und nun gehe ich in die Ferien.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 8. Juni 2014

 

Schönste Nebensache der Welt

Milliardenumsätze und Steuergeschenke bei FIFA und Sponsoren einerseits und Milliardenlöcher in den Staatskassen armer Länder andererseits rauben der WM zunehmend die unbeschwerte Festfreude.

Dass bei der „schönsten Nebensache der Welt“ zunehmend Geld, TV-Stationen und Sponsoren das Spiel diktieren, ist keine Neuheit. Neu ist der zunehmende Widerstand gegen den milliardenschweren Veranstalter der WM-Turniere, der in Zürich domiziliert ist und dem Bund keine Steuern abliefert. Darum reichten vor drei Jahren Nationalrat Hans-Jürg Fehr eine Interpellation und Cédric Wermuth eine Motion ein, um dem Weltfussballverband FIFA den Status als gemeinnützige und steuerbefreite Organisation abzusprechen. Ohne Erfolg. „Solidar Suisse“, das frühere Arbeiterhilfswerk, kritisierte die FIFA bereits vor vier Jahren, als diese an der WM in Südafrika 2,35 Milliarden Franken kassierte und dem armen Volk ein Finanzloch von 3 Milliarden Franken hinterliess. Im Jahr 2013 verdiente die FIFA 600 Millionen Dollar aus TV-Rechten und 404 Millionen Dollar aus Werbeverträgen. Neben dem Reingewinn von über 72 Millionen Dollar ecken vor allem die nicht sehr gemeinnützigen Millionen-Boni und die Korruptionsfälle der FIFA-Funktionäre an.

Der wachsende Widerstand gegen die FIFA hängt aber auch mit falschen Versprechungen zusammen. Den Brasilianern wurde im Vorfeld der WM versichert, dass kein Steuergeld in die von der FIFA geforderten Stadionbauten fliessen würde. Tatsache ist aber, dass die brasilianischen Steuerzahler vier Milliarden Dollar für die WM übernehmen müssen, während fünf Milliarden Dollar steuerfrei in die Kassen der FIFA fliessen. Hinzu kommen in Brasilien derzeit massive Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Verkehr sowie eine Preisexplosion bei den Mieten. Den Brasilianern wurde auch versprochen, dass zahlreiche Infrastrukturprojekte die Lebensqualität in den Spielorten verbessern würden. Aber in Brasilia strich man einen S-Bahnbau, in Salvador den geplanten Buskorridor vom Flughafen in die Innenstadt, in Sao Paulo die zusätzliche Metrolinie und in Manaus ein Hochbahnprojekt. Zudem wurden durch Immobilien-Haie rund 200 000 Menschen für die WM umgesiedelt. In der Favela do Meto, unweit des Maracna-Stadions, hatten die Bewohner gerade mal fünf Tage Zeit, um ihre Hütten zu räumen. Das Fass zum Überlaufen bringt die FIFA nun, weil sie während der WM den mehreren Tausend einheimischen Strassenverkäufern rund um die 12 Fussballstadien deren Lebensgrundlage entzieht. Darum hat „Solidar Suisse“ ein Anti-Blatter-Video ins Netz gestellt und sammelt online Protest-Unterschriften (http://action.solidar.ch/de/protest).

Schon vor vier Jahren durften südafrikanische Strassenhändler im Umkreis von 800 Metern um die Stadien keine Waren verkaufen. Das Geschäft machen ausschliesslich die Hauptsponsoren der FIFA. Dieses Faktum führte bereits während der WM in Deutschland im Jahr 2006 zu Unmut. Und während der EM von 2008 in der Schweiz sorgte auch die UEFA durch solche Bannmeilen mit exklusiven Sponsoren-Verkäufen für böses Blut in Zürich und Bern.

Die FIFA ist sich des wachsenden Widerstands bewusst und hat sich darum bereits gegen das worst case scenario einer Verschiebung oder Absage der WM in Brasilien versichert. Sollte die WM wegen unfertiger Stadien oder streikenden Polizisten ausfallen, kassiert die FIFA 900 Millionen Dollar.

Von einer Absage der WM würden auch europäische Ehefrauen profitieren. Zwar nicht finanziell, aber emotional. Da die Spiele aus Brasilien bei uns ab 22 Uhr ausgestrahlt werden, werden die besseren Hälften vorübergehend zur schönsten Nebensache der Welt.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 11. Mai 2014

 

Göttin, Magd und Sündenbock

Der Muttertag ist ein fragwürdiges Ritual. Einmal jährlich wird die ungleiche Behandlung von Frau und Mann mit Blumen und Zmorgen am Bett zu kompensieren versucht. Es freuen sich die Floristen.

 

„Gott konnte nicht überall zur gleichen Zeit sein. Deshalb erschuf er die Mütter“, besagt ein jüdisches Sprichwort. Und Pestalozzi schrieb einmal: „Eine glückliche Mutter ist für Kinder segensreicher als hundert Lehrbücher über Erziehung.“

 

Heute werden Mütter höchstens noch von Kinderbuchautorinnen und Schlagersängern zu Göttinnen, Heiligen und Engeln hochstilisiert. Verfolgt man Diskussionen in Medien und Internet, werden die heutigen Mütter vielmehr für Misserfolg und Übergewicht ihrer Kinder, für die hohe Scheidungsrate, für die steigende Arbeitslosigkeit, den Ärztemangel und vieles mehr verantwortlich gemacht. Nicht selten zerfleischen sich Mütter in Leserbriefspalten auch gegenseitig: Die Erwerbstätigen, die über fehlende Krippenplätze schimpfen, kreuzen die Klinge mit jenen, die als Hausfrauen von ihren Artgenossinnen im Businessanzug keine Hilfe bekommen, wenn sie den Kinderwagen ins Tram zu hieven versuchen. Kein Wunder also, dass 21 % der Frauen in der Schweiz zwischen 40 und 49 Jahren kinderlos sind, in Zürich sogar 37 %.

 

Zumindest einmal im Jahr bleiben Mütter aber hartnäckig Göttinnen und Heilige. Der Muttertag hat sich allen Rollenveränderungen zum Trotz als Kompensationsritual eisern gehalten. Ohne heucheln oder lügen zu müssen, schreibe ich meiner Mutter zum Muttertag jeweils, dass sie die beste, liebste, klügste, feinfühligste, grosszügigste, weitherzigste Mutter der Welt sei, ganz zu schweigen, dass sie noch immer die Queen aller Köchinnen ist. Natürlich weiss sie sehr wohl, dass ich sie vor 45 Jahren jeweils auf den Mond schiessen wollte, wenn ich das Zimmer ausgerechnet dann aufräumen musste, als ich es besonders lustig hatte mit meinen Freunden.

 

Ich möchte nun nicht die vielen Männer und Kinder entmutigen, die heute mit selbstgebastelten Schmetterlingen, Blumen, Kaffee und Gipfeli am Bett der Mutter stehen und ihr dort den Zmorgen servieren. Gleichzeitig möchte ich aber auch der Kolumne-Überschrift „Unkommod“ gerecht werden.

 

Im Jahr 1865 gründete Ann Maria Reeves Jarvis einen „Mothers Friendships Day“, an dem sich Mütter zu aktuellen Fragen austauschten. Ihr zu Ehren führte ihre Tochter am zweiten Maisonntag anno 1907 erstmals einen Gedenktag für soziale engagierte Mütter durch. 1914 ordnete US-Präsident Woodrow Wilson an, an diesem Tag zu Ehren der Mütter alle öffentlichen Gebäude zu beflaggen. In der Schweiz entstand der nationale Feiertag anno 1930, nachdem die Berufsverbände der Floristen und Konditormeister  jahrelang völlig uneigennützig für dieses Anliegen gekämpft hatten.

 

Es wäre höchste Zeit, dass der Muttertag vom herzigen Kinder-Basteltag-Image wegkommt und zu einem nationalen Reflexionstag über Mütter- und Väter-Rollen erhoben wird. Sobald die Väter und Kinder am Muttertag das Frühstück ihrer Magd und Göttin serviert haben, sollten sie zusammen mit ihr auf den Strassen und Plätzen dafür demonstrieren, dass Mütter den gleichen Lohn für gleiche Arbeit wie die Väter erhalten. Statt Joghurtbecher sollten Kinder Transparente bemalen mit Slogans wie „Höhere Kinderzulagen!“, „Kinderurlaub auch für Papi!“, „Mehr Kinderkrippen, Horte und Tagesschulen!“ oder „Mehr Teilzeitstellen für Mamis in Kaderpositionen!“  Und vielleicht könnten am Muttertag manche Männer ihrer Partnerin statt Blumen auch mal ein paar Stellenprozente Erwerbsarbeit abgeben.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 13. April 2014

 

Als Weise weiter(k)leben

Im Vorfeld der Parlamentswahlen fordert der Partei-Nachwuchs einmal mehr die Alters-Guillotine. Politische Urgesteine könnte man jedoch elegant und würdevoll wegbefördern: in einen „Rat der Weisen“.

 

In diesen Wochen und Monaten bestimmen die kantonalen Parteien, wer oben auf ihren Wahllisten stehen und ab Oktober 2015 in Bern das Volk und die Stände vertreten soll. Ritueller Teil dieser Kür sind die Attacken der Polit-Jugend gegen die ergrauten Sesselkleber. Wiederholt verlangen die Grünschnäbel eine Alters-Guillotine für Parlamentarier und/oder eine Ämter-Maximaldauer. Einzig der SVP-Nachwuchs hält sich zurück, da ihr 73-jähriger Hauptsponsor und Über-(Gross-)vater seit 1979 in Bundesbern rumpoltert.

