LUKAS NIEDERBERGER

Artikel  und  Kolumnen  2016

Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 11. Dezember 2016 
 

Postfaktisch – neues Label, alter Zopf

 

Die Aufregung über das «postfaktische Zeitalter» ist übertrieben. Denn die Lüge ist so alt wie die Menschheit und nicht automatisch verwerflich.

Das Wort des Jahres 2016, geprägt von Angela Merkel und meisterhaft umgesetzt von Donald Trump, heisst «postfaktisch». Lügen haben aber nicht erst heute längere Beine erhalten. Lediglich die schönfärberische Benennung dieses Phänomens ist neu. Kurze Schlagworte erzeugten immer schon eine höhere Wirkung und mehr Urnenstimmen als lange Argumentationslinien. Gefühle und Glaubensbezüge beeinflussten die Bildung der öffentlichen Meinung immer schon stärker als Fakten. Gefühlten Wahrheiten und diffusen Bürgerängsten war noch selten mit fundierten und sachlichen Argumenten beizukommen. Faktenferne hat Tradition. Apostel Petrus rettete durch die Lüge seinen Kopf, Walter Ulbricht ermöglichte durch Lügen den DDR-Mauerbau und George Bush legitimierte postfaktisch den Einmarsch in Irak. Auch manche Medaillen gedopter Spitzensportler sowie Doktor- und Mastertitel plagierender Politiker waren schon vor 2016 erschwindelt.

     Das postfaktische Zeitalter hat nicht mit Facebook begonnen, wo man zwar alles «liken» kann, wo es aber keine Gewähr gibt, dass das, was gefällt, auch wahr ist. Auch die bezahlten Medien arbeiten nicht erst seit den gefälschten Hitler-Tagebüchern faktenfern. Das kontrafaktische oder antifaktische Zeitalter ist letztlich so alt wie die Menschheit. Und das Postfaktische hat auch sein Gutes. Eva läutete durch ihre Lüge die menschliche Emanzipation von Gott ein. Und eine Studie der Universität Sheffield zeigte letzthin auf, dass Kinder, die konsistente Lügen erzählen, einen höheren IQ haben als Kinder, die nicht oder schlecht lügen können. Lügen erfordern Fantasie, analytisches Denken, Kombinationsgabe, strategische Planung, ein gutes Gedächtnis, schauspielerisches Talent, atmosphärisches Feingefühl, Flexibilität sowie Risikofreude.

     Alle Kulturen und Religionen betrachten das biblische Gebot «du sollst nicht lügen» als Basis für ein funktionierendes Zusammenleben und Kooperieren. Ein lügenfreies Leben ist jedoch extrem schwer. Der Journalist Jürgen Schmieder versuchte es 2010 während der 40-tägigen Fastenzeit. Das im Buch beschriebene Resultat war, dass sich seine Frau beinahe von ihm trennte, sein bester Freund ihn in die Rippen boxte und die Redaktion ihn aus einer Konferenz rauswarf.

     Kommt hinzu, dass nicht jede Faktenferne automatisch eine Lüge ist. Oft wissen wir bestimmte Dinge einfach nicht genau oder täuschen uns. Das zeigte Platon mit seinem Höhlengleichnis schon vor 2400 Jahren auf. Und Friedrich Nietzsche postulierte sogar, dass es keinerlei objektive Fakten gebe, sondern nur subjektive Sichtweisen und Interpretationen.

     Postfaktisch waren auch immer schon die Notlügen, die ethisch unerheblich sind. Würden mich operierte Promis fragen, wie ich ihre geglätteten, ausdruckslosen Zombie-Gesichter fände, hätte ich nur die Wahl zwischen der netten Lüge und der schmerzlichen Wahrheit. Und wer hat bei einer Einladung zum Kaffee nicht schon postfaktisch gesagt, dass er oder sie zeitlich leider verhindert sei. Vor allem, wenn wir einen Menschen vor Gefahren und Verfolgung schützen können, sind faktenfremde Aussagen legitim. Postfaktisch handelten auch immer schon Eltern, die ihren Kindern die Story vom Osterhasen, vom Nikolaus und vom Engel erzählten, der den Christbaum schmückt. So what?


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 13. November 2016 
 

Plutonium statt Wein im Keller 

Wer sich weiterhin Atomstrom aus der Steckdose wünscht, erhält an der Urne Pickel und Schaufel, um künftig ein wenig Atommüll im eigenen Keller zu lagern.

Eine Sendung mit hoher Ausstrahlung

Am 27. November 2016 entscheiden die Schweizerinnen und Schweizer an der Urne, ob ihre fünf Krernkraftwerke nach 45 Betriebsjahren (also bis 2029) abgestellt werden oder erst dann, wenn der Bund jedem AKW einzeln die rote Karte zeigt. Vielleicht löst sich das Problem ja von selbst. Denn von den fünf AKW-Dinosauriern stehen bereits deren zwei aus Sicherheitsgründen still. Und obwohl die abgestellten AKW Leibstadt und Beznau 1 den vierfachen Stromverbrauch der Stadt Zürich produzierten, musste kein zusätzlicher Dreckstrom aus deutschen Kohlekraftwerken importiert werden.

     Heute wissen selbst Betreiber und Aktionäre von AKW, dass die Zukunft den erneuerbaren Energien gehört und dass die effizienten Fotovoltaik-Dächer, Stauseen, Windparks und Erdsonden den Energiebedarf der Schweiz decken können. Und wäre Erdöl wegen der zerstrittenen OPEC nicht viel zu billig und würde die Schweiz mit der kostendeckenden Einspeisevergütung vorwärts machen, würden noch viel mehr Haushalte auf erneuerbare Energie umstellen.

     Atombefürworter sangen 50 Jahre lang das Lied, dass Atomenergie eine billige und saubere Energiequelle sei. Billig stimmte nur, weil sie keine Vollkostenrechnung anstellten. Für die Kosten von 2‘000 Milliarden Franken im Fall eines Atomunfalls garantieren weder Bundesbern noch Axpo, Alpiq oder BKW eine Haftpflichtdeckung. Und selbst die 20 Milliarden für Stilllegung und Entsorgung der fünf AKW werden von den AKW-Betreibern nicht garantiert. Die Atomaufsichtsbehörde des Bundes, welche den AKW eines Tages das Aus diktieren soll, hat nach den Worten von Energieministerin Leuthard schon heute keine Autorität, bei den AKW Auflagen für mehr Betriebssicherheit durchzusetzen. Axpo-Chef Walo hat letzthin sogar gedroht, dass der Bund im Fall eines früheren Atomausstiegs über 4 Milliarden Franken Schadenersatz bezahlen müsse. Die überholten AKW funktionieren offensichtlich auch nach dem überholten Paradigma «Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren». Weil mit AKW kein Geld mehr zu verdienen ist, versuchte Alpiq neulich seine AKW dem französischen Konzern EDF zu verschenken – vermutlich inklusive Atommüll.

     Denn Atomenergie ist nicht so sauber, wie es die Befürworter seit 50 Jahren beteuern. Bis das krebserregende Plutonium seine Strahlkraft verliert, dauert es eine Million Jahre oder 33‘000 Generationen. In den fünf Schweizer AKW fallen pro Jahr 75 Tonnen verbrauchte Brennelemente an. Nach dem Rückbau der fünf AKW werden 100'000 Kubikmeter radioaktiver Abfall vorhanden sein, was dem Volumen der Zürcher HB-Halle entspricht.