 

In der Ostschweiz stehen mehrere politische Antiquitäten im Fokus: Aus St. Gallen sitzt Paul Rechsteiner seit 1986 im Bundeshaus, Lucretia Meier-Schatz seit 1999. Und Hansjörg Walter vertritt das Thurgauer Volk ebenfalls seit 1999 im Nationalrat. Ein offizielles Haltbarkeits-, Verfall- oder Verbrauchsdatum besteht im Parlament nicht. Zwar ist manch 70-jähriger "homo politicus" geistig reger und dossier-kundiger als die jungen Neulinge, aber die Urgesteine bremsen den notwendigen politischen Erneuerungsprozess, blockieren eine vernünftige Personalplanung der Parteien und verhindern innovative Strategien durch die kurzfristig höhere Wahrscheinlichkeit bezüglich Wählerstimmen. Es ist auch kein Trost, dass anderswo ähnliche Geriatokratien herrschen: Der WEF-Gründer Klaus Schwab ist 75, der 78-jährige FIFA-Präsident Sepp Blatter wird nochmals kandidieren, Papst Franziskus hat seinen Posten mit 78 angetreten, und der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano kommt im Juni ins 90. Lebensjahr. 

 

Dass es im Parlament viele Sesselkleber gibt, hat mehrere Gründe: Erstens überschätzen viele Politikerinnen und Politiker die Bedeutung ihres Amts, halten sich für unglaublich wichtig und unersetzlich. Zweitens sind viele Politiker psychisch und finanziell abhängig von ihren präsidialen Ämtern und Verwaltungsratsmandaten. Sie wissen genau, dass sie nach einem Rücktritt aus dem Parlament für die Helsana, die NZZ oder den Bauernverband als Person ohne Amt nicht mehr gefragt wären. Und drittens sind Politiker nach einer gewissen Zeit im Parlament nur noch beschränkt vermittelbar auf dem Arbeitsmarkt. Nach den letzten Parlamentswahlen im Jahr 2011 mussten mehrere Abgewählte finanzielle Unterstützung aus dem Hilfsfonds für Parlamentarier beantragen.

 

Das Durchschnittsalter im Parlament wird künftig noch weiter ansteigen. Mit dem Resultat, dass sich immer weniger Junge mit dem Polit- und Partei-Betrieb identifizieren können und sich lieber in Bereichen der Gesellschaft engagieren, wo sie tatsächlich etwas bewirken und verändern können: in der Wirtschaft und in NGO’s.

 

Die Schweiz könnte die Sesselkleberei der Alten und den Frust der Jungen im Parlament reduzieren, indem sie nebst den bestehenden drei Gewalten (Legislative, Exekutive und Judikative) einen "Rat der Weisen" schafft. In diesem Rat könnten sich Politikerinnen, Chefbeamte, Manager und Intellektuelle ab 65 Jahren sowie Parlamentarier nach drei Amtsperioden für eine nachhaltige, solidarische, humanitäre und tolerante Gesellschaft einsetzen. In der EU wurde 2007 ein "Rat der Weisen" gegründet. Und global existiert seit 1983 der „InterAction Council“ von früheren Staats- und Regierungschefs (dem u.a. Kurt Furgler angehörte). Die Schweiz könnte viel gewinnen, wenn Personen wie Peter von Matt, Carla del Ponte, Peter Bodenmann, Ruth Dreifuss, Jean Ziegler, Klara Obermüller u.a. im „Rat der Weisen“ Ziele für eine nachhaltige Entwicklung formulieren und einfordern könnten.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 16. März 2014

 

Frühpensionierung für den Bischof von Chur

„Es reicht!“: Damit war an der Demonstration vor einer Woche  die Amtszeit des Churer Bischofs Huonder gemeint. „Es reicht!“ gilt auch dem Wahlmodus, der oft nur die Optionen Pest, Cholera und Typhus zulässt.

 

Nicht erst vor einer Woche demonstrierten Katholikinnen und Katholiken in St. Gallen gegen den Churer Bischof. Das gab es schon vor 200 Jahren, als das Bistum St. Gallen noch von Chur aus regiert wurde. Auf den Druck der St. Galler Katholiken hin teilte der Papst damals das Bistum Chur-St. Gallen. Das 1847 neu entstandene Bistum St. Gallen erhielt das demokratischste Bischofswahlsystem der gesamten katholischen Kirche. Und dieses bewährte sich sehr. Joseph Hasler (Bischof 1957-1976), Otmar Mäder (1976-1994) und Ivo Fürer (1995-2006) agierten volksnah und gaben den nicht-geweihten Frauen und Männern in der Kirche viel Gestaltungsfreiheit. Und so tut es heute auch Markus Büchel, der wie seine Vorgänger in verschiedenen Pfarreien als Seelsorger Erfahrungen sammelte, ehe er Bischof wurde.

 

Vor einer Woche demonstrierten die rund tausend Katholikinnen und Katholiken vor dem St. Galler Bischofsdomizil denn auch nicht gegen Bischof Büchel, sondern überreichten ihm lediglich die Forderung nach dem Rücktritt des Churer Bischofs Vitus Huonder. Büchel soll als Präsident der Schweizer Bischöfe die Rücktrittsforderung dem Papst übergeben.

 

Die Leidensgeschichte in Chur ist nicht neu. Sie reicht weit zurück und hängt wie die positiven Erfahrungen in St. Gallen weitgehend mit dem Bischofs-Wahlprozedere zusammen. Der Churer Wahlmodus ist völlig undemokratisch. Der vatikanische Vertreter in der Schweiz, der Nuntius, erkundigt sich in der Churer Bistumsleitung nach Namen von gefälligen Kandidaten und meldet diese der vatikanischen Bischofsbehörde. Diese stellt eine Liste mit drei Kandidaten zusammen, die vom Papst absegnet wird und zum 24-köpfigen Churer Domkapitel gelangt, welches dann einen der drei Kandidaten zum Bischof kürt. Im Fall Huonder konnte das Domkapitel nur zwischen Pest, Cholera und Typhus wählen. Neben Huonder figurierten zwei Kandidaten, die die Schweiz überhaupt nicht kannten. Beim legendären Wolfgang Haas (1990-1997 Bischof von Chur) kam es nicht einmal zu einer Pseudo-Wahl. Haas‘ Vorgänger Johannes Vonderach, ein Jurist und Verwaltertyp, erkaufte für seinen Verwalter Haas das automatische Nachfolgerecht. Vonderach bezahlte die Herzoperation sowie zahlreiche Ferienaufenthalte des polnischen Kardinals Deskur, der in der Folge seinem Freund Johannes Paul II. Haas zur Ernennung als Bischof vorschlug. Eine der ersten Amtshandlungen von Bischof Haas war die Ernennung von Vitus Huonder zum Generalvikar. Am liebsten würde Huonder nach seiner Pensionierung in drei Jahren ebenfalls seinen treuen Verwalter auf dem Bischofsstuhl sehen. Doch Martin Grichting ist nicht nur den Zürcher Katholiken ein rotes Tuch. Vitus Huonder strapaziert sein Bistum seit seinem Antritt im Sommer 2007. Zunächst unterstützte er die rechtsextreme Webseite gloria.tv. Später rief er zur Denunziation gegen kritische SeelsorgerInnen auf und drohte Kritikern mit der Kündigung. Und vor zwei Monaten outete er sich als Spezialist in Genderfragen: In Kindergärten und Schulen fände eine (Homo)-Sexualisierung der Kinder statt. Und Kinder würden psychische Störungen erleiden, wenn sie nicht mit ihren biologischen Eltern aufwachsen.

 

Aus sanktgallischer Sicht muss man sagen: „Es reicht!“ nicht nur mit Bischof Huonder, weil er das Bischofsamt generell karikiert und desavouiert. „Es reicht!“ genauso mit dem Wahlprozedere, das in Chur verhindert, dass eines Tages ein halbwegs aufgeschlossener und volksverbundener Bischof gewählt werden kann.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 16. Februar 2014

 

Die beste aller schlechten Regierungsformen

Die direkte Demokratie befindet sich in der Krise und führt in der Schweiz oft zur „Tyrannei der Minderheit“. Abstimmungsfragen werden immer komplexer. Mehr politische Bildung tut Not.

 

Die Abstimmung über die Masseneinwanderung hat im Nachhinein gezeigt, dass die Folgen der Annahme keineswegs klar und kalkulierbar waren. Eine persönliche Entscheidung würde man als fahrlässig bezeichnen, wenn eine Option gewählt würde, deren Konsequenzen völlig schleierhaft und deren Risiken unbekannt sind. Darum ist das Schweizer Stimmvolk bei manchen Urnengängen gar nicht imstande, echte Entscheidungen zu treffen. Und in der Folge gerät das System der direkten Demokratie generell unter Beschuss. Winston Churchill nannte die Demokratie einmal "die beste aller schlechten Regierungsformen". Und George Bernard Shaw beschrieb die Demokratie als "ein Verfahren, das garantiert, dass wir nicht besser regiert werden als wir es verdienen." Mehrheitsentscheidungen durch das Volk genügen qualitativen, menschenrechtlichen und ethischen Ansprüchen tatsächlich nicht zwingend. Selbst der Tod Jesu und die Machtergreifung Hitlers erfolgten durch die demokratische „Tyrannei der Mehrheit“.

Mehrere Schwachpunkte der direkten Demokratie gilt es zu thematisieren und längerfristig zu beheben:

  1. Durch E-Mail und Internet wird das Beschaffen von Unterschriften für Initiativen immer einfacher. Dadurch gelangen vermehrt belanglose Fragen an die Urne, was zu Demokratiemüdigkeit führt, die Stimmbeteiligung oft auf 20-30% senkt und so zur „Tyrannei der Minderheit“ führt. Eine höhere Unterschriftenzahl wäre überlegenswert.
  2. Manche Initiativen der letzten Jahre betrafen Verfassungs-, Völker- oder Menschenrechte. Eine Beschränkung auf Gesetzesänderungen würde manches Malaise beheben.
  3. Parteispenden von Wirtschaftsverbänden und Unternehmen sind intransparent. Und finanzstarke Interessengruppen dominieren mit hohen Werbebudgets die Meinungsbildung. Parteien und Initiativkomitees sollten ihre Einkünfte offenlegen.
  4. In den letzten Jahren wurden mehrere Abstimmungen hinterher vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte für völkerrechtswidrig erklärt oder vom Bundesgericht für nicht anwendbar beurteilt. Künftig sollten Initiativen im Voraus geprüft werden, ob sie der Verfassung und dem Völkerrecht entsprechen. Noch besser wäre ein spezielles Verfassungsgericht.
  5. Über 20 Prozent der Bevölkerung haben kein politisches Stimmrecht, obwohl sie Steuern bezahlen und die Sozialversicherungen stark tragen. Zumindest bei Fragen, die Ausländerinnen und Ausländer direkt betreffen, sollten diese in Zukunft auch mitbestimmen dürfen.
  6. Mit dem „doppelten Mehr“ (Volks- und Ständemehr) werden die kleineren, meist ländlichen Kantone mit eher konservativer Ausrichtung begünstigt. Darum braucht es eine abgestufte Gewichtung der Ständestimmen.
  7. Die Fragestellungen sind seit der ersten Volks-Initiative anno 1893 immer komplexer geworden. Oftmals fehlt den Stimmbürgerinnen und Stimmbürgern heute das nötige Wissen, um echte Entscheidungen treffen zu können. Die politische Bildung muss darum landesweit mehr gefördert werden, vor allem an Schulen und in den Medien. Jede Kochsendung bietet mehr Bildung als die „Arena“. Und die Abstimmungs-Büchlein erinnern stark an die frühen 80er-Jahre. Es braucht einen enormen bildungspolitischen Kraftakt, um die direkte Demokratie mit Sinn und Leben zu füllen.

Meine Kolumne in: NZZamSonntag vom 9. Februar 2014

 

Der Kluft zwischen Basis-Praxis und Leitungs-Doktrin

Die Kirchenbasis ist an sich recht fortschrittlich. Nur bei der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare beweist sie Ängste: Nur 40% befürworten kirchliche Segnungen.

Im kommenden Oktober lädt Papst Franziskus Bischöfe aus aller Welt nach Rom ein, um über Fragen von Partnerschaft, Ehe und Familie zu diskutieren. Vielleicht schmunzeln nun manche LeserInnen, weil das so klingt, wie wenn die SBB ihr Kader zu einem Kongress über Autorennen einlädt oder wenn Veganer ihre Kochrezepte über Fleischgerichte austauschen. Bischöfe können wenig dafür, dass sie zwischen 60 und 80 Jahre alt sind und dass Familien- und Genderfragen weder in ihren Studien noch in ihren späteren Strategieplänen zentral waren. Darum halten sich immer mehr Bischöfe in Ehe- und Sexualfragen bewusst zurück. Nicht so Vitus Huonder, der Hirte der katholischen Schäfchen zwischen Maloja, Zürich und Lungern. Er klärte die Welt vor zwei Monaten über die jahrzehntealten Irrtümer in Genderfragen auf. Erstens soll der Wert der Frau an ihrem Muttersein gemessen werden. Zweitens hätten gleichgeschlechtliche Paare nicht das gleiche Recht auf Heirat und Adoption wie Heteros. Drittens finde in Kindergärten und Schulen eine (Homo-)Sexualisierung der Kinder statt. Viertens würden Kinder psychische Störungen erleiden, wenn sie nicht in einer stabilen Ehe mit ihren biologischen Eltern aufwachsen. Und fünftens schenke nur die klassische Familie den Kindern und Jugendlichen wahre Liebe und Geborgenheit.

 

Dass im Vatikan vor allem ehelose Senioren über die religiöse und ethische Dimension von Partnerschaft und Sexualität austauschen, ist das eine Problem. Noch schwieriger ist jedoch, dass ihre Theorien und Regeln auf den 3000-jährigen Annahmen basieren, dass erstens der Mensch von Natur aus heterosexuell sei und dass zweitens der Sinn der Sexualität primär in der Fortpflanzung liege. Kein Wunder also, dass Päpste und Bischöfe von der Homosexualität bis zur künstlichen Empfängnisverhütung so ziemlich alles für widernatürlich und darum verwerflich halten.

Umso hoffnungsvoller wirkte der Versuch von Papst Franziskus, als er im letzten Herbst den 4700 Bischöfen in aller Welt einen Fragebogen zusandte, um Antworten bei den Gläubigen über Themen rund um Partnerschaft und Familie zu sammeln. Die helvetischen Bischöfe gaben dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut SPI eine Umfrage in Auftrag. Das SPI stellte im November einen Fragebogen ins Internet und präsentierte vor einer Woche bereits die Resultate. Über 90% der 23‘636 Umfrage-Teilnehmer begrüssen das vor-eheliche (wohl treffender: vor-zeremonielle) Zusammenleben, 80% befürworten künstliche Empfängnisverhütung und finden, dass geschiedene Wiederverheiratete zu den Sakramenten zugelassen werden sollten. Und nur knapp die Hälfte stimmt der kirchlichen Lehre über Ehe und Sexualität zu. Das Faktum, dass sich die Kirchenleitung mit der Umfrage interessiert zeigt an den Meinungen der Gläubigen, wirkt ermutigend. Allzu viele Manifeste der Basis prallten in den letzten 30 Jahren ungehört an den Toren der Bischofspaläste ab. Allerdings besteht gleichzeitig die Gefahr, mit dieser Befragung der Basis bei den Reformwilligen die Frustration und Resignation noch zu erhöhen, falls sich an der kommenden Synode in Rom wieder nichts bewegt. Zwei Gründe sprechen nämlich gegen rasche Veränderungen. Erstens gehen die Antworten der Gläubigen im zentral- und nordeuropäischen Raum im Chor der traditionell eingestellten Katholiken zwischen Lissabon und Zagreb, Buenos Aires und New Delhi unter. Und zweitens haben die gleichen Männer, die sich nun im Vatikan treffen werden, im Jahr 1997 den neuen römischen Katechismus formuliert mit Sätzen wie: „Die Geschlechtlichkeit ist auf die eheliche Liebe von Mann und Frau hin geordnet. Auf wahrhaft menschliche Weise wird Sexualität nur vollzogen, wenn sie in jene Liebe integriert ist, mit der Mann und Frau sich bis zum Tod vorbehaltlos einander verpflichten. Jeder eheliche Akt muss von sich aus auf die Erzeugung menschlichen Lebens ausgerichtet bleiben. Jede Handlung ist verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzuges des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern. Durch die Empfängnisverhütung wird die geschlechtliche Vereinigung zu einem Sich-nicht-ganz-Schenken. Techniken, die durch das Einschalten einer dritten Person (Ei- oder Samenspende, Leihmutterschaft) die Gemeinsamkeit der Elternschaft auflösen, sind äusserst verwerflich.“

Damit sich diese Prämissen ändern, muss der Heilige Geist schon ziemlich stark durchs römische Gebälk blasen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 19. Januar 2014

 

Was kann denn der Apfel dafür... ?

Zum Verwechseln ähnlich...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bei der Abstimmung vom 9. Februar 2014 über die Einwanderung werben Befürworter wie Gegner mit Apfelbäumen. Worin liegt der Zusammenhang zwischen Politik und dieser Pflanze? Der Apfelbaum steht - zu Unrecht - seit Adam und Eva im Verruf.

 

Fährt man mit dem Zug im Zürcher HB ein, erwarten einen am Perronkopf gleich zwei sich ähnelnde Plakate. Und da die Pendler im Zürcher HB doppelt so schnell marschieren wie in St. Gallen und drei Mal schneller als in Bern, wirken die zwei Scherenschnitt-Apfelbäume verwirrend. Bisher waren Sünnelis und Ziegenböcke politisch klar zu orten. Aber bei Pro- und Contra-Einwanderungs-Plakaten sieht man den Wald bzw. den Bahnhof vor lauter Apfelbäumen nicht mehr.

Neben der SVP wirbt nun auch der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse mit dem Apfelbaum. Und erst noch mit der Holzfäller-Figur von Blochers Hofkünstler Hodler. Die Verwirrung ist perfekt. Der geneigte Plakatbetrachter stellt sich unweigerlich die Frage, warum der Apfelbaum im aufgeklärten 21. Jahrhundert noch immer als Reizbild herhalten muss.

Ein Theologen-Witz besagt, dass Adam und Eva nicht aus dem Paradies vertrieben worden wären, wenn sie Chinesen gewesen wären. Warum nicht? Aus dem einfachen Grund, dass sie statt des Apfels die Schlange verspeist hätten. Hahaha. Der Apfel hat’s wirklich nicht leicht. Auch Tells Walterli litt ein Leben lang an einem Apfel-Trauma.

Der Apfelbaum war noch nie ein eindeutiges Symbol. Bereits den biblischen Apfelbaum im Paradies deuten die einen als Gefahr und Bedrohung für den Abfall vom rechten Weg, während andere darin den Weg in die aufgeklärte Selbstverantwortung erkennen. Je nach Ideologie führt der Apfelbaum zur Erkenntnis oder in die Hölle.

Seit Karl Koch vor 54 Jahren den sogenannten Baumtest entwickelt hat, sind unzählige Kinder von Heilpädagogen dazu verknurrt worden, das diagnostische Hilfsmittel auf ein Blatt Papier zu kritzeln. Mit diesem Test sollen vor allem kranke und krankmachende Familienstrukturen eruiert werden. Die Wurzel steht für Fundament und Triebleben, der Stamm für Verbundenheit und Emotionalität, und die Baumkrone für kognitive Fähigkeiten. Analysiert man nun die beiden Einwanderungs-Plakate, sehen die Diagnosen leider recht düster aus:

Auf dem Plakat von Economiesuisse wird der Baumstamm durch eine Axt umgehauen. Dieses starke Bild muss als traumatisches Erlebnis gedeutet werden. Vermutlich ist das Plakat Ausdruck der eigenen Vergangenheitsbewältigung für die Schlappe im Zusammenhang mit den letzten Abzocker-Abstimmungen.