     Weil sich die Suche nach einem geeigneten Endlager in der Schweiz bisher als unmöglich erwiesen hat, schlage ich eine pragmatische Lösung vor:

     Wenn am 27. November 50% der Stimmberechtigten an die Urne gehen und davon 60% gegen ein vorzeitiges Abschalten der Kernkraftwerke stimmen, ergibt dies pro NEIN-Stimme 66 Liter Atommüll. An der Urne sollen NEIN-Stimmende Pickel und Schaufel erhalten, damit sie in ihrem Keller ein kleines Endlager ausheben können. Manche von ihnen werden ihren Wein künftig im Estrich lagern und die Enkelkinder beim grünen Nachbarn spielen lassen. Aber spätestens nach drei Generationen wird das bisschen Plutonium im Keller für eine Mär der Urgrosseltern gehalten werden.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 16. Oktober 2016 
 

Wenn Reportagen gefallen müssen

Zeitungen versuchen objektiv, politisch korrekt, kritisch und unabhängig zu berichten.

Dies scheitert spätestens bei den Auto- und Reise-Reportagen.

Natur pur...

Tages- und Wochenzeitungen versuchen möglichst objektiv und politisch korrekt, kritisch und unabhängig über das Weltgeschehen zu berichten. Sie legen den Finger auf wunde Punkte im politischen und wirtschaftlichen Leben und geben sich sensibel für Umweltthemen. Fast bis zur letzten Seite. Denn das ökologische Gewissen endet abrupt, wo die bezahlten Gefälligkeits-Reportagen für Autofirmen und Reiseagenturen beginnen.

     In den euphorischen Auto-Reportagen spielt es keine Rolle, ob die Boliden für die Leserschaft finanziell erschwinglich sind und wie viel CO2 sie in die Luft schleudern. Hauptsache, dass der Journalist mit dem neuen Maserati auf der Autobahn oder mit dem Geländewagen in der City eine Menge Spass hatte. 

     Inflationär nehmen auch Reportagen über Reisen zu, auf welche Journalisten gratis eingeladen werden. Reiseagenturen haben wie Autofirmen erkannt, dass gefällige Artikel im redaktionellen Zeitungsteil mehr Wirkung erzielen als teure Inserate. Selten wird über Wanderungen im Simmental, im Neuenburger Jura oder im Appenzellerland berichtet, obwohl dies ökologisch sinnvoll wäre, den hiesigen Tourismus ankurbeln und dem Zusammenhalt der Schweiz dienen würde. Vielmehr werden in Reise-Reportagen die hintersten Ecken von Mauritius, Südafrika und Hawaii empfohlen. Distanzlos wird über tiefe Naturerfahrungen beim Trekking in Nepal und auf der Safari in Namibia geschwärmt. Beim Bericht über die Ayurveda-Kur in Sri Lanka wird nicht erwähnt, dass aus dem gleichen Land Menschen zu uns fliehen. Und bei Berichten über Shopping-Touren nach Dubai sind die Arbeitsbedingungen der Angestellten auch kein Thema. Den Gipfel an mangelnder kritischer Distanz erreichen die Reportagen über Kreuzfahrten. Sogar der ehemalige Chefredaktor Artur K. Vogel lässt sich in die Karibik einladen, um über das Leben auf den Dampfern zu schwärmen. Damit es den Gästen auf den Weltmeeren und Flüssen, in Fjorden und Eisbergen trotz Kinos, Pools und Casinos nicht langweilig wird, fahren auch hiesige Künstler auf den Dampfern mit. Beatrice Egli trällert zwischen Dubai und Abu Dhabi. Pedro Lenz begleitet eine Leserreise in die Antarktis. Endo Anaconda, Florian Ast, Philipp Fankhauser und Marc Sway sangen ihre Weltverbesserungslieder auf einem Kreuzfahrt-Rockfestival. Und wer je von einem Selfie mit Christa Rigozzi träumte, kann sich diesen Wunsch ebenfalls auf einer Kreuzfahrt erfüllen.

     In Kreuzfahrt-Reportagen wird der ökologische Aspekt nie thematisiert. Darum sei er hier ergänzt: Ein Kreuzfahrtschiff erzeugt pro Passagier und Kilometer dreimal so viel Kohlendioxid wie eine Boeing 747. Die Schiffe fahren mit billigem Schweröl, das an Land als Sondermüll entsorgt werden müsste. Ein Kreuzfahrtschiff verbrennt pro Tag 200 Tonnen Schweröl und stösst 450 Kilo Russpartikel, 5’250 Kilo Stickoxide und 7’500 Kilo Schwefeldioxide aus. Die Umweltbelastung eines Dampfers entspricht pro Kilometer fünf Millionen Autos, beim Schwefeldioxid sogar 376 Millionen PKWs.

      Gerne würde ich für mein Zeitungs-Abo ein paar Franken mehr bezahlen, wenn ich dafür von Auto- und Reise-Reportagen verschont bliebe. Weil auf diesen Seiten Recherche und Reflexion durch Blauäugigkeit und Kommerz ersetzt wird, leidet leider die Glaubwürdigkeit der gesamten Zeitung.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 11. September 2016 
 

Pädagogischer Sündenfall

Der Zusammenhalt in der mehrsprachigen Schweiz will gelernt sein.
Aber muss er ausgerechnet am Frühfranzösisch aufgehängt werden?

Der Bundesrat will die Kantone zwingen, Frühfranzösisch auf der Primarschulstufe einzuführen. Dass die Landesregierung ein bestimmtes Schulfach höher einstuft als den Föderalismus, überrascht.

     Erstens ist es übertrieben, den nationalen Zusammenhalt am Fremdsprachenunterricht aufzuhängen. Die Schweiz wird durch viele andere Elemente zusammengehalten: durch die direkte Demokratie, die hohe lokale Autonomie, eine ausgeprägte Kultur der Kompromissbereitschaft bei der politischen Entscheidungsfindung sowie den hohen Standard der Wirtschaft. Hinzu kommen typisch helvetische Sekundärtugenden wie Fleiss, Disziplin, Pünktlichkeit, Ordnung und Sauberkeit. Und schliesslich fühlen sich Rheintaler, Engadiner, Waadtländer und Oberwalliser auch durch Henri Dunant, Roger Federer, Heidi, SBB, Cervelat, Käse, Schokolade und Uhren miteinander verbunden.

     Zweitens sollten die offiziellen Schweizer Landessprachen im Hinblick auf die Kohäsion nicht überbewertet und verklärt werden. Deutsch und Italienisch waren und sind für die Philosophie und Literatur sowie für Theater und Oper zweifellos wichtige Sprachen. Und Französisch war wegen der ehemaligen Kolonien eine Weltsprache. Aber echt völkerverbindend ist nun mal Englisch, das weltweit von 1,5 Milliarden Menschen gesprochen wird. Wenn Ärztinnen und Ingenieure, Banker und Chemikerinnen aus Zürich, Genf und Lugano an Sitzungen und Kongressen miteinander Englisch sprechen, so empfinden das zwar einige als kulturelle Verarmung und andere als Überforderung. Aber es ist ein Faktum, dass seit 20 Jahren ein Grossteil des Lernstoffs an den Unis in englischer Sprache verfasst ist.

     Drittens wird der Zusammenhalt in der Schweiz durch andere Mechanismen und Faktoren gefährdet als durch eine Schwäche in Französisch, Deutsch und Italienisch. Die Wahl- und Abstimmungsanalysen der letzten Jahre haben aufgezeigt, dass nicht mehr der Röstigraben die tiefste Kluft in der helvetischen Gesellschaft bildet, sondern die Unterschiede bezüglich Bildung, Wohlstand und Urbanität. So gesehen dient ein Landdienst für Stadtkinder mindestens so sehr der nationalen Kohäsion wie ein Aufenthalt in einer Stadt der Romandie.