Auf dem Plakat der SVP ist die Baumkrone nur teilweise sichtbar, während die Wurzel ist sehr stark ausgeprägt ist und bedrohlich wirkt. Die überproportionierten Wurzeln deuten auf ein starkes Bedürfnis nach Halt und Orientierung. Das mag mit der fortschreitenden Gebrechlichkeit der Elterngeneration zusammenhängen. Und die abgeschnittene Baumkrone lässt auf eine unterbundene Entwicklung kognitiver Potenziale schliessen.

Fortan werden sich politische Parteien und Lobbygruppen wohl ernsthaft überlegen müssen, ob sie sich in Wahl- und Abstimmungskämpfen wieder mit dem Baumtest outen wollen. Im Sinn von mehr Transparenz wäre das ja durchaus zu begrüssen. Der Schweizer Obstverband befürchtet allerdings, dass sich die Baumtests im Plakatformat negativ auf das Image und den Konsum von Äpfeln auswirken könnten. Zudem könnten viele Stimmberechtigte meinen, es gehe bei der Einwanderungs-Abstimmung um höhere Importzölle oder Importbeschränkungen für Äpfel.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 22. Dezember 2013

 

Haus mit Lärmeinnahmen zu verkaufen

Die Kissen werden bald vom Bund bezahlt...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wird die Armee bald zur Kasse gebeten?

Ab 2015 sollen Entschädigungen für Lärmbelästigung ausbezahlt werden. Wird das Leben an der Schnellstrasse zum lukrativen Geschäft? Das kann’s nicht sein, denn: „la mobilité, c’est moi“ !

 

Im Jahr 2015 läuft die gesetzliche Frist für Lärmsanierungen bei den Nationalstrassen und Eisenbahnstrecken ab. Und ab 2018 haben auch Anwohner der kantonalen und lokalen Strassen einen Anspruch auf Lärmentschädigung, falls das Haus schon vor 1985 existierte. In einem Bericht äussert das alarmierte Bundesamt für Umwelt nun die Befürchtung, dass ab 2015 Bund, Kantone, Gemeinden sowie SBB, Armee, ÖV-Betreiber und Flughäfen einmalige Entschädigungen in der Höhe von 19 Milliarden Franken zahlen müssen. 14,5 Milliarden Franken müssten Gemeinden, Kantone und Bund an die 840'000 Lärmgeplagten an den Strassenrändern zahlen. Und der Flughafen Zürich müsste rund 32'000 Haushalte mit einer halben Milliarde entschädigen. Als Alternative zu diesen astronomischen Summen schlägt der Bund vor, jährliche Entschädigungen von 200 bis 500 Franken an lärmgeplagte Haushalte zu zahlen. In Zukunft gibt es also an lärmigen Strassen Wohnungen und Häuser inklusive Lärmentschädigungen zu verkaufen und zu vermieten. Dies könnte Bodenpreise entlang der Flugschneisen, Bahnstrecken und Autobahnen bald in die Höhe treiben.

 

10 Folgen der Lärmentschädigungen

Zweifellos gibt es Angenehmeres als Jumbo-Jets, 40-Tönner und Güterwagen, die an unseren Wohn- und Schlafzimmern vorbei donnern, quietschen und kreischen. Dennoch erscheint ein Recht auf Lärmentschädigung mehr als fragwürdig.

Erstens leben wir in einer mobilisierten Gesellschaft, die nicht aus reinen Lärmopfern und reinen Lärmtätern besteht. Selbst wer nie am Autosteuer, im Zug oder im Flieger sitzt, isst täglich Nahrungsmittel, die aus fernen Landen angekarrt werden. La mobilité, c'est moi!

Zweitens dürften sich Lärmentschädigte konsequenterweise nur noch auf Gummisohlen oder klingellosen Fahrrädern fortbewegen.

Drittens müsste man auch alle Bauern und Pfarrer für die Kuh- und Kirchenglocken zur Kasse bitten - ganz zu schweigen von schnarchenden Nachbarn.

Viertens müssten neben Lärmausgaben auch Lärmeinnahmen generiert werden - mit einer Lärmsteuer. 50 Franken würde etwa die jährliche Spielgebühr eines Schlagzeugs oder einer Trompete kosten oder 1000 Kilometer Autofahrt oder ein heftiger Streit mit Zerbrechen von 3-4 Tellern oder die Monatsgebühr für einen Dackel.

Fünftens werden Hörgeräte künftig verboten, weil sie das Risiko von weiteren Lärmklagen erhöhen.

Sechstens wird die Zürcher Love-Parade in Zukunft als Schweigemarsch durchgeführt.

Siebtens werden die Sirenen von Polizei und Ambulanz durch Flutlichter ersetzt.

Achtens wird das Schiessen in der Armee und an Schützenfesten durch Video-Simulationen ersetzt.

Neuntens wird über Kantonsstrassen und Autobahnen, die ohne Lärmschutzwände über dem Boden verlaufen, generell Tempo 30 verhängt.

Und zehntens wird der liebe Gott für Donner nach 22 Uhr mit sonntäglichem Messestreik bestraft.

 

Bald Entschädigungen für Regenwetter?

Als Teil der mobilen Gesellschaft habe ich mich an den permanenten Lärmpegel gewöhnt. Oropax gehören in der Schweiz zum persönlichen Grundgepäck wie der Knirps und die Cumulus-Karte. Was mich persönlich mehr stört als der Lärm, sind schlechtes Wetter, verspätete Züge und unfreundliches Restaurant-Personal. Gespannt warte ich deshalb darauf, dass Juristen auf die glorreiche Idee kommen, auch für diese Unannehmlichkeiten finanzielle Entschädigung zu fordern - ganz zu schweigen von Entschädigungen für unsere fehlende freie Sicht aufs Mittelmeer.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 24. November 2013

 

Spendepflicht - ein Widerspruch

Umstrittener Organspendeausweis

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist Organmangel Grund für eine bürgerliche Spendepflicht?

Organe spenden ist eine edle Sache. Vorausgesetzt, die Spende bleibt eine Spende und verkommt nicht zu einer moralischen oder bürgerlichen Pflichtübung. Das wäre ethisch wie rechtlich heikel.  

 

Vor kurzem sammelte der Neuenburger FDP-Politiker Laurent Favre im Nationalrat Unterschriften für eine Motion zugunsten der Widerspruchslösung im Organ-Business. Mit der Widerspruchslösung dürften einem Toten automatisch Organe entnommen werden, wenn er sich zu Lebzeiten nicht ausdrücklich dagegen gewehrt hat. Über tausend Personen warten in der Schweiz auf ein Spenderorgan. Und jährlich werden etwas mehr als hundert Herzen, Lungen und Nieren transplantiert. Wenn nun aber liberale Politiker wie Favre und Gutzwiller die Organspende zur bürgerlichen Pflicht machen wollen, widersprechen sie ihrer eigenen liberalen Haltung, welche die Freiheit des Menschen als höchstes Gut zu verteidigen vorgibt.

Eine Spende ist definitionsgemäss freiwillig und soll es auch bleiben. Macht man die Organspende zur Bürgerpflicht, wird die persönliche Freiheit und Selbstbestimmung verletzt, was ethisch wie rechtlich problematisch ist. Auch finanzielle Anreize zum «Spenden» sind fragwürdig. In Grossbritannien wird erwogen, «spendewilligen » Personen die Bestattungskosten zu erstatten.

 

Missbrauchsgefahr

Gegen eine unkritische Transplantationseuphorie ist auch einzuwenden, dass mit Organen nicht selten Missbrauch getrieben wird. Zwischen 2010 und 2012 wurden 38 Patienten an der Uniklinik Leipzig als Dialysepatienten ausgegeben, um an Nierenspenden zu kommen. In manchen Kliniken werden Dialysepatienten als besonders dramatisch eingestuft, um von Organvermittlungsstellen schneller zu Spendernieren zu gelangen. Das Herzzentrum in der Romandie hat mehr Organgesuche auf die europäische Vermittlungsliste setzen lassen als die beiden Zentren der deutschsprachigen Schweiz zusammen. Kein Wunder, tragen die wenigsten Mitarbeiter von Transplantationszentren einen Organspendeausweis auf sich. Grund dafür ist auch, dass die Organentnahme- Lobby kaum je erwähnt, dass Organspender am Ende ihres Lebens mit Medikamenten vollgepumpt und an Maschinen angeschlossen werden, was ein friedliches Lebensende verunmöglicht.

 

Information und Koordination statt Zwang und Pflicht

Die Nationale Ethikkommission nimmt eine kritische Haltung gegenüber einer bürgerlichen Organabgabepflicht ein und empfiehlt dem Bund stattdessen, Informationskampagnen zu starten. Vor allem sollten die Prozesse im Transplantationssystem optimiert und das Personal in den Intensivstationen besser geschult werden. Denn für Angehörige ist es schwer, einer Herz- und Lungenspende des hirntoten Verwandten zuzustimmen, wenn er an eine Beatmungsmaschine angeschlossen ist und aussieht, als würde er nur friedlich schlafen. In mehreren Ländern will man die Erwachsenen entscheiden lassen, ihre Organe ausschliesslich an Menschen aus dem persönlichen Umfeld zu spenden. Die meiner Meinung nach klügste Lösung stammt aus Österreich. Dort wird erwogen, dass alle Erwachsenen auf ihrer Identitätskarte oder auf dem Krankenkassenausweis festhalten müssen, ob und welche ihrer Organe sie spenden wollen oder nicht. Das hat den Vorteil, dass alle gezwungen sind, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und gleichzeitig bleiben sie frei, ihre Organe zu spenden oder nicht.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 27. Oktober 2013

 

Bremspedal für die mobile Gesellschaft

Lange Jahre galt Mobilität als Zeichen für Fortschritt und Flexibilität. Nun reden plötzlich alle vom notwendigen Stopp der Arbeitsmobilität. Die Änderung bezahlen sollen in der Regel die Anderen.