     Viertens ist die Wirksamkeit des Fremdspracheunterrichts in der Primarschule alles andere als erwiesen. Schüler, die erst mit 13 Jahren Englisch lernen, holen Schüler mit Frühenglisch schon nach kurzer Zeit ein. Nicht der Lernbeginn, sondern die Lernintensität mit der höheren Anzahl Lektionen pro Woche ist Match-entscheidend. In der Schule lernt man Fremdsprachen analytisch, indem man Wörter auswendig lernt und Grammatik büffelt. Für Kinder unter 12 Jahren sind aber Grammatik- und Syntaxregeln ein Buch mit sieben Siegeln. Kindern auf der Primarstufe eine Sprache analytisch beibringen zu wollen, ist ein pädagogischer Sündenfall. Man kann aber Schüler von 7-12 Jahren generell für andere Länder und Völker sensibilisieren und dabei ein paar Vokabeln vermitteln, was zweifellos sinnvoll wäre.

     Fünftens genügen auch 4 Wochenstunden Französisch bzw. Deutsch auf der Oberstufe nicht, um uns in der anderen Sprachregion souverän bewegen zu können. Erstreben wir echte Fremdsprachenkompetenz, müssen Jugendliche mit 14 Jahren einen Monat und mit 17 Jahren ein halbes Jahr in der je anderen Sprachregion zur Schule gehen. Und selbst dann leckt auch eine mehrsprachig muhende Kuh die Mentalitätsunterschiede zwischen St. Gallen und Genf nicht weg. Einen Austausch zu erzwingen, scheint allerdings fragwürdig. Er sollte freiwillig sein. Dann allerdings bräuchte es deutliche Anreize. Die Rückkehr in dieselbe Klasse müsste garantiert sein. Und es sollte zu Beginn und nach Ende des Austausches toll gestaltete Einführungs- und Evaluations-Lagerwochen geben. Gestaltet man den Austausch freiwillig, ist allerdings zu befürchten, dass es vor allem bildungsnahe Eltern ihre Kinder dazu motivieren - was sie bereits heute tun.

    Und sechstens ist es grundsätzlich keine pädagogische Meisterleistung, wenn Kinder etwas tun sollen, wozu ihre Eltern und andere Erwachsene nicht bereit sind. Die Diskussion um das Frühfranzösisch erinnert mich an die Vorbereitung der katholischen Kinder auf die Beichte. Seit über 30 Jahren gehen keine 5% der Eltern zur Beichte. Will man, dass Kinder Französisch lernen, dann sollen die Eltern daheim 1-2 Mal pro Woche abends das welche téléjournal oder das telegiornale vom Tessin schauen. Und in allen Berufen sollten Erwachsene regelmässig Praktika in einer anderen Sprachregion absolvieren.  


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 14. August 2016 

Asyl-Verteilschlüssel neu definieren

Die Urner in Seelisberg kämpfen wie Stiere gegen ein Asylzentrum. Der Konflikt zeigt die wachsende Polarisierung auf zwischen Staat und Volk sowie zwischen den Bürgern.

Vor 700 Jahren verjagten die Urner ihren Vogt und kürzlich ihre Regierungsrätin. Aktueller Stein des Anstosses ist die geplante Asylunterkunft mit maximal 60 Flüchtlingen im 700-Seelen-Dorf Seelisberg. Die Regierung konnte das Projekt gar nicht präsentieren, weil die Seelisberger den Informationsanlass unter lautem Protest verliessen. Ähnliche Situationen sind aus anderen Gemeinden hinlänglich bekannt und werden sich vermutlich noch an weiteren Orten wiederholen. Statt die Herausforderung von Migration und Integration gemeinsam anzupacken, wächst beim Asylthema die Spannung zwischen Staat und Bevölkerung sowie unter der Bevölkerung selbst.

      Bürgerinnen und Bürger reagieren immer kritischer und heftiger, wenn sie vom Staat als reine Befehlsempfänger behandelt werden. Wutbürger verweigern gar den Dialog mit Behördenvertretern und missachten die Grundprinzipien der Kommunikation.

Die staatlichen Behörden ihrerseits kommunizieren bezüglich neuer Standorte von Asylzentren seit über 20 Jahren denkbar schlecht bis gar nicht. Die Urner Regierung hat im Juli ein Flugblatt in alle Haushalte von Seelisberg geschickt mit der Botschaft, dass in zwei Monaten die Bevölkerung um fast 10% wachse dank 60 jungen, männlichen Flüchtlingen. Inzwischen sollten die Regierungen und Migrationsämter von Bund und Kantonen eigentlich gelernt haben, dass es eine psychologische Grenze gibt für die Grösse von Asylzentren (ca. 3% der Bevölkerung) sowie für deren Lage (nicht gerade neben Schulhäusern). Asylbehörden sollten endlich lernen, mit der Zivilgesellschaft auf Augenhöhe zu verkehren und lokale Vereine, Basisgruppen und Schlüsselpersonen lange vor der Eröffnung von Asylzentren in die Planung miteinzubeziehen.

      Die Asylpolitik führt leider auch zu einer wachsenden Polarisierung zwischen den Bürgerinnen und Bürgern. Auf der einen Seite stehen die politisch korrekten, Multi-Kulti-Citoyens, die in den jungen Migranten angesichts der wachsenden Überalterung die künftigen Altersbetreuer, Krankenpfleger und Steuerzahler erkennen. Und auf der anderen Seite stehen die vermeintlich Zukurzgekommenen, die in den Flüchtlingen primär Sozialschmarotzer, Kinderschänder und Kleinkriminelle wittern. Die urbanen Bildungsbürger sehen in den ländlichen Wutbürgern unverbesserliche Jammerer, die eine gerechte Verteilung von Steuereinnahmen durch den Finanzausgleich dankend annehmen, aber eine gerechte Verteilung von Flüchtlingen, Sozialhilfebeziehenden und Kulturausgaben vehement ablehnen. Die Städter fragen sich, wen man auf dem Land eigentlich vor wem schützen muss und drohen gar mit Ferienboykott in den Bergregionen. Und die ländlichen Eidgenossen rechnen den arroganten Städtern vor, was es bedeuten würde, wenn man bei ihnen plötzlich Asylzentren mit x tausend Personen öffnen würde.

      Bedenkt man diese Positionen, gelangt man zum logischen Schluss, den Asyl-Verteilschlüssel neu zu definieren: Kantone und Gemeinden erhalten vom Bund Tourismus- und andere Fördergelder künftig in Abhängigkeit zur Anzahl Flüchtlinge, die sie aufnehmen und in den Arbeitsmarkt integrieren. So werden Rechte und Pflichten der Kantone und Gemeinden sinnvoll miteinander verbunden und die Rosinenpickerei wird relativiert.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 17. Juli 2016
 

Welchen Sport treiben Sie ?

Sport ist Mord, soll Churchill mal gesagt haben. In der Schweiz sterben jedenfalls mehr Menschen in den Bergen als an Wurstständen.

Sehnsucht nach der Grenzerfahrung?

Bei gesellschaftlichem Small-Talk bin ich nur schon darum verkrampft, weil meist jemand die Frage stellt, welche Sportarten ich betreibe. Da ich im Sommer hin und wieder im See plansche und im Winter mit den Fellen auf den nahen Hügel trotte, antworte ich jeweils lässig: Schwimmen und Skifahren. Und hoffe, dass damit das Thema erschöpfend behandelt sei. Gewisse Typen bohren aber weiter und versuchen mir das Gefühl zu verleihen, ich sollte in meinem Alter mehr für meine Fitness tun. In solchen Fällen erinnere ich mich und das Gegenüber gerne an die Film-Szene, wo sich in New York ein Jogger an Woody Allen vorbeischleppt und dieser lakonisch kommentiert: «Es ist unglaublich, was sich der Mensch antut, um den Verfall seines Körpers künstlich aufzuhalten.»

     Sport ist Mord!, wird der frühere britische Premierminister Winston Churchill zitiert. Sein Health-Credo war natürlich differenzierter: «Whisky, cigars and no sports». Aber selbst dieses Zitat ist nicht belegt. Ma se non è vero, è ben trovato. Churchill hatte zwar hohen Blutdruck, erlitt einen Herzinfarkt und zwei Schlaganfälle. Aber er wurde stolze 91 Jahre alt und machte trotz Whisky und Champagner, Amtsbelastung und Bewegungsarmut einen relaxten Eindruck.

      Sport ist Mord. Und Breitensport ist Massenmord, müsste der logische Schluss lauten. Gemordet wird bei sportlichen Übungen selten. Wohl aber sterben pro Jahr in der Schweiz durchschnittlich über 120 Personen beim Sport: etwa 50 beim Bergsport, 25 beim Wintersport und 20 beim Wassersport. Daneben verletzen sich jährlich 400'000 Sportskanonen zwischen Rorschach und Genf, Chiasso und Basel: etwa 130'000 bei Ballspielen und 100'000 beim Wintersport. Fussballer erhalten Knorpelverletzungen, Skispringer Magersucht und Marathonläufer Arthrose. Und auch wer sich im Sport nicht verletzt, lebt durch diesen nicht automatisch gesünder. Weder hilft Rennen gegen Cellulite noch ist es wirklich gut fürs Herz. Sogar Brustschwimmen kann wegen des Beinschlags zu Knieproblemen oder akuten Bandscheibenleiden führen. Radfahren vernachlässigt Arm- und Schultermuskulatur, was zu Nackenbeschwerden führen kann. Und das Dehnen vor dem Spörteln leiert die Muskulatur aus. Jede Dreifachturnhalle schafft eine neue Vollzeitstelle für einen Orthopäden.

     Manche Männer finden, sie müssten mit über 50 Jahren unbedingt an Marathonläufen in Zürich, Berlin oder New York mitmachen. Wenn sie damit ihrer 20-jährigen Liebhaberin imponieren wollen, ist das irgendwie nachvollziehbar. Aber mit ihrer atmungsaktiven Kluft, der farbig schimmernden Sonnerbrille und dem Kabelsalat an den Ohren wirken sie in der Regel so gelöst wie Medizinstudenten bei der Anatomieprüfung. Mit ihren speziellen Schritt-, Tempo-, Zeit-, Kalorienverbrauch- und Pulsmessern rennen sie ihrer fix geplanten Selbstoptimierung entgegen und ihrem natürlichen Körpergefühl davon. Daheim evaluieren die Tracking-Vernarrten die Grafiken ihres Laufverhaltens auf der Smartphone-App und hoffen, über den Datendschungel einen näheren Bezug zum Körper zu bekommen.

     Ich werde mich genau an dem Tag zum Spörteln aufraffen, wo mir der erste Jogger oder Langläufer begegnet, von dem ich den Eindruck habe, dass er die Umgebung wahrnimmt und geniesst. Und vielleicht sogar die Musse hat, einen Gruss zu erwidern oder auf den Lippen einen Ansatz von Lächeln zu produzieren.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 19. Juni 2016
 

Edel-Drama aus der Wohnwand

Von der EM ersehnt man(n) sich wilde Kämpfe zwischen echten Männern. Die Jungmillionäre auf dem Rasen verkörpern aber kein Drama, sondern die Dominanz von Kapital und Kommerz bei König Fussball.

Die Fussball-EM lockt derzeit Millionen Fauteuil-Sportler vor den Bildschirm und zahllose Autohuper auf die Strasse. Fussball sei die schönste Nebensache der Welt – zumindest für den testosterongesteuerten Teil der Menschheit. Bis ins 12. Jahrhundert gab es bei Ballspielen regelmässig Schwerverletzte und Tote. Diese archaische Seite des Spiels hat sich auf die Fankurven und vor die Stadien verlagert. Auf den Fussballfeldern selbst geht es heute gesitteter zu als im türkischen und italienischen Parlament. Kein Wunder, denn die Athleten sind fast so hoch versichert wie Bilder von Picasso und Van Gogh. Ihre Transfersummen übertreffen die Saläre der gierigsten Banker.

     Der Begriff «Sport» bedeutet Zerstreuung, Vergnügen und zweckfreie Erholung. Diese Aspekte sind längst passés. Nicht nur an EM und WM, sondern bereits beim Grümpelturnier von Affeltrangen und am Junioren-Turnier in Flawil geht es todernst zur Sache. König Fussball und viele andere Sportarten haben keine kompensatorische Funktion zur Leistungs- und Marktgesellschaft mehr, sondern sind deren Ausdruck und Zuspitzung. Sportlerinnen und Sportler werden immer früher gepuscht und für den Spitzensport selektioniert.

     Die endgültige Kommerzialisierung des Sports geschah mit den TV-Übertragungen in den 70-er Jahren. Die Haupteinnahmen im Sport stammen seither nicht mehr von Match-Besuchern, sondern von TV-Rechten und Sponsoren. Sport wurde zum Produkt, Mannschaften zu Marken und Sportler zu mobilen Werbeflächen. Als die EM anno 2008 in der Schweiz stattfand, ärgerten sich Gastronomen und Kiosk-Besitzer, weil in den Fan-Zonen nur Getränke und Kleider der Sponsorenfirmen verkauft werden durften und das lokale Gewerbe kaum vom Event profitieren konnte.

     Auch wurde der Fussballsport in den letzten 20 Jahren durch korrupte Schiedsrichter und Funktionäre entzaubert. Der Sport verlor seinen Heiligenschein auch wegen Dopingsündern wie Fussballgott Maradona. Bis zu seinem Urintest anno 1994 war Doping primär ein Problem der Radrennfahrer und Leichtathleten. All diese Missbräuche wühlen die Fans auf, weil sie im Fussball wie in der Religion noch immer nach einer Reinheit suchen, die sie im Privat- und Berufsleben vermissen. Darum projizieren die Sofa-Sportler auch während der jetzigen EM ihre Utopien, Wünsche und Sehnsüchte auf die Jungmillionäre in den französischen Arenen. All die kritischen und negativen Aspekte des Fussballs lösen sich schon kurz nach Anpfiff auf wie die Schaumkrone auf dem Bier. Die 24 Figuren auf dem Bildschirm lassen Terror-Milizen und Dichtestress, Rentenklau und Überschwemmungen, Masseneinwanderung und Erderwärmung 90 Minuten lang vergessen und zaubern Schnelligkeit und Kunst, Freud und Schönheit, Sieg und Jubel, Emotionen und Poesie sowie ein Häuchlein von Drama und Wildheit ins Wohnzimmer. Wer jedoch echtes Drama sehen will, muss seinen Blick auf die Strassen neben den Stadien in den französischen Banlieues werfen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" am 15. Mai 2016
 

Erneuter Angriff auf den Rechtsstaat

Das neue Asylgesetz würde den Rechtsstaat und die Menschenrechte gleich doppelt aushebeln.

Parlament und Bundesrat fordern mit der Abstimmung vom 5. Juni zum 11. Mal innert 33 Jahren eine Verschärfung des Asylrechts. Die Illusion, Migration über abweisende Asylgesetze lösen zu können, ist ungebrochen. Vor drei Jahren fand die letzte Verschärfung statt. Damals wurde das Einreichen von Asylgesuchen in Auslandsbotschaften abgeschafft – ein Todesurteil für politisch Verfolgte. Und Personen ohne gültige Reisedokumente erhielten automatisch einen negativen Asylentscheid, was inzwischen fast 100'000 Sans-Papiers zum Untertauchen und zur Schwarzarbeit trieb. Mit der jetzigen Asylverschärfung sagen Regierung, Parlament und viele NGOs JA zu etwas, was sie vor wenigen Monaten der SVP vorwarfen: Sie setzen den Rechtsstaat ausser Kraft und verletzen die Menschenrechte.

     Erstens wird die befristete Bestimmung, dass Wehrdienstverweigerung kein Asylgrund mehr ist, ins ordentliche Recht überführt. Diese Änderung richtet sich direkt gegen die Flüchtlinge aus Eritrea, die erwiesenermassen zu einem zeitlich unbefristeten Kriegsdienst gezwungen werden und Folter befürchten müssen. Artikel 18 im Uno-Pakt II sowie Artikel 9 der Europäischen Menschenrechts-Konvention postulieren das Recht auf Wehrdienstverweigerung aus Gewissensgründen.