 

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht Zukunftsforscher und Verkehrsexperten, Politikerinnen und Thinktanks, Tourismus-Spezialisten und Journalisten landauf landab in Artikeln und Interviews unsere mobile Gesellschaft zu bremsen versuchen. Alle sind überzeugt, das Ei des Kolumbus entdeckt zu haben und vertreten mit absolutem Wahrheitsanspruch ihre Lösungen:

•     teurere SBB-Generalabos: der Subventionspolitik ein Ende setzen

•     teureres Benzin, teurere Vignette und höhere Fahrzeugsteuern

       (speziell für Offroader): die Vollkosten liegen bei 10 Franken pro Liter

•     Road pricing (Gebühr für bestimmte Strecken)

•     Sonderabgabe von Firmen und Grundbesitzern, die davon profitieren,

       dass Angestellte und Kunden bis vor ihre Haustüre fahren können

•     abgestufte Zugpreise nach Reisezeiten und Reisestrecken als Mittel

       gegen Überlastung an Spitzenzeiten

•     Verbot von Auto-Leasing: Nur noch bezahlte Autos auf die Strasse! In

       den letzten 50 Jahren ist die Bevölkerung in der Schweiz um den

       Faktor 1,5 gewachsen (von 5,4 auf 8 Millionen), die Autos hingegen um den

       Faktor 5 (heute 5,8 Millionen).

•     Arbeitgeber sollen Home-Office und flexible Arbeitszeiten fördern, um

       die Strassen und Schienen zu entlasten – vor allem an Spitzenzeiten

•     Höhere Auslastung der Autos durch Fahrgemeinschaften (Car-Pooling).

       Im Pendelverkehr sitzen 1,2 Personen im Auto, beim Einkaufen 1,64 und

       für Freizeitfahrten 1,99

•     Ausbaustopp für Strasse und Schiene. Denn neue Angebote schaffen

       neue Anreize. Präventives Bauen von Tunnels und Autobahnen macht

       die Zunahme des Verkehrs zur „self-fulfilling prophecy“

 

Zug-Pendler finden selbstverständlich, dass sich am GA-Preis nichts ändern soll, weil die Benützung der öV eh schon Komfort-Verzicht und Umweltschonung bedeute. Pendelnde Autofahrer finden, dass sie eh schon bestraft seien, weil sie für ihre Arbeit ein Auto benötigen. Und Menschen, die gleich neben ihrem Arbeitsplatz wohnen oder von ihrem Home-Office aus wirken, beklagen die Mobilität unserer Gesellschaft ganz generell, selbst wenn sie am Wochenende ganz selbstverständlich in die Berge steuern und ferienhalber ans Meer düsen.

Die Diskussion um ein Ende der mobilen Gesellschaft ist müssig, vor allem wenn nur der je Andere sich ändern soll. Erstens finde ich die Diskussion über verstopfte Strassen und überfüllte Züge übertrieben. Diese hysterischen Panikverbreiter sollten mal eine Zeitlang in Delhi oder Peking leben. Und zweitens ist die aktuelle Mobilitätsdiskussion ein Scheingefecht, wenn und solange nicht der eigentliche Grund für die wachsende Berufsmobilität klar benannt und behoben wird. Die täglichen Staus und die vollen Pendlerzüge sind nicht die Folge von zu billigen Reisekosten, sondern von den ungleichmässig verteilten Steuersätzen. Nicht weil GA und Benzin subventioniert sind, pendeln so viele von Wollerau und Appenzell nach Zürich, von Zug und Sarnen nach Bern und von Nyon oder Montreux nach Genf, sondern weil die Steuersätze zwischen den Gemeinden und Kantonen sehr ungleichmässig verteilt sind. Nur eine höhere Steuergerechtigkeit kann Staus und überfüllte Züge effektiv vermeiden. Solange jemand in Nidwalden oder Schwyz drei Mal weniger Steuern bezahlt als in Bern, wird er für sein GA sogar 10‘000.- Franken und für den Liter Benzin gerne 3 Franken bezahlen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 29. September 2013

 

Volks-JA gegen Gripen-Falle

Ehe man teure Geräte anschafft, analysiert man genau deren Bedarf. Es sei denn, es handelt sich um Kampf-Jets, die Milliarden kosten und einen Luftraum verteidigen wollen, der alleine nicht zu schützen ist.

 

Ehe Hausärzte oder Spitäler ein teures Gerät anschaffen oder Familien ein neues Autos kaufen, das nicht permanent im Gebrauch ist, überlegen sie sich zunehmend eine Kooperation mit anderen Ärzten und Spitälern bzw. Familien. Und Airlines arbeiten längst international zusammen und lasten so ihre Maschinen optimal aus. Nur beim Kauf von Kampfjets scheint es absolut notwendig zu sein, dass die Schweiz ihre eigene Flotte unterhält, obwohl der Militärführung längst klar ist, dass fremde Kampfflugzeuge unseren Luftraum innert Minuten durchqueren und eine Raketenabwehr aufgrund des kleinen Raums allein durch die Schweizer Luftwaffe unmöglich ist. Die Militärführung und Politiker der Sicherheitskommissionen wissen auch, dass der wichtigste Schweizer Militärflughafen im Kriegsfall bei Mailand liegt und unsere Piloten heute schon öfter über Sizilien als über Dübendorf und Emmen trainieren. Doch belassen sie die Bürgerinnen und Bürger absichtlich im festen Glauben an die souveräne Verteidigung des helvetischen Luftraums. Das VBS weiss auch, dass der Kauf der 22 Gripen auf einer handgestrickten Gefahren- und Bedrohungsanalyse basiert. Der Sicherheitsbericht des Bundesrats vom 23. Juni 2010 nennt im Bericht die direkten Bedrohungen und Gefahren für die Schweiz: Grossunfälle, Versorgungsstörungen, Nötigung mit wirtschaftlichen Mitteln, Angriffe auf die Informatik-Infrastruktur, verbotener Nachrichtendienst, organisiertes Verbrechen, Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen, Zerfall staatlicher Strukturen, Migration, Klimawandel und Pandemien. All diese Gefahren und Bedrohungen bedürfen jedoch keiner Kampfjets. Auch wurde noch nie ein Terrorakt durch Militärflugzeuge verhindert. Bleibt also noch die Bedrohung durch einen militärischen Angriff. Im Sicherheitsbericht ist nirgends zu lesen, wer künftig die Schweiz angreifen soll. Flugzeuge und Raketen aus Pakistan oder China, Iran oder Jemen würden bereits in Italien, Frankreich, Deutschland oder Österreich abgefangen. Als potenzielle Angreifer bleiben also nur noch unsere unmittelbaren Nachbarn übrig. Dieses Szenario erscheint allerdings leicht realitätsfern. Darum besteht kein echter Bedarf mehr für eine eigene Luftwaffe. Dennoch bleiben VBS und Parlament stur.

In der Entscheidungsforschung bezeichnet die „Concorde-Falle“ den psychologischen Zwang, ein geplantes Projekt gerade wegen des bereits geleisteten Einsatzes von Ressourcen weiterzuziehen, selbst wenn sich die Untauglichkeit des Projekts schon längst abzeichnet. Die "Concorde-Falle" erhielt ihren Namen vom Überschall-Passagierflugzeug, in das Air France Milliarden steckte, ehe der Jungfernflug auf dem Flughafen Charles-de-Gaulle mit 109 Toten das Experiment jäh beendete. Beim Gripen-Kauf muss man auch zunehmend von einer „Gripen-Falle“ sprechen. Das VBS, der Bundesrat und das Parlament haben seit 2007 so viel Geld und Energie in das Projekt gesteckt, dass es wohl oder übel auch eine Katastrophe - oder eben einen vernünftigen Volksentscheid - braucht, um das sinnlos teure Projekt noch stoppen zu können.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 25. August 2013

 

iPhone, therefore I am (Ich phone, also bin ich)

      

Ich bin auch eine Stereo-Anlage...

Während iPhones in Schulzimmern und Burnout-Kliniken tabu sind, beantworten wichtige Personen selbst im Konzert und Theater ihre wichtigen SMS und E-Mails. Eine Zivilisationskrankheit.

 

Ich besitze kein iPhone, keinen iPad und auch keinen iPod. Dafür habe ich einen iKocher, zwei schöne iBecher und wohnte jahrelang neben dem iFfelturm. Als ich letzthin ein neues Handy brauchte, wollte man mir unbedingt ein iPhone andrehen, weil man das heute schlicht und einfach brauche und weil viele Zeitgenossen ohne dieses Accessoire nicht mehr leben können oder wollen. Ich weigerte mich aber, permanent Mails zu empfangen und zahlte für das internetfreie Handy prompt 90 Franken extra.

Um nicht für einen hoffnungslosen Hinterwäldler gehalten zu werden, gebe ich gerne zu, dass es im Alltag Situationen gibt, in denen man froh ist, wenn in der Nähe jemand ein iPhone besitzt. Etwa so wie man als Nichtraucher beim Anzünden einer Kerze froh ist, dass es noch ein paar Raucher gibt. Wenn man ein Zugbillett lösen will und der Automat streikt, kann es ganz praktisch sein, via SBB-App ein Ticket zu lösen. In anderen Fällen verhindert das iPhone allerdings ganz normale menschliche Kontakte. Letzthin war ich mit einer Gruppe aus der Deutschschweiz in Genf. Und als wir eine bestimmte Strasse suchten, tippten die anderen vier Personen reflexartig den Zielort in ihr iPhone, während ich von einem Einheimischen erstens eine Abkürzung zum Ziel erfuhr und zweitens auch noch zwei gastronomische Insider-Tipps erhielt. Nicht auszudenken, was passiert, wenn auf einer Wanderung der Akku leer ist und das GPS verschwindet. Auch der Terminkalender wird ohne Akku zu Windhauch.

Auf meiner täglichen Zugfahrt nach Zürich sowie im Tram beobachte ich die iPhone-Benutzer sehr bewusst – mit einem Ethnologen-Blick sozusagen. Die meisten benützen ihr Telefon als postmoderne Juke-Box, auf der sie zahllose Lieblingslieder gespeichert haben und anhören. Und gleichzeitig schauen sie alle paar Minuten nach, ob neue Partybilder aus ihrer iPhone-Gemeinde im Facebook aufgetaucht sind. Wenn man verstöpselten iPhonern in der freien Wildbahn begegnet, muss man etwas Acht geben, nicht angerempelt zu werden. Denn ihr Gefühl für Nähe und Distanz entspricht in etwa einem Party-Gänger kurz vor dem Delirium.