     Und zweitens ist im beschleunigten Asylverfahren die Beschwerde gegen einen Entscheid innerhalb von sieben Arbeitstagen einzureichen. Im erweiterten Verfahren ist die Beschwerde innerhalb von 30 Tagen, gegen Nichteintretens-Entscheide innerhalb von nur fünf Arbeitstagen einzureichen. Dass das Asylverfahren insgesamt verkürzt wird, ist löblich. Aber der Zweck heiligt auch hier nicht die Mittel. Jede seriös arbeitende Anwältin und jeder noch so speditive Jurist bestätigen, dass ein professioneller Rekurs innerhalb der künftigen Fristen absolut unmöglich sei. Gemäss Verfassung gibt es keinen Grund, warum für Asylsuchende andere Beschwerdefristen gelten sollen wie für Schweizerinnen und Schweizer. Bundesrat und Parlament begehen zusammen mit SP und manchen Asylorganisationen halbherzig denselben Fehler wie die SVP mit der Durchsetzungsinitiative. Sie fordern zwei Rechtssysteme in ein und demselben Land. Der Rechtsstaat fordert aber die rechtliche Gleichbehandlung aller Menschen.

Auch überzeugen die weiteren Argumente der JA-Stimmenden nicht.

     Erstens beteuern sie, dass ein JA die systematische Information der Asylsuchenden über das Verfahren ermögliche. Nur: Mit Goodwill wäre das seit Jahrzehnten möglich gewesen.

     Das JA garantiere zweitens kostenlose rechtliche Unterstützung der Asylsuchenden. Nur: Staatlich bezahlte Juristen sind in ihrem Urteil nicht mehr unabhängig. Und ich vermute, dass bestimmte Kreise bereits am Tag der Abstimmung eine Initiative gegen die Gratis-Rechtsberatung ankündigen werden.

     Das JA verpflichte drittens die Kantone, den Grundschulunterricht für die in den Asylzentren untergebrachten Kinder zu gewährleisten. Nur: Das ist bereits seit 1955 Schweizer Recht.

     Und ein JA trage viertens den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, Familien und Fragilen besonders Rechnung. Nur: Auch das steht seit sechs Jahrzehnten in der Uno-Flüchtlingskonvention.

     Fazit: Die Initiative ist wie ein missratenes Medikament: eine an sich gute Hauptwirkung, aber viel zu viele negative Nebenwirkungen. Darum: zurück ins Labor! Es ist eigentlich eine Zumutung von Bundesrat und Parlament, dass Bürgerinnen und Bürger sich zu solchen Gesetzesvorschlägen an der Urne überhaupt äussern müssen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" zum Tag der Arbeit, 1. Mai 2016

Grundeinkommen – utopisch-vernünftig

Höhere Produktivität führt zu weniger Erwerbsarbeit pro Person. Das wiederum fordert eine gerechtere Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit.

Die Mehrheit des Schweizer Stimmvolks tickt mit ihrer Arbeitsmoral wie der Apostel Paulus vor 2000 Jahren:

"Wenn jemand nicht arbeiten will, soll er auch nicht essen." Darum hat das bedingungslose Grundeinkommen am 5. Juni an der Urne einen mehrfach schweren Stand. Auch die vermeintlich Zukurzgekommenen werden NEIN stimmen, weil selbst Reiche das Grundeinkommen erhalten sollen. Reiche müsste man zweifellos ermutigen, die Summe freiwillig in eine nationale Solidaritäts-Schatulle zu legen. NEIN stimmen wird auch die grosse Verlustangst-Fraktion, die im Grundeinkommen primär einen zusätzlichen Anreiz für Wirtschaftsflüchtlinge und Schein-Invalide aus aller Welt wittert. Diese Gefahr kann man jedoch lösen wie bei den AHV/IV-Zusatzleistungen, auf die man erst nach 10 Jahren Wohnsitz in der Schweiz Anspruch hat.

     Das Grundeinkommen ist kein Staatsgeschenk an Faulpelze. Seit den 80-er Jahren wissen wir, dass die Produktivität der Erwerbsarbeit konstant steigt und darum die Erwerbsarbeitszeit pro Kopf ständig sinkt. Auch werden mit der demografischen Entwicklung immer mehr unbezahlte, aber gesellschaftlich notwendige Dienste – von der Betreuung Angehöriger bis zu Milizämtern – auf immer weniger Schultern verteilt. Darum ist eine gerechtere Verteilung von bezahlter Erwerbsarbeit einerseits und unbezahlter Freiwilligenarbeit und privater Care-Arbeit andererseits unverzichtbar. Bis heute übernehmen Frauen den Löwenanteil der unbezahlten Arbeit. Das Grundeinkommen würde darum auch für mehr Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern sorgen.

     Ziel der Initiative für ein Grundeinkommen ist, «der ganzen Bevölkerung ein menschenwürdiges Dasein und die Teilnahme am öffentlichen Leben zu ermöglichen». Tatsächlich werden armutsbetroffene Menschen heute vom sozialen und kulturellen Leben stark ausgegrenzt – betroffen sind vor allem alleinerziehende Eltern und ihre Kinder. Heute kommt eine alleinerziehende Mutter, die 100% an einer Supermarkt-Kasse arbeitet, auf 3200 Franken Lohn plus 500 Franken Zulagen für ihre zwei Kinder. Mit dem Grundeinkommen von beispielsweise 1800 Franken für Erwachsene und 700 Franken pro Kind käme sie mit einer 50%-Stelle neu auf monatlich 4’800 statt 3'700 Franken und könnte so finanziell und zeitlich am öffentlichen und gesellschaftlichen Leben aktiv teilhaben.

      Die Gegner der Initiative halten das Grundeinkommen, das jährlich mit 200 Milliarden Franken zu Buche schlägt, für unbezahlbar. Sie vergessen oder verdrängen aber erstens, dass das heutige Sozialsystem mit den sechs Pfeilern AHV, KV, ALV, IV, Ergänzungsleistungen und Sozialhilfe kompliziert, unkoordiniert, ineffizient, personal- und kostenintensiv ist. Zudem gelten in jeder Gemeinde andere Richtlinien. Oft wissen nicht einmal die Fachstellen, was sie genau unterstützen müssen und was nicht. Zweitens könnte die nötige Finanzierung des Grundeinkommens überfällige Steuerreformen vorantreiben: vor allem die Besteuerung von Konsum, Energie und Finanztransaktionen. Drittens würden mit dem Grundeinkommen mehr Menschen Steuern bezahlen als heute. Und viertens würde das Grundeinkommen die Freiwilligenarbeit steigern. Vollzeitbeschäftigte leisten heute monatlich 8 Stunden Freiwilligenarbeit, Teilzeitbeschäftigte 9-11 Stunden und Nicht-Erwerbstätige über 15 Stunden.

Fazit: Was auf den ersten Blick utopisch erscheint, ist auf den zweiten Blick mehr als vernünftig.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom Ostersonntag, 27. März 2016

 

Auferstehung unerwünscht

Die Ostergeschichte bildete 2000 Jahre lang das Zentrum des christlichen Glaubens. Heute glaubt nur jeder Dritte an die Auferstehung - und kaum jemand ersehnt sie.

Meinungsforschungsinstitute haben in den letzten Jahren nicht nur die sinkende Zahl von Gottesdienst-Besucherinnen und Kirchenangehörigen, sondern auch das Schwinden einzelner Glaubensinhalte untersucht. So glaubt beispielsweise nur noch eine von drei getauften Christinnen und Christen an die Auferstehung Jesu und an ein ewiges Leben von uns Sterblichen. Der Rest feiert Ostern als legendäres Eiersuche- oder als Gotthard-Stau-Ritual.

     Neu ist, dass nicht nur zwei von drei Getauften den Osterglauben verloren haben, sondern dass Auferstehung und ewiges Leben gar nicht mehr erwünscht und ersehnt werden. Im kürzlich publizierten Buch «Wie hältst du’s mit der Religion?» waren die meisten der 27 prominenten Schweizerinnen und Schweizern der Meinung von Peter Bichsel, dass das Leben mit dem letzten irdischen Atemzug endgültig ausgeknipst wird. Und niemand wünschte sich wirklich, dass danach wirklich noch etwas weitergeht.  

     Die Vorstellung eines ewigen Lebens ist vermutlich für die meisten von uns darum kein Grund zur Hoffnung und zum Glauben mehr, weil wir im Diesseits übersättigt sind und uns selbst in der wildesten Fantasie nicht ausmalen können, dass nach dem jetzigen Paradies-Dasein noch etwas Tolleres folgen kann. Viele Menschen in der Schweiz langweilen sich bereits vor dem Tod über das Leben im Paradies. Für sie kann im Jenseits entweder nur ein sozialer Abstieg erfolgen oder eine ewige Fortsetzung des Zu-Tode-Langweilens. Um ein ewiges Jenseits ersehnen zu können, müsste uns irgendein Prophet nicht 16 Jungfrauen oder Jungmänner, sondern 500 TV-Kanäle und ewigen Gratis-WiFi-Empfang im Paradies garantieren können.

     Im Brief an die junge Christengemeinde in Korinth schrieb Paulus vor fast 2000 Jahren: "Wenn Christus Eurer Meinung nach nicht auferstanden ist, so ist unsere Predigt vergeblich und so ist auch euer Glaube vergeblich." Dass die meisten hierzulande an Sonntagen nicht mehr die Kirchenbank drücken, kann man auf Grund des wachsenden Individualismus und der veränderten Weekend- und Feiertags-Kultur leicht nachvollziehen. Aber wenn sich auch die zentralen religiösen Inhalte verflüchtigen, versteht man Kantonsrätinnen und Unternehmer, die versuchen, Berchtoldstag, Drei Könige, Auffahrt, Oster- und Pfingstmontag, Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, Allerheiligen, Mariä Empfängnis und Stephanstag aus dem Kalender der bezahlten arbeitsfreien Feiertage zu streichen. Eine weitere arbeitsfreie Woche würde die Tourismus-Branche zweifellos stärker ankurbeln als diese religiösen Festtage.

     Das Rad der Zeit lässt sich nicht zurückdrehen. Der Glaube an religiöse Inhalte und das Befolgen religiöser Lehrsätze werden in unseren Breitengraden nicht mehr so rasch erstarken. Aber die Werte, die das Christentum in den letzten 2000 Jahren von sich aus entwickelt oder von anderen Religionen und Kulturen übernommen und gefördert hat, bleiben bestehen und werden sich weiter entfalten und verbreiten, etwa in der Schweizer Verfassungspräambel oder in der Menschenrechts-Charta der UNO. Sie propagieren Frieden und Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität, Sorge für die Armen, für die kommenden Generationen und für die Umwelt. Diese Werte sind global akzeptiert. Und wenn sie sich tatsächlich verwirklichen, dann ist es gar nicht so bedrohlich, wenn sich unser Osterglaube mehr und mehr darin erschöpft, dass die versteckten Eier sicher bald in irgendeinem Schrank auftauchen werden.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 6. März 2016

 

Publizistische Verarmung

Seit 2014 wird das Management vom St.Galler Tagblatt von Zürich aus regiert, künftig auch die Redaktion.

Die Verarmung des Journalismus ist aber primär ein Produkt von CEOs, Aktionären und Verwaltungsräten.

Wenn Zeitungen fusioniert werden und wenn mehreren Chefredaktoren ein übergeordneter publizistischer Leiter vor die Nase gesetzt wird, raschelt es jeweils laut im Blätterwald. So auch Mitte Februar, als bekannt wurde, dass der Inlandchef der «NZZ am Sonntag», Pascal Hollenstein, die publizistische Leitung der NZZ-Regionalmedien «St.Galler Tagblatt» und «Neue Luzerner Zeitung» inklusive ihrer 12 Kopfblätter übernehmen wird.

     Die publizistische Verarmung geschieht aber nicht dadurch, dass Redaktoren lokal nicht verankert sind. Pascal Hollenstein muss nicht permanent und direkt neben der Olma, der Kapellbrücke oder der Fussball-Arena sitzen. Ausland-Korrespondenten in Johannesburg, Delhi, Peking, Moskau und New York leben sehr viel weiter weg vom Geschehen, manche könnten sogar in Zürich sitzen, da sie ihre Infos eh aus dem Internet fischen.

     Die publizistische Verarmung in der Zentral- und Ostschweiz ist auch keine Folge der untergegangenen Gesinnungspresse. Zur Erinnerung: 1991 fusionierte das katholische «Vaterland» mit dem liberalen «Luzerner Tagblatt» zur «Luzerner Zeitung». Und 1996 entstand durch die Fusion mit dem Ringier-Blatt «Luzerner Neuste Nachrichten» (LNN) das Monopolblatt «Neue Luzerner Zeitung». In der Ostschweiz schluckte das freisinnige St. Galler Tagblatt anno 1997 das katholische CVP-Blatt «Die Ostschweiz», wo einst Edgar Oehler und Marco Volken pointiert die Feder schwangen. Die publizistische Verarmung entstand nicht dadurch, dass die vom Kulturkampf geprägte Gesinnungspresse verschwand, sondern dadurch, dass den konfessionell getrimmten Postillen nicht ein echt liberaler Journalismus folgte, sondern wirtschaftsliberaler Mainstream, massenweise Online-News-Häppchen sowie Infotainment in top-gestyltem Layout. Engagierter Recherche-Journalismus à la Meienberg hat seit langem Seltenheitswert.

     Die publizistische Verarmung ist auch keine automatische Folge von Redaktionsfusionen, obwohl Monopolzeitungen sich nicht gleich stark um gute Geschichten bemühen müssen wie Zeitungen, die vor Ort stets an Konkurrenzblättern gemessen werden. Man könnte sich sogar eine einzige Tageszeitung in der Deutschschweiz vorstellen, wenn sie dafür das Niveau der FAZ, der Süddeutschen Zeitung oder von Le Monde hätte.

     Die publizistische Verarmung in der Schweiz existiert, weil immer mehr Zeitungen nicht mehr von Chefredaktoren, sondern von CEOs und deren Beraterstäben geleitet werden, die von Verwaltungsräten angeheuert wurden. Der Fisch stinkt bekanntlich am Kopf. Weder im 9-köpfigen Verwaltungsrat der NZZ noch im VR der AZ Medien und von Ringier sitzt jemand mit publizistischer Ausbildung. Einzig im VR von Tamedia findet sich ein Vertreter der Schreibergilde. Die meisten Verwaltungsräte sind Banker, Marketing-Gurus, Politikerinnen und Online-Technologen. Und leider interessieren sich selbst die Grossaktionäre der Verlage mehr für Aktienkurse und Hochseejachten als für unbestechliche Recherchen, differenzierte Hintergrund-Informationen und unkommode Meinungen.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 14. Februar 2016

 

Verfassung und Völkerrecht aushebeln

Bei der Abstimmung über die Durchsetzungsinitiative geht es nicht darum, ob kriminelle Ausländer ausgewiesen werden sollen, sondern um ein Aushebeln des Rechtsstaates.

Kriminelle Ausländer werden schon heute des Landes verwiesen. Die Durchsetzungsinitiative will die Richter nach dem politischen Willen einer bestimmten Interessengruppe dressieren, das Rechtsprinzip der Verhältnismässigkeit ignorieren sowie Ausländer vor dem Gesetz grundsätzlich ungleich behandeln. Man kann den Befürwortern der Initiative nur wünschen, dass sie selber wegen schwarz angestellten Putzfrauen, Erbschaftsdelikten oder Alkohol am Steuer niemals solchen juristisch restriktiven Bedingungen ausgeliefert sein werden.