Neben diesen Hobby-iPhoners existiert eine wachsende Zahl von Arbeitssklaven, die selbst während ihrer Ferien mehrmals täglich E-Mails von Vorgesetzten und Klienten checken. Sicher kann es sinnvoll sein, manche Mails zu beantworten und dadurch nach den Ferien den virtuellen Postberg zu vermeiden. Allmählich verschwinden aber selbst die letzten Bastionen der internetten Unerreichbarkeit.

Vom obersten Rang der Tonhalle aus hatte ich letzthin nicht nur einen wunderbaren Blick auf das Orchester, sondern auch auf das Publikum im Parkett. Zu Beginn des Konzerts lud eine sonore Stimme das Publikum ein, die Mobiltelefone auszuschalten. Die Stimme stammte aber aus der Zeit, als Telefone nur zum Telefonieren da waren und nicht auch als Mini-Telegrafenämter dienten. Und so konnte ich über ein Dutzend leuchtende iPhone-Bildschirme während des Konzerts ausmachen. Mir taten nicht nur der Pianist und das Orchester leid, sondern auch die iPhone-User selbst, die es nicht mehr schafften, einfach mal im Hier und Jetzt den Augenblick und die Schönheit des Seins zu geniessen. Kein Wunder, dass das Abgeben des iPhones zum Eintrittsritual in jeder Burnout-Klinik gehört. Vermutlich – und hoffentlich – wird sich mit den Jahren ein halbwegs normales Verhältnis zu diesem Gerät ergeben.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 4. August 2013

 

Littering: Reflexion statt Symptombekämpfung !

Nächtliche Müllberge provozieren moralische Empörung und den Ruf nach drastischen Strafen. Solche Versuche zur Volkserziehung sind aber nicht viel mehr als ein Ausdruck unreflektierter Symptombekämpfung.

 

Regelmässig wird in Talk-Shows, Zeitungsartikeln und Leserbriefspalten mit moralischer Empörung über das sogenannte Littering-Problem geklagt. Selbstverständlich stören am Samstag- und Sonntagmorgen die leeren Bierdosen, Bierflaschen und Pizzakartons in den Wiesen, auf Trottoirs und Plätzen eines Landes, das weltweit ausgerechnet für seine Sekundärtugend Sauberkeit bekannt ist. Eigentlich sollte man meinen, dass in der Schweiz jedes 4-jährige Kind genau weiss, dass, wo, wie und wann man Abfall entsorgt. Es liegt mir aber fern, vorschnell gegen Jugendliche zu moralisieren oder ein Bashing über die Eltern zu starten, deren Erziehung versagt haben soll.

Der Neuenburger Nationalrat Jacques Bourgeois hat im Parlament 110 Unterschriften erhalten für die Einführung von Littering-Strafen. Doch abgesehen davon, dass es sich nicht um ein nationales Problem handelt und die Durchsetzung von Gesetzen bei den Kantonen und Gemeinden liegt, ist dieses politische Vorgehen unter der Bundeshauskuppel symptomatisch für einen fundamentalistischen Gesetzesglauben. Selbstverständlich sind Parlamentarier dafür angestellt, dass sie Gesetze schaffen. Aber es ist eine „déformation professionnelle“, wenn sie meinen, kulturelle und soziale, ökologische oder religiöse Bewusstseinsprozesse mit Paragrafen erzeugen oder verhindern zu können. Vor allem scheitert der Gesetzesfundamentalismus dort, wo Politiker von komplexen Missständen direkt zur Frage nach den rechtlichen und polizeilichen Massnahmen schreiten. Dass Parlamente immer öfter zu Symptombekämpfungsanstalten verkommen und die intellektuelle Mühe scheuen, nach den tieferen Gründen von Symptomen zu fragen, ist bedenklich. Wenn Politiker einfache und schnelle Lösungen für komplexe Probleme proklamieren, ist dringend Vorsicht geboten. Die Höhe politischer Heilsversprechen liegt meistens proportional zur Nähe des nächsten Wahlkampfes.

Welches könnten also die tieferen Gründe sein, warum Menschen am späten Freitag- und Samstagabend ihren Müll nicht regelkonform entsorgen?

Grund eins liegt an den Mülleimern selbst. Auffallend ist, dass ein Grossteil des Mülls nicht irgendwo herumliegt, sondern im Umkreis von hoffnungslos überfüllten Mülleimern. Bei Stadtfesten werden in der Regel speziell grosse Abfallsäcke an allen Ecken und Enden postiert. Dasselbe sollte man offensichtlich auch an ganz normalen Wochenenden tun.

Grund zwei für den nächtlichen Müll sind die unsinnigen Verpackungen und die Weigerung der Wirtschaft, Depot auf Flaschen und Dosen zu verlangen.

Grund drei für den Müll ist die Wegwerfgesellschaft schlechthin. Rund die Hälfte aller Nahrungsmittel wird zwischen Acker und Kühlschrank weggeworfen – nicht zuletzt wegen völlig absurder Lebensmittelgesetze.

Und Grund vier dürfte sein, dass sich viele Menschen selbst als Abfallprodukt empfinden, wenn sie etwa Opfer von betrieblichen Sparübungen werden.

Die Reflexion über die Gründe des Littering wird konstruktive Lösungen hervorbringen. Sicher ist, dass Geldbussen keinerlei pädagogische Wirkung erzielen. Ertappte Müll-Sünder müsste man zum Aufräumen verpflichten. Auch könnte man Personen, die freiwillig Müll einsammeln, belohnen. Als Primarschüler haben wir oft abends Müll in der Badeanstalt aufgelesen und dafür ein Glacé erhalten.


Mein Gast-Artikel in: "Schweiz am Sonntag", 4. August 2013

 

Plädoyer für eine neue Nationalhymne

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die heutige Nationalhymne brauchte 120 Jahre von der Komposition bis zur provisorischen Genehmigung durch den Bundesrat. 1841 vertonte der Urner Komponist Alberik Zwyssig den Schweizerpsalm von Leonhard Widmer mit der Melodie eines früher kreierten Messgesangs. Und 1961 wurde „Trittst im Morgenrot daher“ zur vorläufigen Landeshymne bestimmt. Obwohl sechs Kantone eine definitive Wahl ablehnten, erhielt die Hymne 1981 offiziellen Charakter. Seither wird sie täglich um Mitternacht im Schweizer Radio gesendet und an unzähligen Sportveranstaltungen im In- und Ausland gesungen. Dennoch können bis heute nur wenige die drei Strophen auswendig singen.

Musikalisch hat die Nationalhymne weder die Qualität von Haydns „Deutschlandlied“ noch die Rasse der Brasilia-Melodie oder die Würde der „Marseillaise“. Die künftige Nationalhymne müsste so eingängig sein wie das „Buurebüebli“, „Là haut sur la montagne“, „Aprite le porte“ oder die „Canzun della milissa“.

Der Schweizerpsalm ist aber vor allem textlich reformbedürftig. Wolfgang Koydl, Schweiz-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, bezeichnete den Text als eine „Kreuzung aus Kirchenlied und Wetterbericht: Schwülstige religiöse Passagen wechseln mit meteorologischen Beobachtungen von Nebelflor und Wolkenmeer, Sturm und Gewitternacht.“ Ausser der Zeile „Betet, freie Schweizer, betet“ steht im Psalm auch nichts spezifisch Schweizerisches. Der Text hätte auch im Himalaya oder in den Anden seine Gültigkeit.

Kein Wunder, dass seit Einführung der heutigen Hymne wiederholt Initiativen für eine neue Hymne ergriffen wurden. Bereits 1973 schuf der Operettenkomponist Paul Burkhard – bekannt durch das Lied "O mein Papa" –  ein "Schweizerlied". Und 1998 sponserte Zigarrenkönig Heinrich Villiger einen Künstlerwettbewerb für eine neue Hymne. Daraus entstand das berndeutsche Lied „Härzland“ von Roland Zoss. Auf dem politischen Parkett gab es ebenfalls zahlreiche Vorstösse für eine neue Hymne, das letzte Mal 2004 durch Nationalrätin Margret Kiener Nellen.

Vor einem Jahr kündigte die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft einen Künstlerwettbewerb für eine neue Nationalhymne an. Als Textgrundlage für die künftige Hymne soll die Präambel der Schweizer Bundesverfassung dienen. Die darin enthaltenen Werte (Demokratie, Vielfalt, Freiheit, Frieden, Solidarität) wurden vom Schweizer Volk vor 15 Jahren mit grosser Mehrheit genehmigt. Die melodische Linie der heutigen Hymne soll auch in Zukunft im Prinzip beibehalten werden. Sollte jemand jedoch mit einer neuen Melodie die Schweizer Herzen erobern und einen Ohrwurm kreieren, würde dieses „Prinzip“ sicherlich grosszügig ausgelegt.

Am 1. Januar 2014 startet der Künstlerwettbewerb und dauert bis Ende Juni. Im Herbst 2014 wird eine Jury die besten 10 Wettbewerbsbeiträge eruieren. Und an einem öffentlichen Anlass Ende 2014 werden die Sieger gekürt. Präsidiert wird die Jury von Christine Beerli (ehem. Ständerätin Bern), Patrizia Pesenti (ehem. Staatsrätin Tessin), Oscar Knapp (VR SRG) und Pierre Kohler (ehem. Nationalrat und Regierungsrat Jura). Die weiteren 20 Jury-Mitglieder sind Vertreterinnen und Vertreter von Sport- und Musikverbänden sowie Profis aus den Bereichen Text und Musik. Im Jahr 2015 wird dann der Bundesrat gebeten, den Siegerbeitrag zur künftigen Nationalhymne zu bestimmen. Damit der Bundesrat dafür nicht wieder 120 Jahre Zeit braucht, soll ein Patronatskomitee den politischen Entscheidungsprozess in Gang bringen.

Es würde mich sehr freuen, wenn der Künstlerwettbewerb zu einer zeitgemässen Nationalhymne führt, die in allen Sprachregionen Gefallen findet. Persönlich freue ich mich aber schon jetzt über die ausgelösten Diskussionen rund um die gemeinsamen Werte, die in einer neuen Hymne besungen werden sollen. Diese kollektive Standortbestimmung ist eine Chance für die nationale Identität. Mich interessiert zudem, ob Profis oder Laien die besten Beiträge liefern werden und warum sie „Gott den Allmächtigen“ oder andere Teile der Präambel in die Hymne übernehmen werden oder nicht. Und letztlich bin ich auch gespannt, ob ein Beitrag es schaffen wird, dass ich beim Anhören reflexartig mit Fingern und Füssen den Rhythmus zu klopfen beginne.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 7. Juli 2013

 

Kampf der Generationen

Als Berufs-Pendler erhält man im Zug eine spannende Plattform für soziale Beobachtungen. Vor allem Spannungen zwischen den Generationen sind mehr und mehr an der Tagesordnung.

 

Unter der Woche pendle ich morgens jeweils nach Zürich. Seit Jahren fahre ich in der 2. Klasse, wo ich auch bleiben möchte, solange ich mit meinem Laptop einen Sitzplatz erwische. Im Zweifelsfall höre ich lieber in der 2. Klasse die dumpfen Bum-bums aus den iPod-Stöpseln von Jugendlichen als in der 1. Klasse die telefonischen Regieanweisungen von IT-Projektleitern. Dass sich Knoblauch-Liebhaber gerne ausgerechnet neben mich setzen, ist leider klassenübergreifend.

Die morgendliche Stimmung in Zügen und S-Bahnen, Trams und Bussen ist oftmals erdrückend. Es würde mich nicht wundern, wenn Touristen aus Indien oder Lateinamerika daheim berichten, dass die Schweiz unter einer kollektiven Depression oder an virulenter Sprachlosigkeit leide. Vor acht Uhr morgens gehöre auch ich nicht zu den Kommunikations-Rambos, die andere Fahrgäste volltexten. Und damit niemand in Versuchung gerät, mich auf die spannenden Bücher anzuquatschen, die ich gerade lese, entfliehe ich mit Ohrstöpseln gerne in den Klavierhimmel von Rachmaninov. Diese Flucht vor morgendlicher Kommunikation finde ich legitim. Sie ist vermutlich auch für viele Automobilisten das Hauptmotiv gegen die Nutzung des öV auf ihrem Arbeitsweg.

Die einzigen, die morgens im Zug echt gut drauf sind und frisch-fröhlich parlieren, sind die zahlreichen fitten Senioren im Un-Ruhestand, die mit Vorliebe während des Berufsverkehrs mit der SBB herumgondeln. Sollte bald mal die Abschaffung der AHV oder die Begrenzung des Stimmalters auf 65 Jahre gefordert werden, dann dürften solche Vorstösse ziemlich sicher von SBB-Berufspendlern stammen. Denn deren intergenerativer Geduldsfaden ist arg strapaziert. Dass Pensionierte ihr „dolce far niente“ ausgerechnet während des morgendlichen Berufsverkehrs zelebrieren, indem sie mit ihren Wandervögel-Gruppen ganze Bahnwagen besetzen, erzeugt zunehmend sozialen Sprengstoff. Für Arbeitspendler ist die senile Bettflucht jedenfalls kein hinlänglicher Grund dafür, die Kaffeefahrt an den Genfer- oder Luganersee schon um 7 Uhr früh zu starten. Berufspendler verstehen auch nicht, warum die Helden aus dem Aktivdienst ihre Treffen mit den Schützenkollegen ausgerechnet am späten Nachmittag beenden müssen.

Letzthin wurde ich morgens um 8 Uhr am Zürcher Bahnhof Zeuge eines typischen Generationen-Konflikts. Als rund hundert Berufspendler aus dem oberen Stockwerk des Intercity-Zuges aussteigen wollten, zwängten sich zwei Seniorinnen mit ihren Köfferchen die Treppe hinauf und verbarrikadierten allen den Weg. Eine Dame in Business-Anzug machte die beiden Seniorinnen darauf aufmerksam, dass man zunächst die Leute aussteigen lasse. Worauf die jüngere der beiden Dränglerinnen meinte: „Meine Mutter ist schon über 90.“ Die gefangenen Pendler schauten sich verdutzt an. Dass fortgeschrittenes Alter nicht mehr ein Grund ist, um als Vorbild für jüngere Generationen zu sein, sondern als Argument zur Terrorisierung der restlichen Gesellschaft dienen muss, erinnerte mich an Szenen von Loriot und an Helmut Schmitt, der mit dem Greisen-Argument Fernsehstudios verqualmt. Jedenfalls überlege ich mir nun, was ich mit dem Greisenargument später mal alles anstellen werde. Wenn ich mich das nächste Mal an der Supermarktkasse vordrängle, sage ich einfach, ich sei 90. Und ich könnte langsam damit beginnen, frühmorgens in Wanderklamotten nach Zürich zu pendeln.


Mein Kommentar "Der externe Standpunkt"

in: "NZZ am Sonntag" vom 9. Juni 2013

 

Zwischen Zürich und Chur tobt ein kleiner Kulturkampf

Legte sich mit den Churer Herren an: Zürcher Regierungsrat Martin Graf

Ist der Zölibat verfassungswidrig, wie Zürichs Regierungsrat Graf sagte? Er ist es nicht - aber die Kirchenmänner in Chur zeigen ein respektloses Machtgehabe.

 

Seit 1963 ist die katholische Kirche im Kanton Zürich nicht mehr ein privater Verein, sondern öffentlich-rechtlich anerkannt. Und ausgerechnet bei der 50-Jahr-Feier kracht es nun im Gebälk. Der Zürcher Regierungsrat Martin Graf schimpfte Ende Mai die katholische Kirche wegen des Zölibats als verfassungswidrig. Und der Churer Bischof Huonder bezeichnete in seiner Reaktion die staatskirchenrechtlichen Strukturen (Landeskirchen mit Synode sowie politische Kirchgemeinden mit Kirchenpflege oder Kirchgemeinderat) als nicht-kirchlich und sogar anti-kirchlich. Wie beim Bewerfen mit Sand auf dem Spielplatz oder beim Türknallen in der Partnerschaft muss man hinter diesen hochgeschaukelten Emotionen die Ursachen und Hintergründe zu verstehen versuchen und nach der Vorgeschichte des Auslösers fragen.

Die Leidensgeschichte begann 1988 mit der päpstlichen Ernennung des Barockengels Wolfgang Haas zum Weihbischof des Churer Bischofs – inklusive Nachfolgerecht. Haas sorgte innert kurzer Zeit für landesweiten religiösen Unfrieden. Darum reiste Bundesrat Flavio Cotti sogar eigens in den Vatikan und bat dort um ein Ende des Trauerspiels. Die Zürcher Katholiken deponierten den Teil der Kirchensteuern, der normalerweise ans Bistum ginge, bis zu Haas’ Versetzung nach Vaduz auf ein Sperrkonto. Mit den Weihbischöfen Henrici und Vollmar sowie Bischof Amédée Grab normalisierte sich die Lage in Zürich mit der Zeit wieder. Doch mit der Ernennung von Vitus Huonder und seinem Adlatus Martin Grichting eskalierte die Situation erneut. Huonder ist unfähig zum Dialog und schafft es durch seine Fixierung auf vatikanisches Kirchenrecht und Lehramt, die Gläubigen vor Ort in regelmässigen Abständen vor den Kopf zu stossen. Die staatskirchenrechtlichen Gebilde mit ihren demokratischen Strukturen sind für sie Werke des Teufels. Und die kirchliche Macht gehört ihrer Meinung dem Papst und seinen Bischöfen.

Im aktuellen Kulturkämpfli heisst der Verlierer bezüglich Kommunikationsfähigkeit und Machtverhalten klar Vitus Huonder. Bischöfliches Machtgehabe und Dialogunfähigkeit kennzeichnete bis vor kurzem auch das Bistum Basel, wo Kurt Koch und Roland-Bernard Trauffer weit über die Kirchgemeinde Röschenz und die Baselbieter Landeskirche hinaus für einen nachhaltigen Image-Schaden der Kirche sorgten.

Inhaltlich muss man leider zugeben, dass Vitus Huonder und sein Adlatus Martin Grichting rein staatsrechtlich und kirchenrechtlich die Punktsieger des Konfliktes sind. Die katholische Kirche ist - wie andere Religionen auch – streng hierarchisch organisiert. Die demokratisch organisierten staatskirchenrechtlichen Strukturen, die im 19. Jahrhundert geschaffen wurden, machen die katholische Kirche der Schweiz zu einem Sonderfall, der konträr zum Selbstverständnis der weltweiten Kirche steht. Diese Strukturen deshalb als nicht-kirchlich zu bezeichnen, ist zwar kirchenrechtlich und theologisch korrekt. Doch gleichzeitig zeugt Huonders Aussage von einer tiefen Respektlosigkeit und einer gänzlich fehlenden Sensibilität. Denn Aufgabe und Ziel der Landeskirchen und Kirchenräte ist einzig das Funktionieren der Kirchen.

Wenn auf der anderen Seite der Zürcher Regierungsrat Martin Graf sagt, der Zölibat der katholischen Kirche sei verfassungswidrig, gibt er sich eine peinliche Blösse. Jeder Fussballclub kann Zulassungs- oder Ausschlusskriterien für bestimmte Ämter festlegen. Feministische Lesezirkel dürfen sehr wohl Männer ausschliessen. Und Veganer-Vereine müssen keine Grill-Meister aufnehmen. Martin Graf hätte aber Recht gehabt, wenn er die Zulassungsbestimmungen zum Priestertum als aufgeklärter Christ in Frage gestellt hätte. Dass Jesus ein unverheirateter Mann war, kann unmöglich ein Grund sein, aus diesem natürlichen Faktum eine normative Regel zu machen. Sonst müsste man von Priestern genauso verlangen, dass sie Aramäisch reden, sich beschneiden lassen und eine Lehre als Zimmermann absolvieren. Graf kann den Zölibat nicht abschaffen. Aber die Zürcher Katholiken könnten wie die Bürgerinnen und Bürger der beiden Basel eine Initiative lancieren, die verlangt, der katholischen Kirche den öffentlich-rechtlichen Status zu entziehen. Dies ausgerechnet am 50-Jahr-Jubiläum zu tun, ist vielleicht nicht gerade sehr nett, aber ehrlicher als das Zuprosten mit Cüplis in einer Pseudo-Harmonie.