     Mich hat beim Lesen des Initiativtextes vor allem ein Satz stutzig gestimmt, der ganz unauffällig dasteht, als würde es sich um eine banale Selbstverständlichkeit handeln. Wörtlich steht bei Punkt 4: «Die Bestimmungen über die Landesverweisung und deren Vollzugsmodalitäten gehen dem nicht zwingenden Völkerrecht vor.» Was bedeutet dieser scheinbar harmlose Satz auf Nicht-Juristendeutsch?

     Erstens definieren die Initianten Ausschaffungen als Teil des nicht-zwingenden Völkerrechts. In der Bundesverfassung sind Ausschaffungen jedoch klar Teil des zwingenden Völkerrechts, das über Bundesrecht steht. Artikel 25 bestimmt, dass Flüchtlinge nicht in einen Staat ausgeschafft oder ausgeliefert werden dürfen, wo Folter oder eine andere Art grausamer und unmenschlicher Behandlung oder Bestrafung drohen. Dieses zwingende Völkerrecht wollen die Initianten umgehen und darum dessen Einhaltung nicht durch das Bundesgericht kontrollieren lassen.

     Zweitens erlaubt die Durchsetzungsinitiative, dass künftig Bestimmungen des nicht-zwingenden Völkerrechts verletzt werden dürfen, beispielsweise das im Artikel 8 der Europäischen Menschenrechtskonvention garantierte Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens oder das Recht auf Einzelfallprüfung bei Ausweisungen.

     Und drittens verbirgt sich in der Durchsetzungsinitiative das radikale Anliegen «Landesrecht vor Völkerrecht». Im Jahre 1989 wurde das Wiener Übereinkommen über das Recht der Verträge durch die Schweiz in ihr Landesrecht übernommen. Artikel 27 verbietet es einer Vertragspartei, "sich auf innerstaatliches Recht zu berufen, um die Nichterfüllung eines Vertrags zu rechtfertigen". Mit der Durchsetzungsinitiative würde diese Vereinbarung klammheimlich aufgelöst. Folglich müsste die Schweiz ihre völkerrechtlichen Verträge kündigen.

     Letztlich geht es bei der Durchsetzungsinitiative nicht darum, ob ein ausländischer Bankräuber automatisch oder auf Grund einer differenzierten rechtlichen Beurteilung ausgewiesen wird. Vielmehr geht es darum, dass über eine punktuelle Verfassungsinitiative eine Grundfeste des Rechtsstaats ausgehebelt werden soll. Dieses Vorgehen widerspricht dem Fundament der demokratischen Tradition. Ohne die Beachtung rechtsstaatlicher Grundsätze verkommt die Demokratie zum Pokerspiel weniger einflussreicher Plakat- und Meinungsmacher und in der Folge zur Diktatur einer offenbar leicht manipulierbaren Mehrheit.

     Man darf durchaus die Meinung vertreten, dass kriminelle Ausländer härter angepackt werden sollen. Dafür braucht es die Durchsetzungsinitiative aber nicht. Sie schüttet vielmehr das Kind mit dem Bade aus und torpediert den gesamten Rechtsstaat.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 17. Januar 2016

 

Wurscht herrscht

 

Der Uno-Klimagipfel von Paris hat mutige Ziele gesetzt.

Gleichzeitig belegen Umfragen und Statistiken, dass wir immer mehr Energie verbrauchen.

Mobilität will früh gelernt sein

Mitte Dezember 2015 wurde in Paris von der Uno-Versammlung ein Klimaabkommen beschlossen, das die Begrenzung der globalen Erwärmung wenn möglich auf nur 1,5 °C gegenüber dem Beginn des Industriezeitalters vorsieht. Vor allem klimaschädliche Treibhausgase sollen reduziert werden. Doch es wurden keine Massnahmen beschlossen, welche die hehren Ziele realistisch erscheinen lassen. Das Schlussdokument verzichtete auf bindende Ziele für den CO2-Ausstoss und die Behandlung des Grundproblems billiger fossiler Brennstoffe. Auch wurde die Belastung durch Flugverkehr und Schifffahrt gänzlich ausgeklammert.

     Tatsache ist, dass die Öl-Gewinnung aus Schiefergestein in den USA Öl und Benzin extrem verbilligte und die Entwicklung und Verbreitung erneuerbarer Energien torpediert. Das billige Benzin heizt auch den Verkauf von Geländewagen und SUV-Boliden weiter an, in der Schweiz jährlich um 4 bis 5 Prozent – vor allem in den Städten, wo besonders viel Schnee liegt. Selbst in traditionell linken Zeitungen loben die Autotester die neuesten Range-Rover, VW Tiguan, Audi-Q und Mercedes-G-Modelle kritiklos in höchsten Tönen, während ihre Kollegen Wanderferien auf den Seychellen, Trekkings in Guatemala, Kreuzfahrten in der Karibik, Shopping in Dubai sowie Heli-Skiing in Zermatt und in Kanada anpreisen.

     Verblüffend ist auch die Tatsache, dass im Land der Mieter, wo offiziell gegen Zersiedelung und für urbane Verdichtung politisiert wird, der Anteil der Wohnraumbesitzer gegenüber den Mietern seit 1970 von 28,5 auf 41,7 Prozent gestiegen ist. Die jüngste Studie von MoneyPark berichtet, dass die Hälfte der Schweizer unter 30 Jahren von einem Eigenheim träumt. In der gleichen Zeitspanne von 45 Jahren ist in der Schweiz auch die durchschnittliche Wohnfläche pro Person von 30 auf 45 Quadratmeter gestiegen – Tendenz steigend. Und auch mobilitätsmässig hinterlassen die reisefreudigen Schweizer einen respektablen ökologischen Fussabdruck. Wir legen pro Person und Jahr über 20‘000 Kilometer zurück – zwei Drittel davon im Inland und ein Drittel im Ausland. Mehr als die Hälfte betrifft den Freizeitverkehr. 49% werden mit dem Auto zurückgelegt, 26% per Flugzeug und 19% im öffentlichen Verkehr. Insgesamt hat sich in der Schweiz seit 1950 der Energieverbrauch mehr als verfünffacht. Weltweit verbraucht jede Person pro Tag 2000 Watt Energie. In der Schweiz war das 1960 auch der Fall und soll im Jahr 2100 wieder so sein. Heute aber verbrauchen wir fast 6000 Watt pro Tag, was über 5‘000 Liter Heizöl oder Benzin pro Jahr entspricht.

     Nun könnte und sollte man eine lange Liste möglicher Massnahmen aufführen. Das Problem ist aber nicht, dass wir diese nicht kennen, sondern dass der Weg vom Kopf über das Herz zur Hand offenbar nicht funktioniert, weil es vielen von uns letztlich Wurst ist, ob und was nach uns auf dem Planeten folgen wird. Selbst in den meisten benzinfressenden Geländewagen sind im Fond Kindersitze montiert. Gleichgültigkeit kennt keine Grenzen. Darum plädiere ich gleich für eine sechsspurige Autobahn durch den Gotthard. Dabei fällt mir ein alter Witz ein.

     Zwei Planeten begegnen sich im Weltall. Fragt der eine: »Wie geht es dir?« Antwortet der andere: »Es geht mir ziemlich schlecht. Ich bin krank. Ich habe Homo sapiens.« Sagt der eine: »Das tut mir leid. Das ist schlimm. Ich habe das auch gehabt. Aber tröste dich, es geht vorüber.«


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 27. Dezember 2015

 

Was uns im Innersten zusammenhält

Manche Abstimmungen im neuen Jahr werden für hitzige Debatten sorgen. Der Kampf für Eigeninteressen erschwert zunehmend das Finden von Kompromissen. Grund genug für eine Wertedebatte.