Für die Spannung zwischen Chur und Zürich gibt es leider nur eine natürliche Lösung. Beim kürzlichen Besuch in Rom wurde Vitus Huonder von höchster Stelle mitgeteilt, dass er „aus gesundheitlichen Gründen“ auch schon vor seinem 75. Geburtstag als Bischof zurücktreten dürfe. Doch diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstand Huonder offensichtlich nicht, sondern deutet ihn als Ausdruck grossen Wohlwollens der Kirchenleitung. Darum bleibt nichts Anderes übrig, als Kreuze an die Wand zu malen und darauf zu hoffen, dass die katholische Kirchenleitung das Bistum Chur und die Schweiz nach Haas und Huonder in fünf Jahren nicht zum dritten Mal innert 35 Jahren abstrafen wird.


Meine Kolumne "Unkommod" in:
"Ostschweiz am Sonntag" vom 9. Juni 2013

 

Schwimmzwang im Bundesgericht

Das Bundesgericht stuft die Integrationsfunktion vom schulischen Schwimm-unterricht höher ein als die Einhaltung religiöser Pflichten. Ein doppelt fragwürdiger Entscheid.

 

Das Bundesgericht in Lausanne hat eine 14-jährige Muslimin aus dem Kanton Aargau zum schulischen Schwimmunterricht gezwungen. Künftig müssen also landesweit alle Musliminnen zum Schwimmen antreten. 2011 ersuchte das Mädchen um Dispens vom Schwimmunterricht, der alle fünf Wochen unter der Leitung einer männlichen Lehrperson stattfindet. Das Bundesgericht stufte erstens den obligatorischen Schulunterricht höher ein als die Einhaltung religiöser Pflichten. Und zweitens gehe es beim Schulschwimmen um Integration.

Als ich vor 30 Jahren an die Kantonsschule St. Gallen ging, fehlte am Samstagmorgen jeweils eine Mitschülerin, die einer christlichen Pfingstgemeinde angehörte. Und in der Parallelklasse besuchte ein jüdischer Mitschüler samstags die Synagoge. Wir Mitschüler gaben ihnen jeweils am Montag unsere Notizen und erklärten den Stoff. Niemand sah dadurch den obligatorischen Schulunterricht oder irgendwelche Integrationsbemühungen jemals in Gefahr.

Heute herrscht eine andere Stimmung. Speziell, wenn es sich um Muslime handelt. Und offenbar ist auch das Bundesgericht in Lausanne von dieser Islamophobie betroffen. Denn sein Entscheid ist einerseits fragwürdig, weil er die Integration im Sinn der Anpassung versteht und diese über die Einhaltung religiöser Pflichten stellt. Dass eine religiöse Praxis in Frage gestellt oder verboten wird, wenn sie Menschenrechte verletzt, versteht sich von selbst. Aus diesem Grund will derzeit eine Initiative in Basel erreichen, dass die katholische Kirche die Priesterweihe für Frauen einführt. Und auch das Beschneiden von Jungs wurde letzthin heiss diskutiert. Religiöse Traditionen und Pflichten sollten aber nicht der blossen kulturellen Anpassung unterworfen werden. In der Geschichte kennen wir leider allzu viele Beispiele, wo staatliche Gerichte von Minderheiten gefordert haben, ihre religiösen Pflichten hinter nationale Ideologien und Traditionen zu stellen. In Deutschland hätte der Lausanner Entscheid einen lauten Aufschrei provoziert, weil die Deutschen von ihrer Geschichte her sensibler sind gegenüber dem Verbot religiöser Traditionen durch die Staatsmacht. In der Schweiz kritisierte hingegen keine einzige Zeitung den Gerichtsentscheid.

Der Lausanner Entscheid ist andererseits völlig unverhältnismässig. Die junge Frau hat weder die Demokratie noch den Föderalismus, den Rütli-Mythos oder sonst eine heilige Kuh in Frage gestellt, sondern möchte sich einfach nicht öffentlich ausstellen und halbnackt von einem Lehrer angefasst werden. Was ist an diesem Wunsch so furchtbar verwerflich? Das Präsentieren eines Frauenkörpers im Badeanzug ist doch anno 2013 wirklich kein Befreiungsschlag mehr, den es staatlich zu fördern gälte. Und zudem gibt es echt höhere Bildungsziele als das Durchqueren eines Schwimmbeckens.

Die Lausanner Bundesrichter (27 von 38 sind Männer) finden offenbar, dass sich Musliminnen den hiesigen Gepflogenheiten anpassen sollten – so wie wir uns selbstverständlich an die Sitten im Ausland anpassen. Doch ehrlich gesagt ist es mit dieser Anpassung nicht so weit her. Dafür habe ich zu oft europäische Männer in islamischen Ländern erlebt, die öffentlich während des Ramadan assen und tranken, bedenkenlos Frauen fotografierten, ihnen die Hand zum Gruss reichten oder ihnen freundschaftlich auf die Schultern klopften.


Meine Kolumne "Unkommod" in:
"Ostschweiz am Sonntag" vom 5. Mai 2013

 

Mit oder ohne Senf - Wurst bleibt Wurst

Ein Sakrileg: Olmabratwurst mit Senf

Töss und Thur entlang verläuft der sogenannte "Senfgraben". Ohne Olma-Bratwurst wäre die Ostschweiz für viele ein weisser Fleck auf der Landkarte.

 

Als Mitte Mai der Kanton St. Gallen als Ehrengast zur heidnischen Zünftler-Parade namens Sechseläuten an die Limmat geladen war, las ich in den Medien erstmals von einem sogenannten "Senfgraben". Der Ausdruck irritierte mich und weckte gleichzeitig Neugier. "Senfgraben" spielt offensichtlich auf "Röstigraben" an. Geografisch muss diese ominöse Grenze dem Linth-Kanal, der Töss und der Thur entlang verlaufen. Mit dem kleinen Unterschied, dass hinter diesem Senfgraben keine weitere Landessprache geredet wird, selbst wenn Viktor Giacobbo Albanisch für die Amtssprache von Wil hält. Hinter dem Senfgraben beginnt auch nicht schon Österreich, wie viele Innerschweizer meinen. Der Senfgraben signalisiert vielmehr, dass östlich davon Kalbsbratwürste ohne Senf verspeist werden. Diese Regel habe ich ehrlich gesagt zum ersten Mal vor ein paar Jahren in Luzern vernommen. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Fürstenland und nicht in der Metropole St. Gallen aufgewachsen bin. In Wil haben alle die Kalbsbratwürste mit Senf gegessen. Die Senfregel war uns so wurst wie das Verbot, in Bayern Weisswürste nie nach dem 11-Uhr-Glockengeläut zu geniessen. Der Dichter Fridolin Tschudi verfasste einmal eine pathetische Ode an die Bratwurst: "Dein Duft betört mich, knusprig-zartes Wesen. Du Braungebrannte wirst mir bis ans Ende meines Lebens munden!"

            Es ist mir natürlich nicht ganz egal, dass meine Heimatregion ausgerechnet durch ihr wurstiges bzw. senfloses Kuriosum bekannt ist. Ein echtes Marketing-Problem. Dass St. Gallen edelste Spitzen exportiert, wissen zwar eingefleischte Pariser Modeschöpfer. Und manche hegen nachwievor eine Hassliebe gegenüber Niklaus Meienberg, dem Beinahe-Schwiegersohn von Kurt Furgler. Aber sonst fehlt es neben der Wurst an echt sanggallischen Exportschlagern. Da ich in der Innerschweiz lebe, begegne ich oft Menschen, die in San Francisco und Singapur, Sidney und Sao Paolo waren, aber noch nie in Sulgen und Schänis, Sargans oder St. Gallen. Für sie hört die Schweiz östlich des Senfäquators auf der Höhe Zürich-Flughafen auf. Die Innerschweizer, ob in Luzern oder Sursee, Weggis oder Meggen, sind felsenfest überzeugt, die schönsten und wichtigsten Orte des Landes und der Welt zu bewohnen. Darum ist es für sie auch selbstverständlich, dass jede 5.-Primarklass-Schulreise aus Sommeri, Porrentruy und Martigny sowie jede Europa-in-7-Tagen-Tour die Innerschweiz besucht. Warum aber sollte jemand nach St. Gallen reisen? Kalbsbratwürste gibt es auch im Coop von Engelberg, Lungern und Willisau.

           Bis Innerschweizer in Richtung Bodensee reisen, muss sich Ostschweiz Tourismus echt was einfallen lassen. Conny-Land is ohni Länd. Vielleicht könnte die Ostschweiz den Euro einführen. So würde mancher Zuger am Samstag in Wil statt Waldshut shoppen gehen. Doch vielleicht entspricht das Wurst-ohne-Senf-Image ja einer listigen Marketing-Strategie der Elite-Uni of St-Gall, damit die zahllosen Touristen-Busse mit Japanern und Chinesen, Indern und Russen weiterhin Bucherer und Pilatus statt Stiftsbibliothek und Säntis anpeilen. Selbstverständlich ist Lake Lucerne Tourismus nun sehr gespannt, wie sich der neue Botschafter der Stadt Wil, Viktor Giacobbo, auf den Massentourismus aus Afghanistan, Pakistan und Jemen auswirken wird. Vielleicht wird St. Gallen schon bald für seine Biryani, Kebab und Burghul berühmt - selbstverständlich ohne Senf.