Das Jahr 2016 steht vor der Türe. Bei mehreren Abstimmungen ist für hinreichend Zündstoff gesorgt. Am emotionalsten wird es bei der Durchsetzung der Ausschaffung krimineller Ausländer sowie beim Verzicht auf die Wiedereinführung von Zuwanderungskontingenten zu und her gehen. Die Spekulation mit Nahrungsmitteln und die Sanierung des Gotthard-Strassentunnels werden auch für rote Köpfe sorgen. Und auch der Schutz der Privatsphäre, die Stärkung der AHV, der geordnete Ausstieg aus der Atomenergie und die Wiedergutmachung für Verdingkinder werden hitzig diskutiert werden.

 

Egal, ob es um Asyl- oder Finanzfragen, Sicherheits- oder Energiepolitik, Sozial- oder Generationenthemen geht: Es gibt immer Personen und Gruppierungen, die ihre eigenen Interessen über das Gemeinwohl und über den Gemeinnutzen der Gesellschaft stellen werden. Mitglieder vom nationalen und von kantonalen Parlamenten klagen zunehmend darüber, dass die typisch schweizerische Suche nach Kompromissen und Konsens mehr und mehr der Durchsetzung von Eigeninteressen weicht. Grund genug, um sich auf das gemeinsame Fundament zu besinnen und die gemeinsamen Werte zu stärken. Diese Werte stehen leitbildmässig in der Präambel der Schweizer Bundesverfassung von 1999.

 

Interessant und typisch schweizerisch ist bei der genauen Lektüre der Präambel, dass sich die Werte sprachregional inhaltlich unterscheiden.

Im zweiten Satz, wo es auf Deutsch heisst: „im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken, besitzt die italienische Version einen kleinen, aber wesentlichen Zusatz: „risoluti a consolidarne la coesione interna”. Offenbar ist für die italienisch sprechende Minderheit im Tessin und in Graubünden die Stärkung des inneren Zusammenhalts im Land wichtiger als für die Bewohner nördlich der Alpen. Grund für diesen Zusatz ist eine simple Schlamperei der damaligen parlamentarischen Redaktionskommission. Dieselben Parlamentarier haben auch an einer anderen Stelle auf eine Schlusskontrolle verzichtet.

Der Präambelteil im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben lautet auf Französisch „déterminés à vivre ensemble leurs diversités dans le respect de l'autre et l'équité“. Die französische Version erwähnt die Einheit nicht und ersetzt Rücksichtnahme durch Gerechtigkeit. Dieser Unterschied ist massiv.

Und die rumantsche Übersetzung spricht an dieser Stelle von „unitad en toleranza e respect vicendaivel”, also von Einheit in Toleranz und gegenseitigem Respekt. Freilich kann man nicht jeden Begriff 1:1 in eine andere Sprache übersetzen. Aber Toleranz ist definitiv nicht dasselbe wie Rücksichtnahme.

 

Es geht nun nicht darum, die Präambel neu zu übersetzen, sondern darum, die Werte dieses Textes regelmässig in Schulen, Vereinen, Parteien und Parlamenten zu diskutieren und die Werte je neu zu deuten und konkret umzusetzen. Manche Lesende wenden vielleicht ein, dass wir wichtigere und dringendere Probleme haben als über unsere Werte zu debattieren. Doch die Wertedebatte ist nötiger denn je, damit klar ist und bleibt, was uns in unserem Land nebst dem starken Franken, dem weissen Kreuz und dem unsäglichen Morgenrot im Innersten zusammenhält.


Meine Kolumne in der Serie "Unkommod"

in: "Ostschweiz am Sonntag" vom 29. November 2015

 

Spenden als Wohlfühl-Programm

Reiche wollen mit ihren Spenden die Probleme in der Welt effektiver lösen. Was auf den ersten Blick plausibel und notwendig erscheint, ist jedoch eine neoliberale Neuauflage des Feudalismus.

Die Schweiz ist ein Land von Spendern – speziell im Monat Dezember. Das ist gut so.

Fragwürdig ist hingegen die neue Kaste junger superreicher Spender. Deren Strategie „earning to give“ klingt zwar plausibel: Erstens möglichst viel verdienen, um möglichst viel spenden zu können. Und zweitens dort spenden, wo die Hilfe am meisten bewirkt. „Effektiver Altruismus“ und „High impact philanthropy“ klingen zwar schön, enthalten aber mehrere Widersprüche:

    Erstens ist das Almosengeben der Superreichen nicht vom Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft beseelt. Es ist vielmehr eine Neuauflage des mittelalterlichen Feudalismus. Die Reichen sollen noch reicher werden. Und durch einen modernen Ablasshandel können und sollen die edlen Spender ihr Gewissen aufpolieren und sich gut fühlen.

    Zweitens kann man die Wirkung von Spenden nicht allein mit Zahlen messen – und die Sinnhaftigkeit schon gar nicht. Ansonsten dürften wir in der Schweiz kein einziges Sozialwerk mehr unterstützen und müssten auch die Spitzenmedizin einstellen, weil man mit demselben Betrag irgendwo in Afrika immer 30 Mal mehr Personen helfen kann. Wenn wir darüber diskutieren, ob eine neue Hüfte für einen 85-jährigen Schweizer oder 50 Computer für Schüler in Haiti wertvoller seien, geraten wir in Teufels Küche. Man soll das Eine tun und das Andere nicht lassen. Dass der Philosoph Peter Singer hinter dem effektiven Altruismus steckt, überrascht wenig. Er plädierte schon vor 20 Jahren für die Tötung von behinderten Neugeborenen, weil man mit dem Geld für deren Pflege effektiver helfen könnte.

    Drittens ist das Geld der Superreichen nicht wertneutral. Es nicht egal, woher ihr Geld für karitative Spenden stammt. Wenn Investmentbanker an der Börse mit Nahrungsmitteln wie Weizen und Mais spekulieren und Bauern in die Armut treiben und danach von ihren Gewinnen Brosamen an dieselben spenden, so ist das weniger als ein Nullsummenspiel.

    Viertens müssten Altruisten, um wirklich effektiv zu sein, ihr Geld als Steuern dem Staat abgeben, der über professionelle Strukturen der Entwicklungszusammenarbeit verfügt. Es ist für Einzelne unmöglich, die Effizienz und Effektivität von Projekten in fernen Kontinenten zu prüfen.

    Fünftens bewirkt die Forderung nach Effizienz und Effektivität bei Geldspenden eine zusätzliche Bürokratie. Wirkungsanalysen sowie Output-, Outcome und Impact-Messungen bei Stallbauten im Kaninchenzüchterverein und bei Schwimmkursen im Kindergarten sind unverhältnismässig und darum unsinnig. Soziale und karitative Hilfe lässt sich nicht durch ein rein ökonomisches Kosten-Nutzen-Kalkül betrachten und bewerten.

 

Menschen sollen sich auch weiterhin mit Zeit, Geld, Arbeit und Know-how einsetzen, weil sie sich primär von Leiden betroffen fühlen, Mitgefühl entwickeln und sich mit den Zielen und Aufgaben einer Organisation oder eines Projekts identifizieren. Ob Spenden effektiv und effizient eingesetzt werden, ist zwar wichtig. Wenn man die Effizienz und Effektivität aber über alles stellt, wird am Ende überhaupt nicht mehr gespendet, weil es immer eine noch effektivere Hilfe gibt. Das Gute sollte beim Spenden nicht der Feind des Besseren sein. Das biblische Bild von der linken Hand, die nicht wissen soll, was die rechte gibt, gefällt mir besser als die Strategie der effektiven Altruisten. Die Schweiz soll trotz Ineffizienz-Risiko ein Land von Spendern bleiben.